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KC-Blätter · 1918-09-01 · Heft 24 (September 1918) · p. Seite 1156

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 24 (September 1918)
Date
1918-09-01
Page
Seite 1156 (sequence 21)
Language
German
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1156 Christofs durch den Pfuhl von Paris emporblühen. Es ist ein Klischee von Sylvain Kohn, dieses Bild, nur mit brutalen Farben aufgetragen und mit dem Blicke des Hasses gesehen. Das Mommsensche Schlagwort vom Ferment der nationalen Dekomposition hat auch bei der Schöpfung von Levy Coeur Paten gestanden. Er ist der Geist der Zersetzung, der sich schleichend an alles Große der absterbenden alten französischen Gesellschaft macht, der jeden Glauben an eine Idee, an Gefühle, an große Männer mit dem Instinkt des WurmeS benagt. In diesem geistigen Nagetier lebt zugleich die Unmoral eines schriftstellerischen Dirnentums, das mit Indiskretionen seinen literarischen Stoff bestreitet und seiner Umgebung bis zur Nacktheit die Kleider vom Leibe reißt. Unter diesen Charlatangrößen des Pariser Frankreichs, die die dünn geknüpften Fäden mit ihrer Stammesgemeinschaft längst zerrissen haben und ganz Paris geworden sind, muß der Musikalienhändler Daniel Hecht ein wenig anders bewertet werden. Denn hinter der Unbeholfenheit seiner Natur, hinter der eitlen Selbstgefälligkeit des aus eigner Fähigkeit emporgekommenen Bourgoisietypus liegt wirkliche, selbständige geistige Kraft, liegt neidloses Gerechtigkeitsgefühl, schlummert ein Körnchen von Gemüt und mitfühlender Menschlichkeit. Inmitten der feindseligen Haltung deS Konzertpublikums ist er einer der ganz wenigen, der die ganze Schönheit der David-Symphonie Christofs empfindet und der künstlerischen Eigenart Christofs gerecht zu werden vermag. Neidlos ist er aufrichtig geneigt, Christof zu helfen. Aber die Kunst des Wohltuns ist ihm versagt. Seine Hilfe wird zum Almosen, seine Förderung Demütigung und zugleich kleinliches Mittel, sich am Machtgefühl des eigenen kleinen, eitlen Jchs zu berauschen. — Ist es jüdische Wesensart, die der Dichter Romain Rolland in seinen Gestalten der Judith, von Sylvain Kohn aliao Hamilton, in Levy- Coeur und David Hecht heraufbeschwört? Viele Züge in ihnen müssen wir nach unserem Empfinden als uns fremd ablehnen. Alle Deutungsversuche scheinen mir aber vor allem an dem ungemein schwierigen Problem der jüdischen Wesensart scheitern zu wollen, scheinen mir bedenklich zu sein, gleichwie die bekannten Hypothesen Werner Sombarts von den Juden als dem wandernden Wüstenvolke und den Deutschen als dem Wald- und Wiesenvolke. Alle psychologischen Formulierungen einer Rassenpsyche kennen ja noch keine Erkenntnisregeln, die .wenigstens eine gewisse Richtigkeit und Exaktheit der Beobachtungen und Analysen verbürgen. Sie entfließen wie überall auch hier dem geheimnisvollen Urquell des niemals zu erfassenden dichterischen Subjekts, hinter dem bei aller Umfassenheit ein Mensch mit der ganzen Begrenztheit des menschlichen Blickes und beladen mit den Zufälligkeiten seiner Erbanlagen, feiner Erziehungsrichtung und seiner Atmosphäre steht. Wie allem Deutschen gegenüber, dessen Wesen bei allem Maß von Liebe zu einem fremden Volke doch manch' scharfer Kritik unterliegt, merkt man auch gegenüber dem Judentum den Fremden bei den Urteilen Romain Rollands, spürt man es stets von neuem, wie der Beurteiler tief, aber nicht erschöpfend in diese Welt der jüdischen Dekadence eingedrungen ist. Und wenn Rolland, der Dichter und Franzose als das deutsche in Christof die innere Musik und die unmittelbare Naturanschauung hervorhebt, so können wir auch als Juden damit zufrieden sein, wenn er auch diesen schwächlichen, faulenden Sprossen des Stammes Israels, wenn auch verzerrt und verdunkelt, zwei echt jüdische Eigenschaften zugesteht: Die überragende Intelligenz und die lebendige Anteilnahme an allem Lebendigem, an allem Menschlichen. Denn was sonst von diesen Menschentypen, abgesehen vielleicht noch von der Bitterkeit ihrer Ironie, an wesentlichen Zügen übrig bleibt, trägt im Grunde genommen kein spezifisches jüdisches Gepräge, sondern ist daS Kleid ihrer Umgebung, ist daS untergehende, kraftlose Frankreich, in das sie und das in sie in gemeinsamer Schlaffheit zu gemeinsamem Sterben verschmolzen sind. Sie sind verparisierte Juden, wie die Pariser „verjudete Christen" sind. — Diese Entwurzelten sind Zerrbilder der jüdischen Psyche ebenso wie auch Paris nicht das Frankreich ist, dem nach dem Traum des Dichters die Welt der Zukunft gehört und das das lebensspendende Herz der Nation repräsentiert. Denn wie hinter dem Frankreich, das man auf den ersten Blick und vor allem in Paris sieht und daS sich in der Tagesliteratur in der Politik und in der Regierung breit macht, ein anderes Frankreich liegt, das Frankreich des schlichten Provinzvolkes, das arbeitsame, das strebende Frankreich der anständigen, überzeugungstreuen Leute, so leben auch hinter diesen jüdischen schwankenden Gestalten Vertreter einer jüdischen Gemeinschaft, durch die ein Hauch eines stolzen lebendigen Idealismus wie der Schauer eines neuen Lebens rinnt. Die Profefforenpaare Nathan und Weil, der Kunsthändler Thaddäus Mooch, die kurz aufblitzenden, rasch vorüberhuschenden Figuren des in den Kolonien vereinsamenden jüdischen Konsulaisbeamten und des toten jungen Freundes des gelehrten Archäologen Weil — sie sind Typen dieser anderen jüdischen Welt. Sie sind in sich

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