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KC-Blätter · 1918-05-01 · Heft 22 (Mai 1918) · p. Seite 1081

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 22 (Mai 1918)
Date
1918-05-01
Page
Seite 1081 (sequence 31)
Language
German
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1081 same Züge i ober Aeußerlichkeiten gesucht, nicht aber die Familie gewertet: Der junge Oelhändler Laböschin aus dem Osten ist dem Christen dasselbe wie eine alt eingesessene hochkultivierte Berliner Gelehrtenfamilie. Man erkennt keinen Adel. Eine der tiefsten seelischen Kränkungen. Schließlich: die Verschiedenheit im Aussehen bewirkt fast ausschließlich den ersten Anstoß zum Antisemitismus. Gäbs keine Juden mit dunklen Haaren und besonderen Namen, so würde man ihn in den meisten Fällen gar nicht erkennen. Gerade an dieser Aeußerlichkeit stoßen sich foviele; sie bleiben dort schon hasten, schwatzen das bekannte Vorurteil als eigenes Urteil nach und damit ist's geschehen. Ein Umstand noch kann vielleicht gerade in den ersten Jahren nach der Reichsgründung besonders zur Dissonanz beigetragen haben. Der Jude, mit alter, hochwertiger Kultur plötzlich in ein neues Reich mit junger Kultur und ohne Tradition gestellt, mußte andersartig, überlegen wirken. Aeußerlichkeiten unterschieden ihn, seine zäh und in engem Kreis festgehaltene alte Kultur schien fremd — ein Grund, ihn mit Mißtrauen zu betrachten und als „nicht-deutsch" bei einer urteilslosen Menge zu verdächtigen. Damit auch , wurde man einen unbequemen Konkurrenten im drohenden Daseinskämpfe los: man setzte ihn schlankweg mit der Bezeichnung „Jude" matt. So wurde die Kadenz tatfroher Herzen zur Dekadenz stammesfremder Wucherer gestempelt. Und einer der ganz Großen schrieb von den „Fermenten der Dekomposition". Wer sieht da nicht mit Notwendigkeit eine starke antisemitische Bewegung kommen? Ein Kampf, in dem jeder Schlag doppelt heftig erwidert wurde. Der Jude galt nichts: äußerstenfalls war er ein Parvenü) der vielleicht Fähigkeiten und Leistungen hatte. Der andere aber hatte seine alten Beziehungen, die ihn höher trugen und das Leben leicht machten. Hinzu kam, daß dem äußerlich unterlegenen, unansehnlichen, verachteten Juden aber eine geistige Macht innewohnte, die auf die Dauer einfach nicht' umgangen werden konnte. Es mußte gewisse Gemüter reizen, daß Würde und Distanz dagegen gar nichts wog. Ein treffendes Wort— und die auf Aeußerlichkeiten aufgebaute Macht zerstob. Anstatt dies bald zu erkennen und dennoch alle Kräfte ein e m nutzbaren Ziele zuzuführen, leitete man eine brudermörderische Inquisition ein, die antisemitische Bewegung, die noch durch mehrere Umstände — besonders hohe Einflüße — gefördert wurde. Nun müffen wir den Fehler wieder gutmachen. Einer öden Gleichmacherei rede ich nicht das Wort. Eine spitze Redensart besagt: in jedem Juden steckt ein kleiner Antisemit! WaS für Juden aus guten Familien ohne weiteres zutrifft. Der größte Fehler liegt aber doch immer auf Setten derer, die zwar Macht und Erkenntnis haben, sie aber nur zum Unterdrücken und Ausnutzen, nicht zum Emporheben und zur Auslese verwenden. Das ist mein oft wiederholter Vorwurf. Denn der „Zug der Zeit" hat jetzt Charaktere hervorgebracht,-die die schwersten Bedenken für die moralische VolkSgesundhett Hervorrufen müffen. Verbunden aber mit der Macht der antisemitischen Bewegung wirken sie vernichtend. Ä-. Wie erwähnt, hat die Ueberfüllung mit Menschen in Deutschland das Leben heut zu deinem immer härteren Kampfe gemacht. Auf dem geraden Wege der Ehrlichkeit und des Vertrauens kam man immer seltener vorwärts. Leben wollte jeder im Lichte, auf jedem Wege aber fand man gleichwertige scharfe Konkurrenten. Wohl gilt das Gesetz der Auslese — aber nur für den Theoretiker. Manchem, der im Kampfe steht, wird es zuviel. Dies Uebermaß an Widerständen wurde je nach der Veranlagung entscheidend für den Charakter. Bei mehr geistigen, passiven, feineren, refiektiv veranlagten Naturen erzeugte dies ein gesteigertes Zurückziehen in sich — eine Einsamkeit, eine Resignation, in deren dünner Höhenluft sich allmählich nur wenige zu halten vermochten. In der Politik äußerte es sich in „Reichsverdrossenheit". Bei mehr materiellen, aggressiven, größeren impulsiv veranlagten Menschen rief eS ein gesteigertes Herausgehen, eine Herrschsucht und Ungestüm hervor, was letzten Endes seinen Ausdruck in allen Gewaltmitteln wie Lüge, beständige Mentalreservatton fand. Lediglich Rücksicht auf die eigene, besonders die gesellschaftliche Stellung wies die Schranken in der Anwendung Im polittschen Leben: eine Nebenregierung, ein ungekröntes Königtum, das sich gegen alle offiziellen Wünsche durchsetzte. Je nach Familie Und Vermögen kommt nun das persönliche allgemeine Auftreten dieser beiden Menschenklassen zustande, sodaß sich folgendes Schema ergibt: a) Der ständig nachsinnende Mensch, der mit Geist das Leben zwingen will und aus guter Familie stammt, zieht sich soweit möglich zurück, wenn er reich ist. (Typus: der „gebildete" Großkaufmann, der Gelehrte mit Vermögender „abgeschliffene" Weltmann, der „feinsinnige" Schriftsteller). Armut erzeugt, unter sonst gleichen Bedingungen, geistige Ueberhebung. (Typus: der unzuftiedene Journalist und Politiker, der nervöse Akademiker). — Schlechte Familie mit Reichtum äußert sich dann in Protzerei: (der wohlbekannte Parvenü), ohne Geld aber wird hier ein Mensch, der sich rücksichtslos, mit allen Mitteln des Verstandes durchsetzt (der energische 'Kaufmann, der „erfolgreiche" Anwalt/ und —

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