KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 24 (September 1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- Seite 1163 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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1163 halten dies gewiß nicht durch die Kraft des Staatslebens geschaffene Werk für die Krone der Prophetie. Es ist eine Herabwürdigung der gesamten talmudischen Arbeit, deren Anfänge sich wohl in die Zeit nationaler Unabhängigkeit hinein erstrecken mögen, die sich aber dort offensichtlich aus der Staatsidee gleichgültig, wenn nicht feindlich gegenüberstehende pharisäische Elemente stützen, wenn man ihre schöpferische Kraft leugnet, und die Religionsphilosophie mag gewiß in ihren Zielen zu verwerfen sein, die Fülle ihrer schöpferischen Einzelrdeen, der originelle Schwung ihrer Tendenz ist nicht zu übersehen. Ueberhaupt muß betont werden, daß gegenüber der sinaltischen Offenbarung der Kreis für die schöpferische Tat recht eng gezogen ist. Denn technische, litarische, wissenschaftliche und künstlerische Leistungen profaner Natur sind nicht „jüdisch" im Sinne der Ueberlieserung. Daß die Konzentration dieser Art des Schaffens günstig sein könnte, ist möglichfür wahrscheinlich halte ich es freilich nicht, da die notwendige Enge und Armut der Verhältnisse auf den Geist und Willen hemmend wirken müßten. Solche Ergebnisse als Beweise für die originelle schöpferische Kraft unserer Gemeinschaft anzusehen, ist aber nichts wie das Hineintragen eines ganz fremden Gedankens in den historisch feststehenden Begriff des Judentums. Die hier aufgeführte Liste ließe sich noch stark vermehren. Einen besonders schlimmen Streitpunkt, auf den ich an anderer Stelle <„Jm deutschen Reich", Jahrgang 1914, Seite 309—319) schon früher ausführlich hingewiesen habe, bildet die„Assimilation", bei der beständig unbewußte und bewußte Anpassung ebenso durcheinandergeworfen werden wie das Aufgeben wertvollen Eigengutes und die Anlehnung an gleichgültige Formen der Umgebung. Die nationaljüdische Terminologie versteht unter „Assimilation" eben etwas ganz anders als das historische Judentum, und da der Begriff in viele Unterabteilungen zerfällt, ist die Anzahl der Möglichkeiten für überflüssige Begriffsstreiterei unendlich groß. Sie ließen sich leicht vermeiden, wenn der Nationalismus die von ihm verworfene nationale Assimilation nicht mit der vom Judentum bekämpften religiösen Assimilation verwechseln wollte. Es ist das Recht einer jeden Bewegung, zur Macht zu streben. Wurzelt sie aber im Sittlichen und ist ihr Ziel sittlich, so müssen auch die Kampfesmitte! denselben Charakter tragen. Heute ist der Kampf verschwommen, er wird hüben und drüben mit Argumenten geführt, die gewiß subjektiv wahrhaftig empfunden und gemeint sind, die aber objektiv wegen ihrer Mehrdeutigkeit unwahr und verwirrend werden. Dieser Streit um Worte und Begriffe verschlingt aus beiden Seilen viel kostbare Kraft, die besser aus nützlichere Dinge zu richten wäre. Die nationaljüdische Idee hat sich zum Kampfe gegen das historische Judentum erhoben, und der Kamps muß ausgefochten werden. Soll er aber seinen bisherigen Charakter kleinlicher Verärgerung und persönlicher Verbitterung verlieren, so ist die Klarheit einer genauen Begriffsbestimmung erforderlich. Die Unverständlichkeit in Gedanken, Ausdruck und Stil, der man heute in jüdischen Veröffentlichungen so oft begegnet, ist nicht nur der Quell von Mißverständnissen und überflüssigen Diskussionen, sondern auch des Bruderhaffes. Das Wort ist eine unendliche Macht! Ihm im Interesse der Entgiftung der Parteikämpfe die Grundlage unbedingter eindeutiger Klarheit zu schaffen, ist gewiß eine Forderung, in der sich alle Parteien einen können. Der neue Jude. Ein Beitrag zur Psychologie der deutschen augenblicklichen Judensrage. Bon l)r. W. Graetzer, (Licariae). (Schluß.) IV. Ai°s poetica. Zweig, dem Menschen, schulde ich Dank. Sein Büchlein hatte meine Darlegungen veranlaßt, die — so will ich hoffen — weiter wirken. Zweig, dem Dichter, seien noch einige Worte gewidmet. Zwölf Skizzen liegen in einem schmalen Bande vor, ihrer sechs — darunter gerade die vier längsten — reden von Liebe. Fast könnte es scheinen, als läge die Stärke Zweigs in diesem ewigen Thema. Ich habe auch bei zwei Skizzen — „Tangente" und „Abreise" — die Empfindung, als nähme er selbst sich zum Bilde. Aber doch — das ist nicht Zweig. Diesem Dichter liegt mehr ein Wirken durch kunstvoll zusammengestellte Effekte, durch Dinge und Wendungen, die erregen sollen. Julius Bab (Neue Jüd. Monatshefte, 1. Jahrg., Heft 2, 25. Okt. 1916, S. 44 ff) sagt, daß die Figuren Zweigs unnormal viel Zeit haben, ihre Seele und ihre intimsten Regungen zu pflegen und zu kontrollieren. Damit ist fast alles erschöpft, und ich kann den Worten des bekannten Kritikers wenig hinzusügen. Auch Bab meint bei Betrachtung aller, mir heute nicht zugänglichen Werke, daß bei Zweig der Anteil des rein „Jüdischen" wenig sichtbar sei. Allerdings — ohne den Begriff des „Jüdischen" darzulegen, wie ich es eben versucht habe. Gleich die erste Novelle „Abreise" gibt ein ganz ausgeklügeltes Verfahren, wie zwei Liebende