KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 24 (September 1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- Seite 1152 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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1162 er zum Renegaten gesunken war, ist er zu seiner Vergangenheit zurückgekehrt und treu geblieben seinem Lebenswerke, der großen dichterischen Verkündigung des Johann Christof. ES ist das Buch eines Franzosen, für den von hoher Warte aus deutsches und französisches Wesen zu einer höheren kultureller! Einheit verschmelzen können. Schon dieses Bekenntnis allein gibt dem Roman in der Zeit der größten deutsch-französischen Auseinandersetzung seine überragende Bedeutung. Aber darüber hinaus, enthüllt von seinen zeitlichen Werten, ist es zugleich ein begnadetes Werk schöpferischer Kraft, groß in seinem Gehalt und gegossen in eine Form, deren edle Schönheit auch vor dern Werther und Wilhelm Meister rricht verblaßt. Das Deutschland und Frankreich, wie er es mit seiner srüuzösischen Seele sieht, schildert er in dem Werdegang eines genialen deutschen Musikers, an dessen Aufstieg und Vollendung beide Völker brüderlichen Anteil haben. In langer Reihe ziehen sie vorüber — die Eltern, die Freunde, die Mädcheublüten, die Weiber, Berufene und Verworfene, die Gestalten der Liebe, der Reinheit, des Schmutzes, des Hasses, des Idealismus, der Genußsucht, die Vertreter deutschen und französischen Wesens. Ein künstlerischer Borwurf gewaltigster Art, würdig eines ganz großen Meisters, 'und wir fragen uns mit den Worten der Alten in der Versunkenen Glocke, ob hier ein Auserwählter oder bloß ein Berufener den Griffel geführt hat. i. Das'führt uns zu dem Wie und Was, zn der Seele und dem Körper, den der Dichter seinem Schüpfungswerke verliehen. Das Gerüst des Romans, die Menschen und Maffenschiiderung, die Darstellung der großen geistigen Strömungen, die das Leben des Einzelnen und der Völker durchdringen, die Psychoanalyse der Individuen und ihres Milieus — vieles, vieles ist auserwählte, bewundernswerte Kunst! Sie ist meinem Empfinden nach restlos in dem ersten Bande des Johann Christof verwirklicht, der die Kinder- und Jugendjahre des Helden behandelt. Aber sie ermattet in den beiden anderen Bänden bei der Schilderung des lebendig pulsierenden Getriebes der großen Welt, angesichts der Sphinx Paris, das Sumpf und Jungbrunnen, das sterbende und jugendstarke Frankreich zugleich ist. Der Dichter wird zum geistvollen Essaylsten, der monumentale Bildhauer zum Genre-Plastiker. Viel Detailkunst, manche wieder wahrhaft große Skizze, aber das künstlerische Gerüst bricht — auch hier drängt sich der Vergleich mit dem Wilhelm Meister auf — für viele Strecken zusammen. Nach der prachtvoll gedrungenen Lebensgeschichte des Kindes und Jünglingdrängen sich in die Schilderung des heranreifenden genialen BoÜmenschen langatmige Exkursionen über daS soziale, literarische, politische, musikalische, religiöse Wesen Frankreichs und seiner Hauptstadt, über die Elemente deutschen und französischen Geistes, Feuilletons, die bei all' ihrem Wert doch in keinem biologischen Zusammenhang mit der wachsenden Entfaltung des Helden stehen. Und so auch die Menschen, die in den Bannkreis des heranreifenden Christof treten, mit ihren Wesensarten von ihm ausgenommen und abgestoßen werden! Im ersten Bande: Sie leben nach den Worten des Tasso, denn sie sind. Nur ein hellseherisches Dichtervermögen kann das Auftauchen des Kindes aus der Dämmerung des Unbewußten so tiefschürfend der Natur ablauschen, Gestalten wie die Mutter, dieses flachshaarige Dienstmädchen, klein an Geist und groß an opferreicher Liebe, den trunksüchtigen Vater, den ehrgeizigen, in seinen Hoffnungen enttäuschten Großvater zum Leben erwecken, die schüchterne Natur mit starkem Wollen, mit kraftvollen Saatkörnern, die niemals zur Blüte ftmtni. Wie groß ist die auskeimende Knabenliebe mit ihrem lachenden Glück und ihrem niederschmetternden Ende gezeichnet, der kurze Liebestranm mit Sabine, der zarten, süßen Frau, der angeblich Deutschen und echten Französin, die hoffnungslose, sich zur Selbstlosigkeit überwindende Liebe Rosa Vogels, der flirtende Schmetterling Corinna, das trübe Wesen des Geschiechtsiieres Ada, der in den Tod getreue alte Professor Schulz, dessen letzte Stunden noch der Glauben an die musikalische Sendung Johann Christofs verklärt. Sie wachsen erdgeboren aus ihrem Lebensboden heraus, mag dieser Boden auch die Mansardenwohnung, der von Vögeln erfüllte Laubwald oder das Gelehrtenzimmer sein, in dessen Sülle die Jahre verstreichen gleichwie über dem Mönch der Legende, der unter dem Sang des Zaubernvgels das Leben verzückt vergißt. Gegenüber dreien lebendigen Geschöpfen ragendster Meisterschaft steigen aus dem zweiten und dritten Bande als Gipfel nur Antoinette empor, die Verkörperung der bis ins hysterischekstatische sich steigern de n, seibstopfernden schwesteriichen Liebe und Grazia, die Vertreterin einer reinen, keuschen Freundschaft zweier Geschlechter. Die übrigen Menschen bleiben uns fern. Nicht allein aus dem Grunde, daß sie großenteils Erscheinungsformen eines uns wesensfremden Geistes sind, nicht allein als spezifische Produkte romanischer Denkart, — sondern weil sie Schattenaestalten sind, denen ein großer Techniker ein Scheinleben eingeflößt hat. Sie sind atls vir-