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KC-Blätter · 1918-05-01 · Heft 22 (Mai 1918) · p. Seite 1080

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 22 (Mai 1918)
Date
1918-05-01
Page
Seite 1080 (sequence 30)
Language
German
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*1080 gegenüber geübte Verfahren -einmal feibst an — von christlicher Seite fällt die erste antisemitische Beleidigung, der Ton wird schärfer — soll ich diese Entwicklung noch weiter ausmalen? Wir alle haben es erlebt, das ist Mentalreservation — politisch wird harauK die Kamarilla, die Nebenregierung, die schließlich zehnfach mächtiger als alle Gesetze und offiziellen Kundgebungen ist. Der Zug -er i Zeit, nach Vereinsamung und Lüge strebend, hat bei dem jüdischen Problem in Deutschland am meisten zur Schärfe beigetragen. Wie sehr unsere Zeit eine ganz andere gegenüber der letzten Generation geworden ist, will ich nur an einem Beispiel rasch zeigen. Wer z. B. würde heute noch ein Buch wie den Kampf um Rom von Felix Dahn lesen. Oder — noch besser — ihn schreiben? Diesen Roman, den tote noch als Schüler verschlungen haben! Für unsere Zeit ist charakteristisch die Skizze, das apergu, das Automobil, daS Kino, das „Extrablatt^ — mit einem Wort „die Sensation". Möglichst viel und möglichst unerwartete Wortbilder, wie fie — ganz überstürzt — die Ekstatiker vom Schlage Kasimir EdschmidtS Hervorbringen. Der ruhige Fluß von FreytagS Romanen, die Entwicklungsromane von Emil Strauß („Freund Hein"), Erzählungen von Hermann Hesse, die»BuddenbrockS", all das ist nicht mehr typisch. Wir find anders: das Tempo ist höher, die Temperatur niedriger. Wir wissen zuviel, keiner von uns ist mehr unbefangen. Kritik ist die erste und Genuß die zweite Empfindung — ein wirkliches üoisqov nQ&iGQov, so sonderbar eS im Augenblick erscheint. Argwöhnisch betrachten wir das Neue und verbergen unsere Gedanken, oft unter dem Anschein der Ehrlichkeit. „Wir spielen alle, wer es weiß, ist klug", sagt irgendwo Hugo von HofmannSthal. In solch einer Zeit wird es doppelt schwer, eine durch Unkenntnis und Unvernunft so verdorbene Sache wie die Judenfrage zu entrvirken. Noch dazu, wo eine Parteiinfolge jahrhundertlanger Geistigkeit, dem Mächtigeren erst recht Angriffsflächen bietet. Ich gehe zum zweiten Punkt. Die Beziehungen zwischen Juden und Christen find im allgemeinen feindlicher Natur, soweit pe nicht in objektiven, verstandesmäßigen Leistungen oder Steuerzahlen bestehen. Bon Herzensbündniffen sehe ich natürlich ab. Eine Abhandlung über Antisemitismus ist fast nichts als eine Auszählung von Fehlern, die man der Minderheit gegenüber gemacht hat. Richtig ist zweifellos, daß die kleine fest zusammengeballte Maffe auffiel und mancherlei Eigenarten zeigte. Aber die Mehrheit hatte die Machtihr lag eS ob, einen Weg zur Ungleichung zu zeigen und alle dem salus rei pudlicae dienstbar zu machen. Man hat aber nicht gewollt; man hat einfach einen Vorwand gesuchteinen-ernsthaften'— und gar nicht schlecht gerüsteten — Konkurrenten im Lebenskämpfe auSzuschalten. Gewaltsam wurde daS jüdische Herz, daS noch entflammbare, deSillusioniert. Die Aufgabe, einen Weg zu finden, erschien mühevoll und womöglich Sem Lösenden selbst gefährlich. Die Gründe dafür sind mannigfach und zD. wohl bekannt. Ich nenne die allgemeine menschliche Trägheit, mit der fremde Wertungen, von irgendeiner Autorität ausgesprochen, knapp und kurz ohne Gründe formuliert, ohne Prüfung nachgesprochen werden: — Borurtelle. Damit ist der' Jude diskreditiert, noch bevor er überhaupt in Erscheinung treten kann. Eine fast Unerhörte Aufgabe, neben dem Ringen um das Dasein noch, die allgemeine Denkfaulheit zu besiegen. Sodann die Neigung gedankenloser Menschen, eine Einzelbeobachtung als typisch zu nehmen: eine schlechte Erfahrung mit einem Juden ohne weiteres auf alle zu übertragen. Gute Erfahrungen werden merkwürdig rasch vergeffen oder — o welch seelische Vornehmheit! mit besonderer Betonung als „Ausnahme" angeführt. Weit wichtiger ist die Form deS Daseinskampfes. Seit 1871 ist das Gebiet des Deutschen Reiches nicht mehr wesentlich gewachsen, die Bevölkerung dagegen fast um daS doppelte (39 Millionen zu 70) gestiegen. Härter und grausamer wurde daS Ringen; jeder drängt sich mit Gewalt an den Futterplatz und läßt keinen vor, der nicht in feine Klique gehört "oder von dem er selbst einen Vorteil erhofft. WaS Wunder, daß der so fähige Jude stärker als die anderen zurückgedrängt wurde und — actio et reactio semper sunt aequales — stärker sich vordrängte. Man suchte Nach Gründen und fand ihrer genug. Sodann das Anwachsen der Sozialdemokratien Die Partei hatte durch die Arbeit eines einzelnen Mannes, Bebel, binnen kurzem eine ungeheure Mehrheit hinter sich. Dementsprechend stieg auf konservativer Seite — d. h. auf der Seite aller, die mit dem augenblicklichen Zustand zufrieden (well einflußreich) wären und bet einer Neuordnung nur verlieren konnten — aus konservativer Seite die Bemühung, solche Elemente erst recht stark zu unterdrücken. Oben wieS ich nach, daß die politische Neigung der Juden nach -links geht. Unzufriedene, gequälte, temperamentvolle Menschen — sie mußten sich der Partei der Unterdrückten anschließen und die Denkfähigkeit in den Dienst stellen — somit wurden die Juden -den Machthabern doppelt verdächtig und unsympathisch. Des - ferneren: der Nichtjude macht' fast nie innerhalb der deutschen Juden gesellschaftliche UnterschMe. 'MttlGehäsfigkeit^werdengwrein-

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