KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 24 (September 1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- Seite 1153 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1153 tuosen Einzelkomponenten zusammengesetzt, ein glanzvoller Analytiker hat hier die Elemente der Menschenpsyche zu neuartigen Verbindungen ge- ' sügt, aber sie bleiben in menschliche Form ge-; gossene Gebilde, bei denen weniger die lebendig! gebärende Kunst als vor allem das Sektionsmesser; Triumphe feiert. j Trotz allem sind auch die beiden letzten Bände j des Johann Christas das Werk eines begnadeten j Geistes. Tritt auch der Held des Romans aus j dem Mittelpunkt des Werkes heraus als Figur? unter Figuren, die ein meisterhafter Regisseur über die Bühne des schillernden Paris ausschiebt, — ein Lebenspanorama gleitet in diesem > Bande vorbei, das die deutsche und französische Kultur, ihre Bergangenheitsleistungen, ihre Wege und Abwege in manchmal visionären Einzelbildern ersaßt. Des pazifistischen Grundgedankens dieses Buches sei kurz gedacht. Es träumt von einem Zukunftsbunde des deutschen und französischen Volke-, in dem beide Ehegatten ihre großen Kulturgüter als kostbaren Hetratsschatz in das neue Haus bringen. Nicht mit dem Frankreich, das Paris ist, das sich unter der Tyrannei der Regierung, der politischen und literarischen versumpften Cliquen in einem Zermalmungsprozeß befindet, sondern mit der Auslese eines noch kleinen, aber zukunftsschwangeren Frankreichs, das in die deutsch-französische Ehe eingehen wird wie der Wassertropfen in den Ozean. Dieser Wassertropfen in dem Ozean der deutschen Kräfte wird aber dem ganzen Ozean seine Eigenfarbe verleihet Der Krieg hat uns die Seele dieses unter dem Schlamm heranreifenden französischen Bolksgenius nicht enthüllt, in den mit verschwommenen Worten Romain Rolland den Glauben an die Zukunft seines Volkes und seine französische Liebe wie in ein unklar geformtes, zerbrechliches Gefäß hineingießt. Ob diesem Traumbild die Zukunft gehört? Der wehmütige Klang einer nicht zu bezwingenden Resignation durchzittert dieses Hoffnungslied des Dichters. Denn auch in der Auslese dieser reinen Glieder eines sterbenden Volkes wittert er das Gefühl der Ohnmacht, dem der Tatendrang zum Leben und zum schöpferischen Herrschen abgeht. Durch die Worte des Tatenmenschen, des Deutschen Christof zittert auch die Klage des in Glaubenshoffnungen und Glaubenszweiseln sich verzehrenden Dichters: „Arme, schwächliche, kleine, starke Franzosen!" II. Wir haben den großen Roman Romain Rolland's ein Lebenspanorama genannt. Das führt uns auf daS, was uns Juden an diesem Roman besonders bemerkenswert erscheinen muß, nämlich die Art, wie der französische Dichter Juden und Judentum sieht, wie er ihre Erscheinungsformen beurteilt und welches Instrument er ihnen im großen Orchester des Jndividuallebens seines Helden und des Kulturlebens zuweist. Denn Juden und Judentum sind für Romain Rolland kein verwehender Ton in dem großen Bölkerkonzert, sondern eine lebendige Äkkordfolge von Harmonien und Dissonanzen in der Menschheitssqmphonie aller Zeiten. „Merkst Du," sagt Christof zu seinem Freunde Olivier, „daß wir immer mit Juden zu tun haben, einzig und allein mit Juden?" Und Olivier antwortet ihm: „Schau Dir nur die jüdische Tatkraft in allen Dingen an, im Handel, in der Industrie, im Lehrfach, in der Wiffenschast, in der Kunst.Wir können die Juden aburtetlen, verspotten, verstuchen. Wir können nicht ohne sie auskommen.Sie befördern aufs Geratewohl das Samenkorn des Gedankens." Und so wollen wir denn die Fülle der jüdischen Gestalten an uns vorüberziehen laffen, denen wir in erstaunlicher Zahl an allen Lebensstationen von Johann Christof begegnen, sie zunächst mit dem Auge des Dichters betrachtend und die Frage zurückdrängend, inwieweit er in ihnen der jüdischen Kollektivpsyche nach unserem Empfinden gerecht geworden ist. Es gehört zweifellos in der gegenwärtigen Atmosphäre des gegenseitigen Hasses ein großes Maß von Objektivität, wenn der Dichter Juden und Judentum eine so vielseitige Wirkung auf den Werdegang seines Helden ausüben läßt. Man fühlt zwischen den Zeilen hindurch, daß dieses Bild des Judentums nicht am Schreibtisch konstruiert ist, daß es vielmehr auf persönlichen Lebenserfahrungen aufgebaut ist, die eine intime Berührung mit ihm verraten. Es scheint so, als ob die Schönheit der Bibel für Romain Rolland die verbindende Brücke zu den jüdischen Epigonen geschlagen hat. Die hebräische Ilias ist für Johann Christof der Bronnen, in dem er sich von dem Dunst und dem Unrat von Paris gesund badet. Er saugt in sich auf den Hauch sittlicher Lebensenergie, der ihm aus der vergöttlichten, wilden Natur, aus den ursprünglichen Persönlichkeiten, aus den frohlockenden Himmeln, den menschlichen Löwen wie ein allgewaltiger Hymnus der Schöpfung entgegenströmt. Sie ist ihm das Knochengerüst der Völker, die mit allen Naturinstinkten leben und sich behaupten wollen, das Gegengift gegen das Evangelium, das ohne das alte Testament „ein flaues und ungesundes Gericht" bleibt. Sie krendenzt ihm den berauschenden Trank einer kraftvollen Lebens- und Diesseitsbejahung, durch die die ganze Klaviatur von Liebe und Haß, von allumfassender Menschlichkeit und bis