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KC-Blätter · 1918-09-01 · Heft 24 (September 1918) · p. Seite 1160

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 24 (September 1918)
Date
1918-09-01
Page
Seite 1160 (sequence 25)
Language
German
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1160 und dem Gute einer früheren Zeit geschlagen wird, ist ein verhängnisvoller und verwirrender Irrtum. Einer kleinen historischen Verwechslung, die sich auf die sprachliche Seite des Kulturlebens bezieht, sei gleichfalls hier gedacht, obwohl sie von nebensächlicher, fast scherzhafter Bedeutung ist. In einer zionistischen Versammlung hörte ich einmal emphatisch erklären: „Die Sprache unserer Helden, die Sprache Jude Makkabis und Bar Kochbas mutz auch die unsere werden." Und der Redner war sehr erstaunt, als man seine gehobene Stimmung durch die nüchterne Bemerkung störte, -aß seine Idealbilder nicht hebräisch, sondern aramäisch sprechen. Gerade zur Zeit der natinalen Selbstständigkeit, gerade während der Herrschaft der hasmonäischen Könige ist die Landessprache aramäisch, und zur Zeit Bar Kochbas — wahrscheinlich auch schon vorher — verstand das Volk so wenig hebräisch, daß beim Gottesdienst selbst die Thora übersetzt werden mußte. Ueber das Hebräische als Volkssprache ist das jüdische Volk, als es wirklich noch bestand, einfach hinweggegangen, und nicht einmal in dieser Frage kann die moderne jüdische Kultur, so paradox eS auch klingt, an die echte jüdische Kultur anknüpfen. Eng verbunden mit den Gebieten von Nation und Kultur ist ein Schlagwort, das des Juden Verhältnis zum Niederlassungslande und seinem geistigen Sein charakterisieren soll. Es ist zum halben Dogma geworden, dem Juden einen „Zwitterzustand", eine seelische Halbheit anzudichten, in die so mancher freilich sich dem Parteibegehren zuliebe erst künstlich hineinreden muß, da er sie von selber nicht empfindet. Im Grunde liegt aber auch hier nur ein großer Irrtum vor. Es kann natürlich nicht bestritten werden, daß solche Halbheit mit ihren traurigen Konsequenzen, mit dem Hange zu unfruchtbarer Kritik, mit Skeptizismus und Selbstverspottung, mit dem Mangel an Ehrfurcht vor dem Gewordenen, nur allzuoft vorhanden ist. Aber ihr eigentlicher Grund ist das Fehlen des religiösen Halts! Des Juden Heimatboden ist eben die Thora, und wer die Heimat verloren hat, ist unstät und flüchtig, ist seelisch haltlos und schwach. Gewiß bedeutet es einen Grund für diesen Zustand, wenn man durch den Haß der Welt sich an eine Gemeinschaft gekettet sieht, zu der man innerlich in keinem Verhältnis mehr steht. Man darf aber nicht sein Judentum dafür verantwortlich machen, sondern sich selber. Ein religiöser Jude, sei er orchodox oder liberal, der dazu schlicht deutsch-national denkt und handelt, empfindet diesen Zwiespalt nie, auch dann nicht, wenn der Antisemitismus ihm das Recht auf sein Vaterland bestreitet. Und wenn der Zionist den Zwitterzustand wirklich fühlt, so beweist das nur, daß ihm das Verhältnis zur Religion und damit wirklich seelischer Halt fehlt. Es ist recht charakteristisch, daß die Leute mit zerrissenen Judenseelen nicht etwa bei den strenggläubigen Misrachisten zu Hause sind. Man findet sie in der «religiösen oder pseudoreligiösen, mystischen Welt des modernen Kulturzionismus, wo von ihrer Halbheit — die ihnen gern geglaubt sei — schmerzlich entzückte Jünglinge ihre interessanten Seelen zu geistreichen Essays parzellieren, wo man sich darnach sehnt „in Ganzheit" zu leben und auch von anderen Phrasen einen überreichlichen Gebrauch macht. Man darf sich nicht darüber täuschen, daß diese peinliche Sektion der eigenen oft perversen Gefühle ein Krankheitsprodukt ist, und daß ihre Ursache in dem Bestreben liegt, künstlich ein Judentum zu erhalten, das bei dem Mangel an religiösen Werten gar keines ist. Jedenfalls ist eS ein großer Irrtum, zu glauben, daß dieser Zwitterzustand mit nationaler Unsicherheit oder nationaler Sehnsucht etwas zu tun hat. Sofern er nicht überhaupt Einbildung ist, ein interessantes Kokettieren, der jüdisch gefärbte allbekante jugendliche Weltschmerz, geht er — bei Zionisten ebenso wie bei „Assimilanten" — einfach aus den Mangel an religiösen Halt zurück. Gegen diese Zerissenheit ist auch' Palästina kein Heilmittel. Palästina kann nicht Ersatz für die Thora sein. Heute liebkost man diese seelischen Nöte, stellen sie doch ein ausgezeichnetes Agitationsmittel für die Konzentrierung auf dem Boden des heiligen Landes dar. Es gab freilich auch eine Zeit,'da man von feindlicher Seite den Borwurf der Halbheit fürchtete und zu diesem Zwecke ein doppeltes Nationalbewußtsein konstruierte. Mochte man es auch anders nennen, mochte man von deutschem Staats- und jüdischem Nationalgefühl sprechen, von denen man meinte, daß sie sich harmonisch ergänzten und vertrügen, in der Sache kam es auf eine doppelte Gesinnung heraus. Und der Glaube an die Möglichkeit einer solchen ist ein weiterer Irrtum von gefährlicher Natur. Denn er kann wirklich Halbheit und seelische Unzufriedenheit züchten, wenn er die Erfüllung von zwei Aufgaben verlangt, die nun mindestens ohne Schnittpunkte sind, falls sie sich nicht gar widersprechen. Möglich wäre ein doppeltes Nationalbewußtsein bei zwei Gemeinschaften, von denen die eine ganz und gar innerhalb der anderen liegt. Ein Ire mag britisches Nationalgefühl besitzen. Sonst aber kann derartiges nicht vorhanden sein. Nationalbewußtsein legt auf die in Betracht kommenden seelischen Kräfte und Stimmungen ganz und gar Beschlag, es gibt hier keineKompromiffe,sondern nur ein Entweder-Oder. Die Arbeit für das eine beeinträchtigt die für das andere, mögen selbst zwischen ihnen keine politischen Gegensätze vorhanden sein. So wenig wie man

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