Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1918-05-01 · Heft 22 (Mai 1918) · p. Seite 1082

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 22 (Mai 1918)
Date
1918-05-01
Page
Seite 1082 (sequence 32)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2268830-2268910-2268913--2168-2271323
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1082 das ist das Wichtigste — der Täufling.) Ganz klar: der Täufling will in einen gänzlich neuen Kreis Eindringen, -er seine schlechte Familie und- Bermögenslage nicht kennt. So mu ß er vorwärts/über Leichen gehen und sei es die Leiche der eigenen Familie: In guten jüdischen Familien besteht schon aus diesem Grunde ein Ab-- scheu vor der Taufe — ihre Angehörigen wollen gar nicht den guten Kreis gegen eine sehr zweifelhafte neue Menschenklasse eintauschen. Sie sind stolz auf ihre Abstammung. Der Täufling fast nie! o b) Ein Mann, der das Leben. ohne lange Gewissensbedenken meistert, aber von guter Herkunft ist, wird sich laut und kraftvoll in Politik, aber nur auf der herrschenden Seile, betätigen, wenn er reich ist. Dies ist ihm die einzige Möglichkeit, noch äußere Ehren und Titel zu erlangen (der ostelbifche, konservative Grundbesitzer, der Jndustriebaron). Der Arme (der ältere, übergangene Beamte ohne Vermögen) muß sein einziges Wertobjekt, nämlich seine Äeziehungen nach oben einschmeichelnd benutzen, um — auf dem Umwege einer Stellung — den ewig regen auri sacra fames zu stillen. Die schlimmste Menschenart für ein Volk, weil sie regieren, um persönliche Bedürfnisse zu stillen. Unter ihnen auch finden sich am meisten die Schützer und Mitläufer (nie aber der Anführer) des Antisemitismus. Eine Politik der Hintertüren und der leicht hingeworfenen absichtlichen Bemerkungen, angefangen beim Schreiber im Büro, wird da in Szene gesetzt, nie faßbar und dennoch, wie ein Strauchdieb auf allen Wegen heimlich lagernd. — Schlechte Familie mit Reichtum verbunden erzeugt bei Gewaltsmenschen ein maßloses, herausforderndeSAuftreten, einen Menschen, der mit seinem Leben und dem andern spielt und eS vergeudet (der brutale Lebemann, der Kaufmann, der „über Leichen geht"). Der Letzte der Letzten, arm, ohne Erziehung und zur Gewalt neigend, wird ein Dunkelmann oder Verbrecher, — ihm ist das Leben eine öde Straße, aus der er ohne Ruhe vorwärts mutz. Ich füge hinzu, daß der Begriff „Vermögens- Verhältnisse" ein relativer ist, je nach Lebensgewohnheiten und Ansprüchen im gesellschaftlichen Leben des Betreffenden. Und diese können sich beide plötzlich-ändern. Dagegen ist der Begriff ,-gute Familie" fest Umrissen, ein Kreis verwandter bezw. verschwägerter Personen, denen Familienüberlieferung (Tradition) und Takt eigen ist. Familienüberlieferung bedeutet, daß jeder dieses Kreises mit besonderem Stolz auf irgend eine Leistung seines Vorfahren blickt und als Glied dieser Menschenkette vor und für sich selbst eine deutlich zum Ausdruck kommende Achtung hegt und von jedem anderen fordert. Mit anderen Worten: Adel- In gleicher Richtung liegt Takt, d. h. innerer Adel: das Nichtbezw. nicht vollständigeAusnützen der ungünstigen Lage oder Schwäche eines anderen. Im Gefühl der eignen Ueberlegenheit oder Unangreifbarkeit zollt man dem anderen eine gewisse Ächtung — man kann dem Schwachen „Luft lassen": (Nicht zu verwechseln damit ist Höflichkeit. Takt ist: etwas Inneres, Rücksichtnahme des Herzens, Höflichkeit bleibt eine Rücksichtnahme der Hände. Der Romane z. B. ist mehr höflich als taktvoll, mehr glatte Form als fester Inhalt.); Diese Eigenschaften kennzeichnen gute Familie. In schlechten Familien herrscht grobes Empfinden, man kennt nur sich, den Lebenden, und sieht im anderen lediglich die Möglichkeit, ihn auszubeuten. Die Rücksichtnahme der Hände wird übertrieben, weil die des Herzens fehlt — es mangelt an „Kinderstube^. Keine Rolle spielen bei obiger Darstellung die Temperamente. Je nach Nerven- und Gesundsheitszustand wird eine Lage aufgefaßt, Denk- und Handlungsweise dagegen gehen auf das entscheidende Innere zurück und bieten allein ein Charakteristikum. Diese Untersuchungen habe ich angestellt, um zu zeigen, daß die antisemitische Bewegung sowohl in ihren Voraussetzungen wie in ihren Folgen von so vielen rein persönlichen Dingen abhängt, ja oft allein dadurch zustande kommt. Diese inneren, oft ganz verschiedenen Widerstände müssen zunächst einmal überwunden, um auch das Judenproblem mit Ruhe zu überdenken. Wenn die Juden (man vergleiche später die Stellung der Deutschen in der Welt) bislang noch Widerstände fanden, so lag eS auch daran, daß ihnen oft diese gewisse Art von Menschenbehandlung (dem seelischen Betrug nahe kommend) nicht eignete, die ein überfüllter Staat zeitigt: den anderen nie verletzen und dennoch ganz gefügig machen. (Exz. Hamann, der ehemalige Leiter der Presseabteilung, soll diese Kunst in hohem Maße gehabt haben). Ewig sich im kleinen, gleichen Kreise drehend, ein geistiges Ghetto, hatten die Juden dazu wenig Gelegenheit. Trat einer heraus, so ging er entweder vollständig in dem neuen Kreise auf.oder — er fiel auf, und damitfchon war's um ihn geschehen. Wer Menschen behandeln will, muß viel Konzessionen wachen, viel Kompromisse, und seinen Stolz manchmal verstecken. Der Durchschnittsjude hat aber noch den naiven Stolz aller künstlerisch veranlagten Menschen auf Leistung; sie ist ihm auch Herzenssache. Man vergleiche, was ich oben von Juden und Künstlern sagte —es trifft überall zu. Das ist letzten Endes der Sinn: Leben wollen wir alle in Deutschland, Christen und Juden (sogar enragierte Zionisten). - - OhneReibungen! geht's

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.