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KC-Blätter · 1918-09-01 · Heft 24 (September 1918) · p. Seite 1167

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 24 (September 1918)
Date
1918-09-01
Page
Seite 1167 (sequence 32)
Language
German
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1167 jüdische Interessen verfolgt, sehr erfreulich, denn es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die streng religiöse Richtung des Misrachi unter allen Parteien des Zionismus die gesündeste darstellt. Von Aeußerlichkeiten sei noch heroorgehoben, daß, soweit wir es zu überblicken vermögen, die allgemeine deutsche Presse von dieser Veranstaltung keine Notiz genommen hat. Ob dies nun darauf zurückgeht, daß sie ihr wenig Bedeutung bcimaß, oder ob man sie offiziell nicht hinzuzuziehen für ersprießlich hielt, kann dahingestellt bleiben, in beiden Fällen ist es ein erfreuliches Ergebnis. Nachträglich erscheint in der zionistischen Prager Zeitschrift „Selbstwehr" ein Stimmungsbild, dem wir folgende sehr bezeichnende Stelle entnehmen: „Wer diesen Jugendtag nach dem äußerlichen Geschehen beurteilen wollte, müßte berichten: erregte Wortgefechte, immer heftiger sich zuspitzende Konflikte und schärfer auf einander prallende Gegensätze, immer wachsende Verwirrung, von einem einheitlichen geschlossenen Bilde keine Spur. So weit das äußere Geschehen. Und soweit haben diejenigen Recht, die nicht gerade zuviel von einer einheitlich geschlossenen nationaljüdischen Jugendbewegung Deutschlands erhoffen. Denn was sollen diese endlosen, in ihrer Unjugendlichkeit abstoßenden Debatten über Erziehung, Tradition, Judentum, Volk, Menschheit, Gott — über alles, worüber geschwätzige, des Redens ach! so geübte Zungen sprechen können, was sollen diese geistreichen Diskussionen anderes als ein Bild der Verwirrung, Ungeklärtheit und Uneinheitlichkeit geben? Zum Teil trägt an diesem ungünstigen äußeren Eindruck der die Tagung vorbereitende Ausschuß schuld. Die Massenversammlung am Sonntag mit einer Ansprache Walter Moses war nicht der geeignete Platz für die Aufstellung von programmatischen Thesen, deren Richtigkeit von dem größten Teil der Versammelten angezweifeltund lebhaftesten Widerspruch erregen mußten. Man mag über Wert und Bedeutung der Tradition für unsere nationale Erziehung denken, was man will, keinesfalls darf vor einer Massenversammlung ein Einzelner seine höchst persönlichen Ansichten hierüber in einer Form vortragen, die den Anschein erwecken muß, als wären diese persönlichen Ansichten Programm und Dogma der ganzen Gemeinschaft, in deren Namen sie verkündet werden. Das war der erste Fehler des vorbereitenden Ausschusses: Laß er diese sozusagen offizielle Ansprache nicht vorher auf Form und Inhalt geprüft hatte. Der zweite Fehler der, daß er, nachdem schon ein arger Mißgriff geschehen war, die bereits vorhandene Disharmonie durch eine manchmal ganz toll anmutende Debatte über diese Ansprache noch verstärkte. Der Montag fing wohl sehr schön an mit einem gehaltvollen Referat Calvarys (der überhaupt auf der ganzen Tagung sich die größte Mühe gab, über den oft allzu persönlich werdenden Uneinigkeiten das Allen Gemeinsame, Einigende zu betonen und das Niveau der Diskussion zu Heven), auch Bub er sprach ganz wundervoll über „Jugend und Religion", aber schon mit dem Erziehungsfragen gewidmeten Referat Ostertags setzte die wütende, jede Spur von Ziel und Zweck verheißende Debatte ein. Die einen: absolute Leugner jeder Traditton, jeder Beschäftigung mit jüdischen Inhalten und Stoffen, nur jung, nur Menschen, die kraft ihres jüdischen Blutes mit allem, was sie tun, eine Erhöhung des Mensch- und Judentums gleichzeitig in sich zu vollziehen glauben, ohne daß stetes Lernen, stetes Beschäftlgen mit jüdischen Stoffen ihnen nötig scheint, — die anderen erschüttert von dem Zwiespalt ihrer westjüdischen