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KC-Blätter · 1918-09-01 · Heft 24 (September 1918) · p. Seite 1164

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 24 (September 1918)
Date
1918-09-01
Page
Seite 1164 (sequence 29)
Language
German
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1164 von dieser Erde verschwinden, ohne daß auch nur ein Atom ihrer Körperlichkeit gesunden werden kann: Erschießen beider auf einem fremden, ins Unbekannte segelnden bell brennenden Boot. Gar zu viel Schauspielerei — fast kein warmes Wort, keine einfache Regung ist zu finden. — Nicht anders ist „Tangente", wo übrigens dieser technische Ausdruck zur Bezeichnung einer, nur einmal vorhandenen, nie wiederkehrenden Beziehung gebraucht wird. So fein einzelne Bilder sind, so schön mancher Ton — warm vermag ich nicht zu werden, Fast lautlos fließend gleitet der Strom der Worte, aber seltene, gesuchte Effekte machen die Stimmung fremd: man kann zufehen, aber sich nicht einsühlen. — Eine junge Dame schrieb mir einmal „mit solchen Menschen möchte ich nicht oft zusammen sein, es strengt zu sehr an", mit Rechtdiese- Herumspüren, dieses Lauern auf neue, unbekmnte Reize ist dem normalen AlltagSmenschen unerträglich. Und so ist die geschilderte Situation nicht, um audem Alltagsleben herausgehoben zu werden. Extase, keine Leidenschaft. Zweig lebt — anscheinend nur gedanklich — in einer Welt, die zwar Reibungen kennt, aber mit Geist überwindet, die einen Reiz darin verspürt, jedem groben Eindruck von außen durch einen feinen Ausdruck von innen zu begegnen. Wer kann daS auf die Dauer? ES ist dies „äußerste Resignation", wie es mein Schema nannte. Bon gleicher Seelenstimmung zeugen „Quartett", „Bürgermeister" und „Cinöma". Quartett — eine Huldigung für Arnold Schönberg — zeigt die innere Umkehr eines ManneS, der anscheinend sicher und heiter lächelnd mit seinem ganzen bisherigen Leben in Europa abgeschloffen hat. Auf kurzer Rast — von Parinach Jerusalem reisend — begegnet ihm in Leipzig ein Erlebnis, die deutsche Musik. AlleS wirbelt durcheinander, alles löst sich. Hier fällt auch daS feine Wort: „In den großen Städten ist jeder allein." (Die aus langer, so müde machender Erfahrung stammende Melancholie erinnert mich an das Wort von Georg Herrmann in Jettchen Gebert: „Alle Frauen sind Schwestern.") Ein neuer Mensch steht auf. Ein russischer Jude ist dieser Mann, in Deutschland erzogen, auS Paris kommend, nach Palästina gehend — das Erlebnis der Musik vernichtet alle seine Pläne — mußte nicht ein deutscher Dichter so etwas geschrieben haben?! (Auch die gallige Kritik des „Völkerschlachtdenkmals" kann daran nichts ändern, so recht übrigen- Zweig hat.) Oft mußte ich — es ist mir nicht erklärlich — an H. Mann und H. Heffe denken, und dennoch ist's ein anderer, viel schärferer Ton, den Zweig findet. Die Schwermut des Resignierenden, des innerlich Vereinsamten weht durch die Skizzen. Am stärksten kommt sie in „Cinöma" zum Ausdruck, auch wenn der Held und sein Erlebnis — ein häßlicher, halbwüchsiger Buchhändlerlehrling — der sonstigen Welt ZweigS gar nicht entspricht. Flitter und dünne Heldenpose im Schmutz. — Vier andere Erzählungen: „von Spandow", „Cinq-MarS", „Näherin" und besonders „Revanche" zeichnen die Heuchelei des GesellschaftSlebens. Zweig gehorcht unwillkürlich dem oben erwähnten Gesetze, entweder Heuchelei oder Resignation. Nur keine Wärme. Das Leben ist ein Kampfspielentweder man geht selbst gedeckt vor oder bleibt, lauernd auf Blößen, dahinten. Nie wird es anders. Am schwächsten erscheint mir von „Spandow", obgleich Zweig dieser Erzählung anscheinend den größten Wert beimißt. Eine wunderschöne junge jüdische Frau entdeckt nach fünfjähriger Ehe — ihr Mann sei früher einmal getauft worden. Mit Aplomb geht der Ehemann ab, nachdem die junge Frau, die diese Entdeckung in feiner Abwesenheit machte, das Haus verlaßen hat. Theaterhast mit sämtlichen Requisiten der Schmierenkomödie: Rinnende Zähren, Abschiedsbrief, Bilder der Kinder, aufs Pferd, in die Nacht hineingaloppierend. An dem Problem (und der Erklärung) der Taufe geht Zweig — als echter Novellist — vorbeidas mag hier noch gelten. Psychologisch unrettbar aber ist daS Verhalten des kräftigen, reichen, sehr erfahrenen Mannes aus guter Familie, der viele Schlachten als Offizier mitgekämpst hat und seine wunderschöne Frau anbetet. Wie ein Tränensack geht er ab. Wer so ist und ein solches Wesen sein eigen nennt, läßt sie nicht fahren, ohne den letzten, äußersten Kampf, und sei es mit roher Gewalt, zu wagen. Sonst ist er kein Mann. Nicht einmal typisch jüdisch kann ich dies Begebnis nennen: das gleiche Entsetzen würde in der Familie eines Oberpräsidenten entstehen, wenn sich der Schwiegersohn, Baron von Moser, plötzlich als der getaufte Jude „Moses" entpuppen würde. „Näherin* ist eine hübsche, glatte Erzählung nach Art der Boccaccio. — „Cinq-Mars" ist der ausgeklügelte Plan einer französischen Marschallin, ihren zum Tode verurteilten und völlig gebrochenen Sohn dazu zu bringen, freudigen Angesichts zum Schaffst zu gehen. Die Würde der Person, die Distanz zum Pöbel ist gerettet. Mit spitzer Bitterkeit ersteht ln „Revanche" der Teil in Berlin N.W., der nur Genuß und Heuchelei kennt. Der plumpe Liebhaber einer Parvenüstochter, gekränkt, verrät seine Beziehung den Eltern. Es wird hübsch und ohne

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