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KC-Blätter · 1918-05-01 · Heft 22 (Mai 1918) · p. Seite 1087

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 22 (Mai 1918)
Date
1918-05-01
Page
Seite 1087 (sequence 37)
Language
German
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I 1087 jüngung der Kultur entdeckt hätte. Mit besonderem Hochgefirhl mußte es ihn deshalb erfüllen, wenn die Idee eines Plato, das „Ding an sich" eines Kant und die „Vision" der Propheten eine Synthese eingehen, auf deren Bestand die Lösung des Weltproblems beruht. So atmet alles, was Cohen dachte und schuf, den Geist der Bewegung und des Fortschritts. Um so mehr aber mußten sich jene Kreise durch dieses System angegriffen fühlen, die in dem konstanten Festhalten am Starren und Unbeweglichen aus sozialem und politischem Gebietein Religion und Kunst das Ziel ihrer Bestrebungen erblicken. Daher war Cohens Leben und Wirken ein ständiges Kämpfen und Ringen mit den Mächten der Unduldsamkeit und des Materialismus, des Skeptizismus und des Fanatismus. Aber all diesen Gegnern war Cohen überlegen nicht nur durch die Schärfe seiner Dialektik und durch die Wucht seiner Argumentation, sondern auch durch den Freimut der Kritik. Unvergessen sollen ihm jene Worte bleiben, die er in seiner Schrift „Religion und Sittlichkeit" gegen die heimlichen und öffentlichen Verfehlungen im politischen Tagesleben findet; gegen die Entrechtung seiner Glaubensgenoffen und gegen die staatliche Belohnung jener Abtrünnigen, die ihre Teilnahme am gesellschaftlichen und politischen Leben durch Verrat an der Religion ihrer Väter erkauften. Doch war ihm immer ein offener Gegner tausendmal sympathischer als jene Feinde, die mit eisigem Schweigen über seine gewaltigen Schöpfungen zur Tagesordnung übergingen. Wußte er auch, daß sich in dieser Kampfart nur hilflose Ohnmacht und Schwäche verbirgt, so mußte er es doch als tiefe Kränkung empfinden, daß ihm, dem Wiederentdecker des klassischen und deutschen Idealismus, die Anerkennung versagt wurde, die minderwertigen Geistern gar oft in überströmender Fülle zufiel. Besonders schmerzlich müßte er die Tatsache hinnehmen, daß man auch in weiten Kreisen der jüdischen Gemeinschaft das Verständnis für.sein Lebenswerk, für die logische und ethische Grundlegung des Judentums, vermißen ließ. Um so mehr ist es Pflicht der jüdischen akademischen Jugend, durch Vertiefung in Cohens Lehre, durch selbstschöpferisches Nacherzeugen, durch Schaffung eigener Werke den Geist der Cohenschen Philosophie zu erhalten und zu befestigen. Immer mehr muß sich der Gedanke durchsetzen, daß Cohen nur deshalb ein solch freier Philosoph auf ethischem Grunde sein konnte, weil er ein religiöser Jude war, und daß er nur deshalb mit solcher Innigkeit am Judentum hing, weil sich seine Philosophie von allen dogmatischen Voraussetzungen frei machen konnte; denn nur das Judentum allein hat &it allen Zeiten die Forderungen der Vernunft als die obersten Sätze der Religion bezeichnet. Halten wir uns fern von dem heute so üblichen Personenkultus, der nur am Aeußeren klebt und nicht in die Tiefe der Cohenschen Persönlichkeit einzudringen vermag. Denn wie alle großen Geister, so kann auch Cohen nur in der ewigen Verjüngung seiner Lehre Unsterblichkeit gewinnen. Akademische und Allgemeine Nachcichken. Hermann Code» als Jude. Drei charakteristische Stilblüten aus jüdischen Zeitungen über Cohen: 1. AuS dem Frankfurter Israelitischen Familienblatt vom 26. April 1918: Daß er in seiner bewußten Stellung zu Judentum die moderne jüdische Renäiffancebewegung abgelehnt hat, daß er noch in seinen letzten Jahren gegen sie zu Felde zog, ist wohl unsagbar traurig und ein erschütterndes Sympton für die Krankhaftigkeit unserer heutigen Lage, ändert aber nichts an seiner Bedeutung für die jüdische Geistes, geschichte. — 2. Aus der „Jüdischen Presse" vom 16. Mai 1918: Daß er sich an das liberale Judentum wandte, war der schwerste Irrtum seines Lebens. Vielleicht, daß er es selbst fühlte. Zu der selbstbewußten, schwer um die religiösen Probleme unserer Zeit ringenden jüdischen Jugend hätte ihn dieser Weg führen müssen. Hier hätte er eine begeisterte Schar gefunden. Hier wäre der Boden gewesen, auf dem seine religiösen Ideen zur Entfaltung hätten gelangen können. Hier würde er das vortreffliche Baumaterial gefunden haben, um ein neues, tiefreligiöses Judentum entstehen zu lassen. Ist Herzl für die jüngjüdische Bewegung, der nun doch einmal der lebenskräftige Nachwuchs des Judentums zugehört, ein neuer Serubabel geworden, so hätte ,ihr termann Cohen ein religiöser Organisator, ein neuer sra werden können. — - 3. Aus dem Aprilheft „des Juden". Man darf sich also nicht wundern, daß dieser große Denker aus seiner Polemik mit den Nationalisten und Zionisten nicht einmal mit einem dialektischen Scheinfieg hervorzugehen vermochte. Fast immer trug er eine Niederlage davon. Seine Denkkraft war nicht altersschwach, sie hatte ihn nicht für einen Augenblick verlassen, hatte sich im Gegenteil gerade in den letzten Jahren in der Polemik glänzend bewährt. Es war nicht die Schwäche der Persönlichkeit, nicht die der Logik: hier zeigte sich die Unzulänglichkeit einer veralteten Position, die, auf innerem Widerspruche fußend, zu einem System ausgebaut und mit erhabenen Gedanken über Menschheit und Messianismus vielfälttg verbunden wurde. Es war zuweilen schmerzlich, die Mederlage dieses Mesen zuzusehen, mit dem selbst ein Zwerg aus dem Lager der Zionisten und Nattonmistey es aufzunehmen und seine von komplizierter Geistesarbeit zeugenden Ansichten im Handumdrehen zu widerlegen vermochte. Mit Recht! Aber es war nicht: die Schuld Cohens, nicht seine Schande, es war die Schuld einer Generatton, die Schande einer Epoche, die Cohen, so gut er es vermochte, verteidigte. So stand er wie ein mächtiger Fels in seiner erhabenen Einsamkeitund wich

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