KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 24 (September 1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- Seite 1165 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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1165 Pose oder moralische Entrüstung erzählt, wie bei Zweig überhaupt die Form stets gefällig ist. Aehnlich übrigens wie Petcr Nansen die Kopenhagener in seinen „Brüdern Meuthe" schildert. Zweig verrät auch zweimal (Abreise, Bürgermeister) eine Hinneigung zu dieser Stadt des leichten, raschen Genusses. Dies liegt in feiner Art vielleicht. — „Jerusalem errettet" zeigt den typisch panischen Schrecken. Sinnlose Angst bricht Nachts in die Reihen der draußen lagernden Feinde, sie morden einander und die Stadt ist frei. Dem Dichter liegt die Spitze, ein typisches Erlebnis, die Kleinmalerei und die hierzu nötigen Bilder. Zweig täte aber gut daran, knappere Sätze zu schleifen und nicht zu häufig aus der Konstruktion zu fallen — das macht unruhig. Oft auch bin ich Bildern begegnet, die fein sind, aber nicht lebendig machen. Nicht — in verzeihlicher Autoreneitelkeit — zuviel Lichter aufsetzen: sie leuchten wohl, aber wärmen nicht. Knappheit. Das auch zeichnet uns aus gegenüber dem färben- und wortreichen, zum Spielen geneigten Romanen. Deshalb ist auch die Art der Ekstatiker nicht mein Fall, — ein Bild jagt das andere und keine eben begonnene Bewegung kann in Ruhe auslaufen. „Gehilfe" gibt die dumpfe, nur gedankliche Auflehnung des Dienenden. Eckermann, den Tod von Goethes Sohn während einer Reise erfahrend, lehnt sich gegen den Olympier auf, weil er ihn in Schmerz und Schwäche versunken glaubt. Vergebens — die unwürdige Regung erlischt im Morgengrauen. Weder Spandow, wo getäuschte Liebe und Heuchelei, noch Quartett, wo innere Umkehr das Thema ist, noch die Skizze von Jerusalems Errettung haben etwas typisch Jüdisches. Milieu und Ereignis machen es nicht. Wenn überhaupt Zweig Wärme und Judentum verrät, so geschieht es allein in der Erzählung „Allah". Schülerkneipe, jüdische und christliche Primaner in der Kleinstadt, alte Feindschaft zwischen einem groben Menschen und einem zarten, begabten Juden. Sie kommt zum Ausdruck bei einem Fuchsenulk: der Jude soll auf einen Schrank klettern und von dort ein antisemitisches Gedicht nachsprechen. Täte er dies — auf ewig wäre er geächtet. Gemeine Spannung liegt minutenlang im Raum. Plötzlich — der beliebte Präside bietet dem kleinen Juden laut und unvermittelt „Schmollis" an: die Situation ist gerettet; an den Freund des Präsiden wagt sich dieser Witz nicht heran. Ich halte diese Erzählung für unübertroffen, sie allein verrät Leben. Hier findet sich eine knappe vollendete Schilderung deö begabten jüdischen Schülers, wie man ihn erlebt haben mutz. So kann nur ein Mensch mit jüdischer Seele schreiben — oder einer, der in seinem tiefen psychologischen Verständnis auch die jüdische Seele begreifen kann. „Der schwarzbärtige Lehrer äußert diese Aufgabe: Braucht Deutschland Kolonien? oder etwa: Steter Tropfen höhlt den Stein ... Darauf holt Bejach sein Frühstück herauf, das in eine Zeitung gewickelt ist, und verzehrt es, indem er sich der Lektüre des bedruckten Papieres hingibt ... Von Zeit zu Zeit blickt er fremdartig vor sich hin, dann liest er weiter, bis alles verzehrt ist und er sich die Hände abwaschen darf. Darauf öffnet er sein Heft, entwirft innerhalb fünf Minuten eine Gliederung — gesetzt, man hat ihn vorher darum gebeten, fertigt er für einen Minderbegabten eine weitere an und schickt sie ihm unter der Bank zu — und dann beginnt er unter einem inneren Diktat zu schreiben, gleich inS Reine, vertieft, ganz abwesend, ohne nennenswerte Pausen ... so etwas reizt, ja eS empört, wenn man selber mühevoll vorwärts kommt, obwohl er jederzeit dem Nachbar Einblick in seine Arbeiten gestattete, wenn der Lehrer nicht hinsah — denn waS er schrieb, war für einen anderen nicht zu brauchen. Er tat das alles nicht in böser Absicht, er wußte nichts von den Gefühlen, die er hervorrief, von dem Hatz der Maffe gegen den Geist, der da entstand — er begriff niemals, warum er keine Freunde fand — er war ein Junge ohne psychologische Fähigkeit, der daheim über den Folianten der Gemara saß, über HebbelS Tagebüchern oder dem Reclamdruck des Satzes vom Grunde...." (Seite 139). Diese Worte enthalten auch die wirkliche Judennot — das Erzeugnis des deutschen Antisemitismus. Früh lernt ein jüdisch Kind den Zweifel! Des Juden Natur drängt zur naiven Hingabe (daher seine Verwandtschaft und Neigung zum Künstlertum), die Umwelt zwingt ihn zum Mißtrauen. Er ist geboren als Schöpfer, fein Leben macht ihn zum Kritiker — das ist die wahre Tragik, die ewige Schwäche und das Entscheidende am begabten deutschen Juden. Er muß anders sein, als ihn der innere Wille heißt. ... Das darf nicht so weitergehen, dieser ewige Zwiespalt. Und man Überlege: Die erwähnte Skizze ist nichts als eine Huldigung für das feste taktvolle Eingreifen deS christlichen Mitschülers. Dank dem Dichter. Ich zweifle nicht, — bei solcher menschlichen und künstlerischen Objektivität — daß unS bald der Jude — wie ich ihn wünsche — beschert sein wird. Nicht umsonst heißt das deutsche Volk daS Volk der Denker und Dichter. Kann ein Teil