KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 24 (September 1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- Seite 1162 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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116*2 ist da. So ist es ein Irrtum zu glauben, daß man neben dem jüdischen Staatswesen in der Diaspora sür den religiösen Messianismus wirken könne, wobei es natürlich des Zionismus gutes Recht ist, eine Kraftprobe zu veranstalten und eine Entscheidung herbeizusühren, ob religiös messianisches oder nationales Judentum die Zukunft beherrschen wird. Nur soll er nicht historisch etwas begründen wollen, dessen Gegenteil sich deutlich ergibt. Man begegnet zuweilen der Behauptung, daß die Konzentration in Palästina sür den messianischen Beruf geradezu Vorbedingung sei und zwar aus dem Grunde, weil nur in der Sammlung auf einem eigenen Gebiet sich das Volk jüdisch ausleben könne und weil nicht das Individuum, sondern die Gemeinschaft den Träger der Mission darstelle. Zugegeben, daß letztere Behauptung richtig sei, was in Wahrheit freilich keineswegs zutrifft, so liegt diesem Gedanken noch immer ein logischer Irrtum zugrunde. Konzentration könnte nur dann sür die messianische Idee günstig wirken, wenn das Zusammenleben sich ausschließlich diesem Gedanken unterordnete, wenn also dem Gemeinwesen jede politische Sorge abgenommen wäre. Konzentration als Selbstzweck, als Erfüllung der jüdischen Bestimmung könnte aber dem messianischen Beruf nur als Nebenleistung genügen. In der Diaspora wird der Jude als solcher nur durch religiöse Dinge berührt, alle anderen fallen in das davon getrennte Gebiet seiner Nationalität und seines Staatsbürgertums. In Palästina wären alle Dinge unter dem Gesichtswinkel des jüdischen zu .betrachten und zu behandeln, auch die Älltagssorgen der Politik mit ihren Kompromissen und religionsfeindlichen Verstößen gegen die Ethik. Die Konzentration würde Dinge mit der Religion zusammeukoppeln wollen, die absolut unethlsch sind, und demgemäß ist sie ein Feind des messianischen Berufs. Der Irrtum besteht hier in der Anwendung des falschen Begriffs von Messianismus. Für den nationaljüdischen, politischen Messianismus ist die Konzentration gewißvonnöten, für den historischen, religiösen aber nicht, da sie deffen Folge, nicht aber seine Voraussetzung ist. Darüber hinaus ist es ein Irrtum zu lehren, daß die Gemeinschaft Träger der Mission sei. Diese Lehre von Gemeinschaftswert ist gar zu deutlich von der fatalistischen Rassentheörie beeinflußt, die Willen und Erfolg des Individuums vor einer mysteriösen Macht des Gesamtkörpers zurücktreten läßt. Die jüdische Gemeinschaft hat keine Werte, die nicht aus den Individuen stammen, sie ist nur die Zusammenfaffung und nichts anderes, kann daher keine Mission haben, die nicht auf den Einzelwesen, die sie bilden, ruht. So mag die Gemeinschaft eine Vereinfachung bringen, indem die übereinstimmenden Kräfte der einzelnen Menschen durch sie repräsentiert werden. Träger der Mission ist und bleibt aber die Einzelseele. Gegner des Zionismus machen den Einwand, daß ein jüdisches Staatswesen in den Haß und Streit der Nationen hineingezogen würde. Darauf erfolgt die etwas spöttische Antwort, ob das nicht auch heute schon der Fall sei. Trotz der augenscheinlichen Bedrückung durch den Judenhaß beruht aber diese Schlußfolgerung auch auf einem historischen Irrtum, indem sie den Unterschied zwischen Judentum und Judenheit unbeachtet läßt. Heute gilt der Haß der Judenheit, sie wird in den Wirbel der Welt hingezogen, die religiöse Idee aber schwebt unangetastet über den angeseindeten Persönlichkeiten. Selbst wenn sie zu Grunde gehen, berührt es das Judentum als Begriff und Lehre nicht. Die Zerstreuung läßt es nicht zu, daß dem Ganzen vernichtende Schläge versetzt werden, und so bewährt sie sich als treuester Schutz der Idee. Anders würde es sofort bei einer Konzentration, und das äußerlich wie innerlich! Aeußerlich ist dann die Gelegenheit gegeben, die Gesamtheit zu vernichten und mit ihr die Lehre, die Träger braucht, innerlich aber fällt jeder Schlag, der gegen die Gemeinschaft gerichtet wird, auch auf die Lehre, weil in diesem Falle zwischen politischem Körper und religiösem System ein fester, ineinandergreifend er Zusammenhang geschaffen wäre. Heute trifft der Antisemitismus nur den Juden, in Palästina träfe er das Judentum, und in einem solchen Falle wäre bei einem Siege der feindlichen Mächte — eine bittere Ironie des Geschicks — nur die Diaspora wieder imstande, das Judentum zu retten, die gescholtene Diaspora, die man vernichten möchte. Die Zerstreuung Israels hat in diesem Sinne von höheren geschichtlichen Gesichtspunkten aus ganz gewiß ein sehr tiefen Sinn. Von der Konzentration erwartet der Zionismus für das geistige Leben der Judenheit Wunder. Das Judentum lies Staates war seiner Behauptung nach schöpferisch, wohingegen das derDiaspora höchstens erhaltend ist. Aber auch hierin steckt ein Irrtum der geschichtlichen Anschauung. Das eigentlich Schöpferische im Judentum ist nämlich die außerhalbdesVolkswillens stehende sinaltische Offenbarung, ihr gegenüber ist alles andere so ziemlich gleichwertig. Für die biblische Zeit nun, in der Religion und Staat identisch waren, ist natürlich wenig vorhanden, was außerhalb des Staatslebens entstand. Das wenige aber, das es gibt, ist dem im Staate geschaffenen durchaus ebenbürtig. In der babylonischen Gefangenschaft, die ja das erste Beispiel einer Trennung von Staat und Religion bietet, wurde das Buch des zweiten Jesaja geschrieben, und viele Bibelfreunde