KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 22 (Mai 1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 1083 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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1088 nicht, wohl aber hoffentlich! — ohne Schiebungen. r Ich möchte, man soll nicht mehr insgeheim oder öffentlich von vornherein schon den Juden verurteilen und als Staatsmitglied unterdrücken. Ich komme immer wieder daraus zurück: die Einsamkeit Und der den Juden aufgezwungene Abschluß von den christlichen Mildeutschen und der Staatsleitung hat diese Verbitterung auf beiden Seiten hervorgerufen. Meine oben angeführten Typen zeigen aber, wieviel Schwäche auch auf Gegenseite vorhanden fein kann. Somit hätte ich den schwierigsten und umfangreichsten Teil meiner Untersuchungen vollendet. Auf zwei Dinge glaube ich Wert legen zu müssen: Bei Besprechung der Judenfrage wurde häufig der Fehler gemacht, die christlichen Kreise als eine Herrenkasteals „di e" Deutschen in Reinkultur anzusehen, nach denen sich die Juden ohne weiteres zu richten hätten- „Wirtsvolk" und „Gastvolk". Bescheidenheit (die Unkenntnis verbarg), Ruhe (mit Verständnislosigkeit verwechselt)- korrektes Benehmen (das sinnlose Nachahmung zweckloser Formen war), oder Schweigsamkeit (äußere Distanz statt innerer) sollten bewundert und ein Ideal werden. Dazu ein überstarkes scharfes Auftreten, auch wenn unwichtige persönliche Dinge streittg erschienen. Das erweckte — und darauf lief es hinaus —den Anschein der guten Kinderstube und der sachlich-ruhigen Denkart. Davon kann gar keine Rede sein. Den Christen eignen genau soviel Fehler wie den Juden. Hilfsbereitschaft, Tiefe des Denkens, gutes Familienleben sind wohl nachahmenswert... Klingt das Zusammenspiet nicht, so liegt es am Kapellmeister, der einen Mitspieler zu taut tönen läßt — deswegen braucht nicht gleich der andern aushören. Sodann vermeide ich die Behauptung: Deutschtum und Judentum find eins. Oben sprach ich schon davon, welch schwerer Fehler solch eine Antithese sei. Ich meine, was das Deutschtum ist, das ist noch nicht erkannt. 43 Jahre erst besteht daS Deutsche Reich -und feit drei Jahren liegen wir im schwersten aller Kämpfe. Die Ruhe ward uns Deutschen noch nicht, deren eine Nation bedarf, um voll auszureifen. Literatur und Malerei spiegeln dies deutlich wieder: fremde Einflüsse sind stark vorhanden- Tasten und Suchen überall, zuviel „Richtungen" gibt es.' Unruhe noch schüttelt das innere Leben der Nationwir sind noch jung, noch im Werdennoch Chaos, wie Nietzsche sagte (und H. St. Chamberlain gern anwendet). Was das „Deutschtum" mit seinen Licht- und Schattenseiten ist, steht noch nicht' fest, auch wenn wir ein Deutschland haben und lieben. Das aber ist sicher: das Deutschtum wird aus sehr vielen, recht verschiedenen Elementen zuzusamryengesetzt. Mining und Trining aus Beidendorf bei Wismar in Mecklenburg gehören ebenso dazu, wie der aus Pariser Schule kommende Münchener Maler. Die liebenswürdigspöttische Blondine mit den so schmeichelnden Akzenten Düffeldorfs ebenso wie der ernsthast-nachdenkliche Akademiker aus Breslau. Alles daS ist deutsch.*) Auch die deutschen Juden gehören zum Deutschtum, dessen volles und wahres Gesicht erst noch ergründet werden muß. Denn deutsch ist jederder es sein will. Meine Worte mögen Helsen, die vielen Arten zusammenzubinden zu einem Strauß, der dem Feinde Stacheln zeigt, dem Kundigen aber Farben und Blumen. Eine- und nicht die schlechteste Blüte find die deutschen Juden. Denn Deutschland ist etwas wert — das sehen wir in diesen drei Kriegsjahren deutlich. Und:, „jedes Land hat die Juden, die es verdient.!" II. Quousque tandem... Ich habe nun einfach die Folgerungen aus meinen Darlegungen zu ziehen. Die Unterschiede sind klar. Ebenso die Fehler im gegenseitigen Verkehr und die Charaktere unserer Zeit. Wollen wir alle unsere Kräfte auf das eine Ziel sammeln, soll das salus rei publicae suprema lex sein — dann müssen wir alle zusammen und nur miteinander arbeiten. Im Hinblick auf dieses Ziel stelle ich meine Forderungen. Wie ich schon sagte, find die Beziehungen aller Menschen zu einander kälter geworden. Man mag darüber denken, wie man will: gelten darf dieser Grundsatz nur dem Auslande gegenüber. Nicht nach innen, hin und insbesondere nicht dann, wenn das Ausland uns zusieht. „Man" d. b. gewisse maßgebende Stellen haben häutig den Fehler gemacht, umgekehrt zu handeln. Einer der größten Fehler. Das Leben ist nicht leicht und in Deutschland wird unsere wie die kommende Generation noch hart ringen müssen. Warum deü Feindseligkeiten des Auslandes noch innere Krisen hinzusügen. Insbesondere den Antisemiten die, persönlich verärgert, mit Kälte und Haß auftraten— wird der Krieg eine Lehre sein, alle Intelligenz und alle fähigen Kräfte zu sammeln und zu hegen: wir bedürfen jedes Mannes. Der herkömmliche Respekt vor dem Ausland, zu ungunsten der eignen Landsleute, mag endlich die umgekehrte Richtung einschlagen. Doppelte Vorsicht dem Auslande gegenüber, aber hilfsbereit nach innen. Charity begiüs at home. Umlernen ist die Parole. Mit mecklenburgischstandesherrlichen. Scheuklappen freilich, auf das eigene Wohl allein bedacht, darf man nicht durch die Welt gehen. *) Man vgl. nochmals den vorzüglichen Aufsatz des Grafen Äl: Uexküll in der Neuen Rundschau, Heft Januar lülö)?? ..'