KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1919
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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sein seines Judeseins gebracht worden. Meint man hnit jenem Mehr an Judentum zugleich, daß es auf Kosten des deutschen Gemeinschaftsgefühls entstanden sei. so ist auch dieser Wahrnehmung eine gewisse Berechtigung nicht abzusprechen. Und nicht nur für die feldgrauen deutschen Juden. Die bittere Schmach der Judenzählung hat tief getroffen. Tie freudige und opferwillige Mitarbeit hat den deutschen Juden vor entehrendem Schimpf und weiterer Entrechtung nicht bewahren können. Ist es dann zu verwundern, daß der sich seinem Volke in neuem Vertrauen Erschließende sich jetzt scheuer als zuvor wieder verschließt, daß — in gefährlicher Selbsttäuschung — die Verbitterung in ihm den Gedanken aufkeimen läßt, aus der Gemeinschaft mit den ewig Unduldsamen zu scheiden und das Band mit dem deutschen Volksganzen preiszugeben? Zu diesen Schwankungen des Empfindens treten nun vor allem die für die Ostjudenfrage hochbedeutsamen Tatsachen der weltgeschichtlichen Gegenwart: Die von der Friedenskonferenz zu erwartende Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina — gleichviel in welcher politischen Form —, zugleich die völkerrechtliche Anerkennung der kulturellen Autonomie für die Ostjuden. Auf die noch recht ungewiffen Einzelheiten dieser Entwicklung soll hier nicht eingegangen werden; der bloße Hinweis auf diese Geschehnisse im Zusammenhang mit der Klarstellung des augenblicklichen psychischen Zustandes der deutschen Judenheit genügt, um zu begründen, daß unsere jüdische Gedanken- und Gefühlswelt sich in Aufruhr und Unordnung befindet und daß es dringende Forderung ist, durch redliches Mühen Selbstbesinnung und Klarheit zu schaffen, zugleich aber dem neu erstarkten jüdischen Antrieb Wirkung zu geben. Beides — die Festigung und Gesundung der haltlos Wankenden und die Neubelebung und Verinnerlichung des jüdischen Empfindens — bedingt sich wechselseitig; das Gleichgewicht eines gesunden Wirklichkeitsempfindens wird dem deutschen Juden nur zu geben sein, wenn auf der Seite des jüdischen Wollens vermehrte und vertiefte Werte eingesetzt werden. Werte, die man bisher vielfach in starrer Engherzigkeit ferngehalten bat. Unsere Anschauung von unserem Judentum bedarf der Befreiung aus kleinlichen Fesseln. Es geht nicht länger an, daß wir den judenseindlichen Anwmfen und den national jüdischen Gefühlstäuschungen, also äußeren widerstrebenden Anschauungen die Richtschnur entnehmen für das, was wir im einzelnen fühlen und wollen. Unsere Lebensanschauung muß von innen heraus fester verankert werden. Nicht mehr dürfen taktische Erwägtwgen uns den Blick verdunkeln, sondern unbefangene, wahrhafte Selbstprüfung muß darüber entscheiden, was uns als jüdische Persönlichkeiten mit dem jüdischen Ganzen in organischer Lebenswärme zusammenhält und was uns auf Grund unseres geschichtlichen Werdens mit dem deutschen Volksganzen, seinem kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Streben hat zusammenwachsen laffen. Der oft geflissentlich genährte Gedanke, daß lediglich das religiöse Bekenntnis uns von den im übrigen völlig gleichartigen Gliedern des deutschen Volkes scheide, die Verkennung gewisser — jenseits der Konfession stehenden — Momente unserer Religion und unserer Geschichte, die Verleugnung unserer besonderen Stammesart, alle diese krampfhaft versuchten Einengungen des jüdischen Fühlens, durch die man eme teilweise Jdeengemeinschaft mit den zionistischen Widersachern zu vermeiden strebte, werden vor der Macht der warm hervorquellenden jüdischen Empfindungen nicht mehr Bestand haben. Das Bewußtsein der durch Glauben, Stammesart und Geschichte fest begründeten Solidarität mit den jüdischen Brüdern außerhalb der deutschen Grenzen, das man in kleinlicher Scheu vor dem antisemitischen Geschrei über die jüdische vaterlandslose Internationale mehr und mehr hat verkümmern laffen, bricht sich mit natürlicher Gewalt wieder Bahn in einer Zeit, welche die Ueberspannung der nationalen Abschlicßung zu befestigen und eine friedliche Vereinigung der gesamten Menschheit zu verwirklichen erstrebt. Wird in dieser Weise der Ausgangspunkt für unser jüdisches Selbstbewuß'sein nicht in die Außenwelt. sondern in uns selbst gelegt, indem wir zugleich neben der unzulänglichen Sonde des nüchternen Verstandes auch das Gefühl und seine echten Wallungen zur Geltung bringen, dann werden wir uns den Weg geebnet haben für ein lebendiges Judentum, das alle seine herrlichen Säfte und Kräfte ungehemmt zu freiem Wachstum entfaltet. Es werden dann alle wirklich jüdischen Werte auch den deutschen Juden mit ihrem Lebensstrom erfüllen und ihn als wertvolles organisches Glied dem jüdischen Ganzen erhalten. Der deutsche Jude selbst wird nur auf diesem Wege wieder zu innerem Gleichgewicht, zu fester Geschlossenheit und lebensfrohem Bewußtsein seiner Persönlichkeit gelangen, nur so seinem Nächsten Achtung ultd Anerkennung des jüdischen Namens abnörigen. Kann der deutsche Jude in dieser inneren Freiheit sein jüdisches Wollen auswirken, dann wird ihm auf der anderen Seite sein gesunder Wirklichkeitssinn vor gefährlichen Uebcrlretbungen und wirklichkeitsfremden Phantasien bewahren. Er wird sehr bald von neuem die Erkenntnis in sich festigen, daß seine völlige Gleichsetzung mit dem östlichen Bruder, insbesondere in den kulturellen Bedürfnissen, nicht angängig ist, daß der besonderen, durch