Seele, erkennend, welche Fülle der Arbeit es noch zu leisten gilt, um Anschluß zu finden an die jüdische Kultur, an das Volksleben, um sich zu retten aus der geistigen Not, des Galuth. Und so wurde mit aller Kraft der Beredsamkeit aufeinander losgeschlagen, immer erregter und stürmischer wurde die Debatte, in deren Verlaufe Blumenfeld, Max Strauß, Nachum Goldmann, Karl Glaser auf der einen, Sydney Haskcl, Rosolio, Lichtinger und Hans Kohn auf der anderen Seite sprachen. Auch Bub er sah sich veranlaßt, nochmals im Laufe derDebatte gegen den „jüdischen Futurismus" das Wort zu ergreifen, ebenso versuchte Cal v a ry in seinem Schlußwort zu zeigen, wie sehr die jüdische Jugendbewegung sich von der deutschen unterscheide, wie sehr Arbeit, ernste, anspruchslose, beharrliche Arbeit für unser in so abnorrnalen Zuständen lebendes Volk nottue, — es war alles vergeblich, die Kampfstimmung war aufs höchste gestiegen, um eine Bereinigung der Anschauungen zu erzielen. Ueber Jugendzeitschriften enthält die Nummer 9 der Hamburger Jüdischen Nachrichten einen Artikel von Cheskel Zwi Klötzel, der in glücklicher Weise gegen ihre gesuchte Geistigkett polemisiert. Aus diesem Arnkel seien die folgenden Sätze angeführt: Aehnlich liegt es mit dem „Jerubbaal", nur daß dieser sich schon auf der ersten Seite des ersten Heftes dagegen verwahrt, das zu sein, was das von mir gewünschte Blatt werden müßte: eine „Jugendzeitschrift". Der „Jerubbaal" ist eine „Zeitschrift der Jugend", in der alles von der Jugend für die Jugend geschrieben ist. Aber selbst, wenn dieser Standpunkt nicht so stark betont würde, hätte der „Jerubbaal" in den vorliegenden drei Heften bewiesen, daß er sich nicht zur Jugendzeitschrift" eignet. Er redet in manchen seiner Beitrage so sehr über die meisten jungen Köpfe hinweg, daß er für sie einfach nicht in Frage kommt. Es gibt sogar ergraute Köpfe, die sich trotz jugendlicher Seele vergeblich bemüht haben, alles zu verstehen, was der „Jerubbaal" verständlich zu machen sucht. Er scheint mir bedeutsam als der Tummelplatz derer unter uns, die denken gelernt haben oder auf dem besten, wenn auch nicht geradesten Wege dazu sind; aber ich glaube nicht, daß die große Masse unserer Jugend viel mit chm anzufangen weiß. Was ich mir unter dieser „Jugendzeitschrift" vorstelle, ist etwas ganz Einfaches. Einfachheit soll chr Wesen sein. Verzeiht, daß ich das ohne jede Vorbereitung und ohne jede begüttgende Einschränkung so dahersetze. Ich weiß, daß Einfachheit des Denkens, Fühlens und Handelns, und somit auch des Sprechens und Schreibens bei uns nicht sonderlich gewertet wird, und daß man sehr leicht geneigt ist, Einfachheit mit Einfalt zu verwechseln. Ich weiß, daß bis in unsere Jungen und Jüngsten hinein die Manie herrscht, möglichst kompliziert zu erscheinen und die Dinge nicht mit natürlicher Harmlosigkeit zu betrachten tdie meinetwegen auch einmal Ahnungslosigkeit sein darf), sondern von Gesichtspunkten aus, die ein möglichst verzwicktes Verhältnis zu den Dingen und Geschehnissen ergeben. Ich weiß, daß es dieselben Kinder, die aus der Wanderung ihr Lied mit echtester Jugendlichkeit schmettern, bei der nächsten Rast fertig bringen, über den Begriff der „Nattonalität" zu philosophieren, und daß die vollendeteste Kippe am Reck keine Gewähr dafür bietet, daß der muskelstarke Turner nicht zehn Minuten später sich tiefsinnige Aussprüche über den Geist der Propheten leistet. Aber ich weiß auch, daß unsere Jungen in Stunden der Selbstbesinnung sich schrecklich unglücklich fühlen unter der falschen Kompliziertheit ihrer jungen „Jungenseelen", unter der „Tragik", die zu empfinden sie sich durch ein irregeleitetes Gefühl und durch ein paar recht überflüssige Phrasen einiger „Führer" für verpflichtet halten. Und oaß sie nichts mehr wünschen, als wenigstens so einfach sein zu dürfen

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