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KC-Blätter · 1918-09-01 · Heft 24 (September 1918) · p. Seite 1154

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 24 (September 1918)
Date
1918-09-01
Page
Seite 1154 (sequence 19)
Language
German
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1154 zur Grausamkeit kraftvollen Kämpferwillens wie ein ewiges Lied der Natur rauscht. Ganz besonders'hat es ihm die Gestalt des jungen David angetan, dessen poetische kleine Hirtensigur sich ihm musikalisch zu einem symphonischen Bild verdichtet. Die Begegnung des Hirtenknaben mit dem vom Wahnsinn umnachteten König Saul bilden den musikalischen Vorwurf des auch mit sich ringenden Komponisten Christof. In dem Lied des Knaben, das daS wildklopfende Herz Saul's erlösend bezwingt, findet auch Christof's Genie seine eigne Befreiung von der sprengenden Flut seines inneren Lyrismus inmitten der wollüstigen Asternatur Paris. Diese Liebe zur Bibel läßt auch den Helden nicht in den engen, konfessionellen Vorurteilen seiner Umgebung erstarren. Er bleibt in seiner Betrachtung des Jüdischen leidenschaftslos, und auch dort, wo er den gewöhnlichsten Elementen der jüdischen Bevölkerung entgegenzutreten glaubt, werden seine Instinkte durch eine wesenhafte kausale Erfaffung des Zusammenhanges sittlich gedämpft. Selbst in der Hefe des jüdischen Volkes sieht er den Funken einer gewaltsam erstickten Flamme glimmen, selbst in den Ghettogeschöpfen die zwar degenerierten, aber nicht verlorenen Nachkömmlinge der einst „edelsten aller Rasten", selbst in dem zähen und stinkenden Schlamm erkennt er noch seltsame Phosphoreszenzen, wunderbare Blicke, leuchtende Intelligenzen, eine Elektrizität, die sich im Moder erzeugt und häufig wie ein Fanal der Zukunft blitzartig durch das Dunkel leuchtet. Er ahnt in ihnen große Herzen, die in schwerem Ringen aus dem Pfuhl emporstreben, und mit einem Einschlag von Furcht vor dem Fremdartigen ihrer Erscheinungen steht er ergriffen vor der Tragik dieser in jahrhundertelanger Gefangenschaft gedrückten, starken, abseits stehenden Raste. Johann Christof ist kein Philosemit. Er liebt die Juden nicht, aber die Antisemiten liebt er noch weniger. Die in dem Antisemitismus zum Ausdruck kommende Maffenfeigheit, die gegen eine mächtige Minderheit aussteht, nicht weil sie schlecht, sondern weil sie mächtig ist, — diese Herausforderung aller niedrigen Instinkte der Eifersucht und des Haffes stößt ihn in seiner die Klarheit suchenden Seele ab. Sie sind ihm nichts anderes als Neidlinge, die sich in einem wütenden und ohnmächtigen Haß gegen alle mit Glücksgütern Gesegneten verausgaben. Das ist für Romain Rolland der Kernpunkt des Antisemitismus, und nicht bloß durch den Mund von Johann Christof, sondern auch mit eignen Worten übt er an dessen Vorwurf herbe Kritik, daß die Juden keiner Nation angehören, und von einem zum anderen Ende des Weltballes nur ein einziges gleichartiges Volk bilden, das den Einflüsten der verschiedenen Völker, unter denen sie leben, unzugänglich ist. In Wahrheit gibt es nach Romain Rolland keine Rasse, die leichter den Stempel der Länder, durch die sie htndurchschreitet, annimmt; und gibt es manche gleiche Charakterzüge zwischen einem deutschen und einem französischen Juden, so sind ihre Verschiedenheiten, welche von dem neuen Valerlande herrühren, desten geistige Gewohnheiten sie mit unglaublicher Schnelligkeit annehmen, doch noch größere: allerdings — fügt Rolland hinzu — mehr in den Gewohnheiten als dem Geiste nach. Da die Gewohnheit jedoch allen Menschen eine zweite Natur wird, für die meisten aber die einzige und alleinige Natur ist, so folgt daraus, daß die große Mehrzahl der eingeborenen Bürger eines Landes sehr Unrecht tun, den Israeliten daS Fehlen eines tiefen und begründeten nationalen Geistes vorzuwerfen, den sie selbst nicht im geringsten Grade besitzen. Ja, für ihn, den Franzosen, ist die antisemitische Verdächtigung der patriotischen Gefühle der in Frankreich angeseffenen Juden noch mehr wie ein Unrecht, sie ist ihm eine Schlechtigkeit und Dummheit zugleich. Abgesehen davon, daß jede Familie nach zwei oder drei Generationen dem Boden, auf dem sie sich festgesetzt hat, verwurzelt und das Blut der Erde ihr eigenes Blut geworden ist, muß der französische Patriot den französischen Juden neidlos das Verdienst zuerkennen, daß sie im Kampfe gegen eine freihettswidrige Reaktion seit hundert Jahren am Ausbau des freiheitlichen Frankreichs hervorragend mitgewirkt haben, das nach dem überschwänglichen Glauben des französischen Dichters im Abendland die vorgeschrittensten Ideen geistiger und sittlicher Freiheit repräsentiert. So sind sie Kinder und Väter ihres französischen Bodens zugleich, und nur im Sinne einer „Handvoll verbrecherischer Politiker und einer Herde dummer Biedermänner" kann es liegen, diese Bande zu zerreißen, die jene Adoptivfranzosen an Frankreich fesseln. Mit feinem Spott tut auch der Dichter den auch bei uns nicht überlebten, religiösen Antisemitismus ab, der in der breiten, an sich unbefangenen Masse aus trübsten, stinkenden Wässern gespeist wird. Die Ironie des Schicksals hat es z. B. gewollt, daß die beiden besten Musikschüler des vorurieilsvollen Großvaters von Johann Christof grade Juden sind. Der gute Mann ist darüber recht unglücklichdenn in manchen Augenblicken hätte er die beiden ausgezeichneten Musiker umarmen mögen- und dann erinnert er sich plötzlich voller Trauer, daß „sie Gott ans Kreuz geschlagen hatten". In seinen Seelenängsten weiß er nicht, wie er diese unvereinbaren Empfindungen vereinen soll. Aber zu guter Letzt umarmt er sie doch. Und er

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