KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 24 (September 1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- Seite 1158 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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1158 den Typus des jüdischen Tatenmenschen, der sich über die verschwommenen, resignierten Schwärmereien einer edlen, aber müden Gemeinschast zu neuem, bewußten jüdischen Handeln emporschwingt, dem das Judentum nicht eine volle Kufe Jahrhunderte alten Weines ist, auf deren Grund sich ein bitterer Niederschlag von Ironie und Ueberdruß ablagert, sondern gährender Most, der die alten Hütten weitet und mit dem Duft seines Ursprungs neues lebendiges Feuer in sich birgt. Indem toten junge»» Juden, dem Freunde des alten Professor Weil, hat Romain Rolland ihn geahnt, aber sein Glanz zerstiebt durch die Flüchtigkeit seines Auftauchens und seine Bedeutungslosigkeit im Rahmen des Werkes. Er allein hat den sieghaften Willen zur Mission des Judentums, während durch alle jüdischen Hoffnunger» der Nathans und Weils und des Thaddäus Mooch doch im tiefsten Grunde das Gefühl einer nicht zu bewältigende»», nihilistischen Resignation hindurchzieht. — In das Ende des Romans grollt von der Ferne das aufziehende Gewitter des Weltkrieges hinein, in die brechenden Augen des ans Ziel gelangten Christof fällt der Feuerschein der nahenden Weltkatastrophe. „Den freien Seelen aller Völker, die leiden, kämpfen und siegen werden" ist das Schlußkapitel des dritten Bandes geweiht. Wird die Stimme Romain Nollands zur Posaune des europäischen Gewissens werden? Wird sein Aposteltraum von dem Menschheitssrieden sich erfüllen, in dem die feindlichen Rassen wie in einem neuen Völkerfrühling zu einer neuen brüderlichen Weltschöpfung »nit einander verschmelzen?- Geschichtrirrtiimer.*) Von Dr. Felix Goldmann (Thur.-Saxobav.) Es ist begreiflich, daß jede geistige Bewegung, zumal in der Zeit, da sie um die Anerkennung kämpft, sich zu rechtfertigen versucht, indem sie ihre Verknüpfung mit einem Bestehenden erweist. Es handelt sich dabei um mehr als das Gefühl des Parvenü, der sich eine Ahnengalerie anlegt. *) Dieser Artikel erschien in den „Neuen jüdischen Monatsheften. Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Literatur in Ost und West." Die Zeitschrift, die von Hermann Cohen mitbegründet worden ist und unter Mitwirkung von Alexader Eliasberg, vr. Adolf Friedernann, Geh. Iustizrat vr. Eugen Fuchs und Prof. l)r. Franz Oppenheimer herausgegeben wird, ist ein offener-Sprechsaal für jedermann. Sie gehört in den führenden jüdischen Blättern und zeichnet sich durch eine unbefangene Erörterung aller praktischen und theoretischen Probleme des modernen Judentums aus. ' Historische Kontinuität scheint meist als ein ethisches Prinzip empfunden zu »verden. Später gewiß, »venn der Sieg errungen ist, wird immer das absolut Neue betont. Aber bis dahin klammert rnan sich an den Gedanken, eine gradlinige Fortsetzung des Alten zu sein. Auch der Zionismus beweist am deutlichsten durch seine steten Versuche, an Vergangenes anzuknüpfen, daß er noch nicht zur geistigen Macht gelangt ist, und nur selten begegnet man dem Kraftgesühl, »vie es aus dem bekannten Worte Moritz Goldsteins spricht: „Wir dagegen erklären das Judentum, für das unsere Väter lebten, litten und starben, für tot". Die steten Versuche, das ehrwürdige Alter einer in Wahrheit neuen Idee zu erweisen, sind eine Quelle immer frischer Streitigkeiten, da die bekämpfte Richtung sich fremdartige Ausdeutungen ihres Wesens nicht gefallen lassen will. Und hierin liegt begründet, warum die literarischen Diskussionen über das Wesen des Natronaljudentums so ungemein unfruchtbar sind. Aus einer reinen Machtfrage wird ein Prioritätsstreit und ein historisches Problem. Die Ideale einer noch nicht realisierten Zukunft werden in die Vergangenheit projiziert und die Vieldeutigkeit gewisser Schlagworte gibt dazu die Möglichkeit. Die folgenden Zeilen wollen einen flüchtigen Ueberblick über eine Anzahl derartiger historischer Unstirnmigkeiten geben, deren viele es freilich verdienten, eine liebevoll vertiefende Behandlung zu erfahren. Im Vordergrund steht der Begriff der „Nation". Es soll keineswegs den vielen vorhandenen eine neue Definition hinzugefügt werden. Wenn aber der Nachweis versucht wird, daß das Judentum eine Nation „sei", so macht »nan den Fehler, einerseits den Zukunstswunsch an den Verhältnissen der übrigen Gegenwartsnationen zu orientieren, andererseits aber den bestehenden Zusammenhang im Judentum diesem Ideal gleichzusetzen. Wenn man das Band, das alle Glieder des Judentums umschlingt, in dem die gemeinsame Religion an erster begriffsbildender Stelle steht, ein nationales nennen will, so ist nichts dagegen einzuwenden, sofern man dem zionistischen Begehren, oas gemeinsames Land, Sprache und Kultur vorsieht, eine andere Bezeichnung gibt. Man kann es auch — und das erscheint richtiger — umgekehrt machen, jedenfalls aber müssen sie geschieden werden, da sie wesensungleich sind. Ebenso verwirrend wirkt auch die Gleichsetzung von Nation mit jedem nationalartigen Zusammenleben. Die Nation hat zwingende Eigenschaften und ein ihr eigentümliches Wesen, das sich »nit Naturnotwendigkeit in Eigenentwicklung ergibt. Ein nationalartiges Wesen kann aber auch von außen her erwirkt und auf einer dem