KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 24 (September 1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- Seite 1157 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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1157 alle verschieden und haben im Grunde doch zahlreiche gemeinsame Züge ihres gemeinsamen jüdischen Erbgutes. Wieder ist es bei allen d!e überragende Intelligenz, die als ein Hauptstrahl ihrer jüdischen Wesensart aus ihnen hervorleuchtet, ihr offener, forschbegieriger Geist, der sich für alle Kundgebungen menschlichen und vor allem zeitgenössischen Denkens interessiert. Diese Verstandesmenschen sind aber auch zugleich geadelt durch den idealistischen Zug ihres menschlichen Empfindens, durch ihre Güte, durch - ihre Freundschaft, durch ihre Pietät, durch ihre sittliche Tatbereitschaft. Mag auch nach Romain Rolland bei der jüdischen Masse gerade die Tugend der Güte mehr negativ oder neutral sein und als Nachsicht, Duldsamkeit, Widerstreben, jemandem etwas Böses zuzufügen, in die Erscheinung treten —, jedenfalls findet Christof und sein Kreis unter diesen Juden mehr Güte und menschliche aktive Teilnahme als unter den eigenen Glaubensgenoffen. Die liebevolle Fürsorge der Frau Professor Nathan um den nach dem Tode der edlen, zarten Antoinette zusammengebrochenen, sonst ganz verlassenen Olivier, die spontane Initiative des Profeffor Weil, der in bittersten Nöten dem Freundespaar Christof und Olivier durch einen Akademiepreis materiellen und geistigen Halt verleiht, die stille Wohltätig, keit des Ehepaares Weil, das sich in seiner Abgeschlossenheit von seiner Umgebung lieber verkennen läßt als daß eS von dem erwiesenen Guten viel Aufhebens macht, der sittliche Imperativ der tatkräftigen Frau Profeffor Weil — sie sind Mosaiken in dem großen, bei manchen Mängeln doch stolzen Bilde, das der größte lebende französische Dichter von der Elite des Judentums entwirft. Und diese jüdische Aristokratie ist auch in ihrem gläubigen Empfinden an eine große Zukunft des geläuterten Judentums jüdisch. Freilich, mehr im Glauben als im Hanseln. Eine Seele von meffianischem Drange hat vor allem in dem toten Jugendfreund des alten Professor Weil geglüht. Er war einer jener jungen Juden gewesen, die in ihrem Leiden inmitten einer harten Umgebung in stammender Begeisterung sich die Aufgabe stellten, „ihre Raffe emporzuheben und durch ihre Rasse auch die ganze Welt." Sein Feuer hat auch den skeptischen, grüblerischen Weil bis ins Greifenalter hinein erwärmt. Im Leben dieses Freundes ist auch er auf den Höhen des Idealismus im Glauben an ein zukünftiges, meffianisches Menschheitsglück geschritten, und wenn auch nach dem frühen Tode des FreundeS sein Höhenflug erlahmte, — den Glanz dieser Gedanken hütet er treu in seinem Inneren, weil sie etwas Heiliges für ihn bedeuten. Der tote, großherzige Gefährte findet bis zu einem gewissen Grade sein Spiegelbild in der leidenschaftlichen, selbstlosen Güte des unscheinbaren Thaddäus Mooch. Hinter seiner fast karikaturistischen Erscheinung birgt sich edelste Menschlichkeit, vollkommene Güte, unbegrenzte Aufopferungsfähigkeit. Auch in ihm lebt der große Glaube an die Zukunft des Judentums, wenn auch dieser Glaube vage mit den Hoffnungen auf den Fortschritt der Menschheit und auf die Weltkulturbestimmung Frankreichs verschwimmt. Nicht genug kann sich der Dichter tun, allen feinsten Schattierungen des jüdischen Geistes nachzugehen, jede seelische Gegend des jüdischen Menschen mit der großen Farbenskala seiner schriftstellerischen Palette zur Anschauung zu bringen. Und so quillt es denn am Schluffe des zweiten Bandes aus dem Munde Christofs und Oliviers wie ein Glaubensbekenntnis Romain Rollands hervor: „Was nützt es, wenn Dein Leben und Deine Werke allen unbekannt blieben, wie es ohne die Juden wahrscheinlich der Fall wäre? Was würden wir Raffenkatholiken leisten ohne eine handvoll freier Protestanten und Juden? Die Juden sind im heutigen Europa die zähesten Agenten alles Guten und alles Bösen. Verstümmeln wir unsere bereits kranke Kultur nicht noch dadurch, daß wir uns anmaßen, einige ihrer lebendigsten Zweige abzubrechen. Wenn das Unglück es wollte, daß man alle Juden aus Europa jagte, so würde dieses an Intelligenz und Tatkraft verarmt zuriickbleiben und womöglich den völligen Untergang gewärtigen müssen." Und hinein in diese dithyrambischen Klänge mischt sich die schrille Dissonanz einer herben Kritik: „Diese hypernervösen, aufgeregten und ungewissen Wesen bedürfen eines Gesetzes, das sie bindet, und eines festen, aber gerechten Herrn, der sie bändigt. Die Juden sind wie die Weiber: ausgezeichnet, wenn man sie im Zügel hältaber beider Herrschaft ist abscheulich, und die sich ihr unterwerfen, geben em lächerliches Schauspiel." — Hat der Dichter recht gesehen? Ist das, was er schildert, nur ein Traumbild? Ist es Wirklichkeit? Ist es Traumbild und Wirklichkeit zugleich? Wir wollen uns trotz mancher harten Ausdrücke die Objektivität nicht rauben laffen und dem Berfaffer zugestehen, daß er auch nach unserem Empfinden in manchem recht gesehen hat, sowohl bei der jüdischen Dekadence wie bei den stillen Vertretern seiner jüdischen Geistesaristokratie. Es ist ein Spiegel des modernen Judentums, in den wir in dem großen Roman Romain Rollands hineinschauen. Aber in diesem Spiegel vermiffen wir eins, vermiffen wir