KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 22 (Mai 1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 1086 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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1086 heitsbildung. Was sich unserem Bewußtsein darbietet, kann nur dadurch erkannt und erfaßt werden, daß wir: eS immer mehr zu einer geschloffenen Einheit emporheben. Da aber das Material unseres - Bewußtseins von unendlicher Fülle ist, so ist auch die Einheitsbildung ewig unabschließbar. Wiederum muß auch das Material der Einheitsbildung von unendlich reichem Inhalte sein, wenn die Ausgabe der Einheitsbildung eine ewige sein soll. Diese ewige Wechsel. Wirkung zwischen Einheit und Trennung, zwischen Zusammenschluß und Auflösung, zwischen Konsonanz und Dissonanz ist der Inhalt der Idee, ist -er Inhalt des „Ding an sich." Was bedeutet diese Definition des „Ding an sich" sür die Kultur? Um es kurz zu sagen: In diesem so definierten „Ding an sich" ist der ewige Fortschritt der Kultur verbürgt. Nirgends darf es sogenannte stabile Begriffe, stabile Methoden, stabile Verbände, stabile Ideale gebender Geist -es „Ding an sich", wie er von Cohen begründet wird, verlangt ewige Auflösung, ewige Erneuerung, ewige Verjüngung, ewige Schöpfung. Wenn es wahr ist, daß in dem Begriffe der Entwicklung und Bewegung die ganze moderne Wissenschaft, Kunst und Literatur seit Beginn der Renaissance ihren typischen Charakter haben, so ist durch diese Formulierung und Interpretation des kantischen Dingansichbegriffs die logische Rechtfertigung und Sanktion gefunden worden. Freilich muß man diese Eigenart des ewigen Auflösungsprozesses zu gunsten einer höheren Einheit auch richtig verstehen. Man muß sich unbedingt vor dem Mißverständnis hüten, als ob die Auflösung Selbstzweck wäre, sondern Auflösung und Bereinigung erfordern sich gegenseitig als notwendige Glieder eines einheitlichen gedanklichen Prozesses. Wo die Auflösung nur um ihrer selbst willen betrieben wird, herrscht die Anarchie, und wo die Vereinigung ohne yoraufgegaygene Trennung entstanden ist, ta herrscht dogmatische Vergottung. Nur in dem ewigen -Aufeinanderbezogensein dieser Urfunktionen unseres Geistes kann wahrhafte Kultur gedeihen. Mit dieser Definition des Kulturprozeffes ist auch die Lösung gefunden für das Verhältnis zwischen Natur und Geist, zwischen Logik und Ethik, zwischen Leben und Ideal. Innerhalb dieser Gegensätze darf weder eine absolute Trennung noch eine absolute Bereinigung bestehen, sondern nur in ihrer vorübergehenden Vereinigung zum Zwecke provisorischer Auflösung und in ihrer provisorischen Analyse zum Zwecke vorübergehender Einigung liegt der Kern aller gesellschaftlichen Entwicklung. So erweist sich das von Cohen kritisch bearbeiteteSystemKants als die ewigeVerjüngungsquelle der Menschheit, und so hat Cohen durch seine Interpretation des kantischen Dingansichbegriffs nicht nur Kants - System, sondern den Idealismus überhaupt zum ständigen Korrektiv und zur dauernden Revisionsinstanz aller kulturellen Strukturen erhoben. Aber noch etwas anderes hat Cohen mit dieser kritischen Neuschöpfung Kants erreicht, nämlich die logische Begründung des Judentums, insbesondere das seiner Propheten und Psalmen. Der Zielbegriff des Prophetismus ist der Gedanke des messianischen Gottes. Dieser Gedanke unterscheidet sich von allen ähnlichen Gebilden scholastischer Art dadurch, daß er den Ausgangspunkt der göttlichen Wirksamkeit in den E ndpunkt aller kosmischen Entwicklung trägt. So verwandelt sich das goldene Zeitalter der mythischen Vergangenheit in die logisch durchleuchtete Zeit der unendlich fernen Zukunft. Dadurch allein aber ist die Stagnation kultureller Gebilde ausgeschlossen, da diese durch den Blick auf die ewige Zukunft sich ewig verjüngen und ewig erneuern müssen. Es darf der Augenblick nicht entstehen, von dem der Dichter sagt: . Verweile doch, du bist so schön. Alles muß in einem unaufhaltsamen Vorwärts, in einer ewigen Strömung das Ziel seiner Bewegung erblicken. Jede Auflösung einer Kulturerscheinung muß nur die innere Reife bekunden, die zur Auflösung führte, und jede Neubildung muß auf die Zersetzung Hinweisen, die der Stufe einer weiteren Neubildung voraufgeht. Welch ungeheuer wichtige Perspektiven eröffnen sich bei einer derartigen Kulturkritik in unserem politischen, wissenschaftlichen, ästhetischen Empfinden! Welche fruchtbaren Trostgedanken enthüllen sie jedem, dessen ausschließlich auf die momentane Zerstörung gespannter Blick die Zukunft in düsterem Lichte sieht! Nicht in letzter Reihe ist es das Judentum selbst, das in solchen Betrachtungen Mut und Zuversicht zu seiner ewigen Erneuerung und Verjüngung schöpfen kann. Es bann und darf keinen Stillstand in der Entwicklung des Judentums geben, nicht politisch, nicht soziologisch, nicht religiös. Wer daS Heil des Judentums in einer RückwärtSrevision seiner Ideen und Gefühle erblickt, wer nicht den ewigen Ausgleich des Judentums mit allen übrigen Kulturproblemen für wünschenswert erachtet, wer nur der ewigen Isolierung das Wort redet, der hat nie den Geist Hermann Cohens begriffen, der als Philosoph der Jugend an die Stelle der ewigen Ruhe den ewigen Kampf, die ewige Neuprägung und Neuerzeugung setzt. Aber niemals hätte Cohen die moralische Kraft zu dieser prophetischen Aufgabe gefunden, wenn er nicht in der steten Selbstkritik der Idee das logische Rüstzeug sür seine Philosophie. der Ber-