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KC-Blätter · 1918-09-01 · Heft 24 (September 1918) · p. Seite 1159

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Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 24 (September 1918)
Date
1918-09-01
Page
Seite 1159 (sequence 24)
Language
German
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1159 Sein der Gemeinschaft fremden Basis sich erheben. So ist es den Ostjuden ergangen, und sie mögen wohl ein nationales, keineswegs aber ein jüdischnationales Leben führen. ' Die Bedingungen ihres nationalen Seins sind nicht aus jüdischem Boden erwachsen, die Ergebnisse der nationalen Kultur, soweit sie nicht religiös ist, haben mit Judentum nichts zu tun- Weder in der Sprache, noch in allen anderen Kulturäußerungen bilden sie eine erkennbare Fortsetzung der alten jüdischen Verhältnisse, und man mag die Probe machen und fragen, ob die Ostjudenkultur sich auf die jüdische Gesamtheit übertragen ließe. Auch der eifrigste Zionist wird es verneinen, auch für ihn bleibt sie im besten Falle „Ersatz", muß es notwendigerweise sein, da sie sachlich deutsch und nicht jüdisch ist, formell aber nicht der freien Entwicklung, sondern dem Ghettozwang ihre Gestalt verdankt. So mögen die Ostjuden eine „Nation von Juden" sein, die „jüdische Nation" sind sie aber nie und nimmer. Hiermit steht im Zusammenhang ein Irrtum, der freilich auch nur ein Agitationsmittel sein mag, und als solcher keiner Zurückweisung bedarf. Man begegnet oft einer Gleichsetzung von jüdischem Nationalbewußtsein mit Nationalgefühl überhaupt, und stellt es so dar, als ob ein Jude, der nicht jüdisch-national empfindet, überhaupt eine kosmopolitisch-internationale Gesinnung hegen müsse. Es liegt natiirlich eine petitio principii vor, indem schlankweg eine jüdische Nation wie eine ethische Verpflichtung, sich zu ihr zu bekennen, bei jedem Juden vorausgesetzt wird, wohingegen — oft unbewußt, oft auch mit voller Absicht — übersehen wird, daß für den religiösen Juden die nationale Gesinnung und Betätigung, die auf politische Inhalte eingestellt ist, von seinem Judentum völlig zu trennen sind und daß er innerlich wie äußerlich ein nützliches und begeistertes Glied der Kultur seines Landes zu sein vermag. Nachdem sich nun einmal — gewisse neuere Reaktionen sind noch keineswegs erfolgreich durchgedrungen — der jüdische Nationalbegriff in schrankenloser Assimilation dem Denken anderer Völker gemäß entwickelt hat, entsteht ein weiterer Irrtum, sobald die Zukunft in Frage kommt. Man knüpft an Vergangenes an und glaubt, die jüdische Nation, die nach der Zerstörung des Tempels als Rechtsinstitution verschwand, könne auf derselben Grundlage wieder entstehen, als ein religiöser Staat mit politischer Macht! Und man vergißt die Kleinigkeit, daß in den fast zweitausend Jahren die Anschauungen über das Staatsrecht eine durchgreifende Wandlung erfahren haben. Damals waren Staat und Religion identisch! Luiu8 regio eius religio! Es herrschte ein religiöses Territorialprinzip und die Beachtung des Religionsgesetzes konnte der Staat erzwingen! Es dürste sich nun — und das ist nicht das geringste Verdienst der jüdischen Lehre und des jüdischen Beispiels — inzwischen der Grundsatz durchgesetzt haben, daß Religion Gewiffens- und demgemäß vom Standpunkte des Staates aus Privatsache ist, und die preußische Lehre vom „christlichen" Staat ist fraglos ein dem Untergang geweihtes Prunkstück eines Anttquitätenkabinetts. Die Entwicklung von zwei Jahrtausenden läßt sich nicht beiseite schieben, und damit ist jedem wirklich jüdischen Staatswillen das Rückgrat gebrochen. Wohl wäre es möglich, einen Staat aus Menschen jüdischer Abstammung zu gründen, jüdisch wäre er aber nicht, und bei den religionsseindlichen Tendenzen der Zeit, die sich innerhalb des intellektuellen Judentums potenzieren, würde ein solches Gemeinwesen, das zum großen Teile aus religiösen Elementen und Sektierern, nur zum kleinen Teile aber aus wirklichen Juden zu bestehen brauchte, vom historischen Standpunkte seltsam anmuten. Daß es geschaffen werden könnte, sei nicht bestritten, daß es aber jüdisch wäre, oder gar schöpferische Bedeutung für die Religion haben könnte, ist ausgeschloffen, und Behauptungen dieser Art sind einfach ein Ausfluß einer Gedankenlosigkeit, die sich in romantischen historischen Reminiscenzen ergeht und nicht begreift, daß Religionsstaaten und' Staatsreligionen glücklicherweise in die Rumpelkammer der Reaktion geworfen worden sind. Eng mit diesem Irrtum über das Wesen des Staates hängt auch die Frage der „jüdischen Kultur" zusammen. Wieder ist der Name irreführend. Daß eine Vereinigung von Juden eigentümliche Kulturwerte zu schaffen vermag, sei gern zuzugeben. Nur sind sie darum nicht jüdisch! Von der alten jüdischen Kultur hat sich nur die eine Seite erhalten, die religiöse! Und was von anderen Gebieten sich bis auf unsere Tage gerettet hat, konnte nur dadurch dem Unterange entgehen, daß es sich unter den Fittichen es Glaubens barg und sich eine religiöse Umdeutung gefallen ließ. Was Judenmaffen sonst in ihrem Zusammenleben ausgebildet haben, läßt sich restlos auf seine außerjüdischen Ursprünge zurücksühren. Man braucht ja nur die Sitten und Gebräuche verschiedener Zentren und Zeiten zu vergleichen, um ihre völlige kulturelle Unabhängigkeit von einander zu begreifen. Persische, italienische und polnische Juden haben gewiß keine Berührungspunkte außer der Religion und dem, was mit' ihr eng zusammenhängt. Außerhalb dieses engen Rahmens gibt es keine jüdische Kultur, und was jetzt neu in Palästina insbesondere geschaffen wird, mag recht erheblich und interessant sein, es aber „jüdisch" in dem Sinne zu nennen, daß damit eine Brücke zwischen ihm

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