Mannheim
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KC-Blätter · 1918-09-01 · Heft 24 (September 1918) · p. Seite 1155

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 24 (September 1918)
Date
1918-09-01
Page
Seite 1155 (sequence 20)
Language
German
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1155 tröstet sich in dem Glauben, daß Gott ihnen schon verzeihen würde, weil sie die Musik so sehr geliebt hätten. Bereits in den Sturm- und Drangjahren deS gährenden frühen Jünglingsalters tut Johann Chrtstof seinen ersten Schritt in die jüdische Gesellschaft. In der Bekanntschaft mit Judith, der klugen und hochgemuten Tochter des lebensstarken Bankiers Mannheim fchlägt es ihn zum ersten Mal wie ein Etwas von der Seele des Volkes Israel entgegen. Sie ist die erste geistvolle Frau, die ihm auf seinem Lebenswege begegnet, von durchdringendem Verstände, von einer Vornehmheit der Linien, die im Verein mit den Gaben des Geistes zu einer verführerischen Schönheit zusammensiießen. Sie zuerst durchschaut nach kurzer Zeit vollständig Christofs musikalische Originalität — aber doch liegt in ihrem lebendigen, wunderbaren Verstand etwas Totes, weil ihm das Herz fehlt, weil sie kein Ideal kennt. Ihr Verstand beugt sich kühl und berechnend vor praktischen Interessen, vor der Welt, den Kasten, den Vorurteilen, weil sie selbst dabei ihren Vorteil findet. Sie ist eine kalte, nüchterne Realistin, deren Ziel vom äußeren Erfolg beeinflußt wird und die trotz ihres Geistes so wenig Stolz vor ihren Werten besitzt, daß sie in die ihr gegenüber exklusiv sich verhaltenden Gesellschaftsschichten trotz der dort herrschenden Hohlheit würdelos einzudringen und herabzusteigen bemüht ist. Mit seinem Instinkt erkennt Christof bald die Heterogenität Judiths, die schönen, ihm nahe verwandten und die sehr gewöhnlichen Elemente ihres Wesens. Sie ist ihm wie das Meer, unerschöpflich in der Tiefe, die aber zugleich kalt und düster ist. Diese Disproportionalität zwischen Verstand und Gemüt empfindet Christof auch als Wesenszug des jüdischen Kreises seiner kleinen deutschen Vaterstadt. Auch in der Kleinstadt, „wie immer und überall", sieht er in den jüdischen Bürgern die vorgeschrittensten Geister, wurmstichigen Empfindungen und abgelebten Gedanken gegenüber die Empfindlichsten. Aber wie bei Judith Mannheim erscheint ihm ihr Charakter gleichfalls weniger ausgeprägt als ihr Verstand. Sie üben zwar aus tiefer sachlicher Ueberzeugung ihren Spott an allen veralteten Institutionen, aber kühle Reflexion läßt sie doch wieder aus ihnen lieber Vorteil schlagen als iw Konflikt mit der Gesellschaft, sie zu reformieren. So zerstiebt der Traum, in welchem Johann Christof in den Vertretern dieser „starken Rasse" einen Verbündeten für seinen Kampf, für seine Kunst erhofft hatte. — Der Schauplatz des Lebens ändert sich: Johann Christof kommt nach Paris. Wieder ist es ein Jude, der ihn wie ein moderner Virgil durch Hölle und Fegefeuer des zum Untergang verurteilten und sich zur Reinheit emporringenden Frankreichs hindurchführt. Sylvain Kohn ist der Typus des dekadenten Affimilantentums, das sich der Väter schämt und würdelos seinen Ursprung zu verleugnen bestrebt ist. Er stellt ei« sonderbares Gemisch von deutscher Gefühlsseligkeit, pariserischem Aufschneidertum, jüdischer Intelligenz und unerträglicher Geckenhaftigkeit dar, hinter denen ein nüchternes, jeder wirklichen Poesie und Güte bares Herz schlägt. Er führt Christof durch die literarischen, die musikalischen, die politischen Kreise, durch die Pariser Bourgeoisie und Salons, und überall, wohin fein Führer ihn weist, dampft Christof alsbald der Geruch der Verwesung entgegen, der diese untergehende Welt der Fäulnis durch dringt. Die vorherrschende Musik ist bleichsüchtig, von einer abstrakten Dialektik und einer kalten arithmetischen Konstruktion, kunstvolle Spielereien ohne warm pulsierendes Leben, das Theater langweilig oder unsittlich: Ueberall Unnatur, Schlaffheit, Sittenlosigkeit in Staat und Familie! Vergebens sucht Christof in diesen krankhaften und verderbten Zuständen das Frankreich seiner Träume. Es ist keine kompositorische Willkür des Dichters, daß gerade Sylvain Kohn alias Hamilton zur Führung Christofs durch das Pariser Inferno berufen wird. Denn der dekadente literarische Snob, der die Jahrtausende alte Seele feines Stammes abgestreift hat, ist selbst Frankreich, jenes zum Sterben bestimmte Frankreich, aus deffen Trümmern nach dem Traume des Dichters das arbeitsame, strebende, sittenreine Frankreich des schlichten Provinzvolkes wie ein Phönix aus der Asche emporsteigen soll. Wie dieses Frankreich trägt auch er das Kennzeichen eines entarteten Weltbürgertums, das nicht mehr aus individuell-nationalen, sondern nur noch aus den Kulturwerten der anderen Völker in wirrem, unharmonischen Gemenge zusammengesetzt ist. Wie allen den oberflächlichen, den Jahrmarktstrubel des Pariser Frankreichs beherrschenden tändelnden Literaten ist auch ihm die Kunst nicht die hohe Priesterin der Schönheit, sondern die Dirne einer wollüstigen Genußsucht, die sich mit ebensoviel Geist wie Charakterschwäche der schönen Kunstformen zur eignen Befriedigung zu bedienen weiß. Sylvain Kohn ist eine Mimikry-Erscheinung, die, ihres Stammescharakters entkleidet, sich ohne Eigenfärbung erstaunlich in Lebensführung und Lebensauffassung der Moderfarbe ihres Bodens angepaßt hat. Roch eine andere Sumpfpflanze jüdischen Ursprungs läßt der Dichter auf dem Wege

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