KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 22 (Mai 1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 1079 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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1079 gemeinsam um ihres Leibes Notdurft « gegen den Feindringenwir find alle Kinder einer Mutter. Um meine Forderung zu begründen und den Weg des Ausgleichs zu zeigen, müssen wir zuvor die drei Dinge betrachten, Heren Einfluß sich auf alle Deutschen in ihrer Meinung über die Judensrage geltend macht; die Beziehung von Mensch zu Mensch im allgemeinen, sodann: das Verhältnis vom Christen zum Juden und schließlich die aus der Zeit heraus entstandenen Charaktere. Knapp und klar, auf geschichtlicher Grundlage, entwickelt der geistvolle Prof. v. Wiese aus Düsseldorf (Neue Rundschau, 28. Jahrg., April 1917, S. 439 ff), daß die Beziehungen der Menschen im GesellschaftSverbande kälter, erbarmungsloser, unmenschlicher geworden find. Er weift nach, daß der Mensch unserer Zeit ein anderer ist alS der vergangener Tage. Die Ausführungen mögen nachgelesen werden, sie verdienen es vollauf. Im Zusammenhänge damit kymmt v. Wiese auf die zwei Zeitübel zu svrechen: -Einsamkeit und Lüge. Oder — ich gebrauche Fremdworte, deren Gedankeninhalt alles umfaßt—Resignation und Mental-Reservation. (Letzter Ausdruck ist jedem Juristen auS dem Bürgerlichen Gesetzbuch wohlbekannt.) Den feiner veranlagten Menschen, sauf den allein kommt es in solchen Dingen an!) quält ein Lebenskonflikt, den er auf zwei Arten lösen kann: Entweder zieht er sich zurück und reflektiert, resigniert, indem er den rohen Willen anderer schalten läßt. (Zweig schreibt auch an einer der feinsten Stellen seines BucheS: „in den großen Städten ist jeder allein"- Ouartettfatz.) Oder aber: er hört seine innere Stimme nicht mehr und handelt anders als er denkt: das ist Lüge, gesellschaftliche Heuchelei, »cant«, wie es das englische Gesellschaftsleben in besonderem Maße erzeugt und benannt hat. Mir scheint: ein Uebermaß von Lebenswiderständen hat in Deutschland (neben anderen Ursachen, wie: Aufklärung, Entwicklung, Individualisierung, fremder Einfluß, andere gemeinschaftliche Lebensbedingungen), diese zwei Geistesrichtungen.hervorgebracht. Im nächsten Abschnitt mehr davon, r Vereinsamung, erzeugt aber Verbitterung und Verständnislosigkeit, Heuchelei. dagegen Mißtrauen, -Unruhe und ein ewiges Belauern aller andern. So auch in der Judensrage. Längst spielen — bei dem starken Zug der Zeit zum Atheismus -— religiöse Gegensätze bei unS: gar keine Rolle mehrzumal ein Uebertrittrasch und unauffällig£ geschehen kann, n Ja, ich habe eher gefunden,-daß man dem orthodoxen, starren, die Speisegesetze befolgenden Juden eine große Hochachtung entgegenbringt. May sieht auch wie? die Berliner bestätigen werden — „maßgebenden OrteS" strenge- Religiosität recht gern.. Man läßt ja auch ebenso, dem Katholizismus gern alle religiöse (und. andere) Freiheit Auch die Raffenfrage, ist und bleibt, wohl, unentschieden. Abgesehen von der Frage, ob die wenigen deutschen Juden überhaupt noch eine Rasse füx sich -rr und damit (s. Anfang) fähig find, eine eigene jüdische Kunst hervorzubringen wäre bei dem herkömmlichen Respekt der Deutschen vlU fremden Leistungen eher eine freundliche Aufnahme zu erwarten. Der Deutsche ist auch im Grunde seines Wesens dem Juden verwandt und. geneigt (vgl. das Buch von Mises, K. C- Blätter, März-April 1917, Heft 16, Seite 840); ich sprach oben schon davon, das aber ist es: der verbitterte, sich in seinen Kreis zurückziehende Mensch wagt es. heut nicht, bringt gar nicht mehr die. seelische Kraft auf, sich noch in die Art einer nicht geachteten Minderheit mit Verständnis einzuarbeiten, einzufühlen. Mögen es die machen, denen von Amts wegen alle Staats-Notwendigkeiten zur Prüfung unterliegen. „Wir sind froh, wenn wir dieser Anstrengung entgehen können - wir haben schon unseren fertigen Kreis, in dem wir unbehelligt leben, verkehren und genießen können. Map macht sich vielleicht noch damit gesellschaftlich verdächtig oder unmöglich. Nur nicht aufsallen! Wir haben's nicht nötig." Das ist Resignation, politisch gesprochen: — Reichsyerdroffenheit. Wessen Charakter aber zur Lüge neigtder findet sich noch leichter mit der Judensrage ab. Der Radauantisemitismus (als Kind noch in Dresden erlebte ich die Hep-Hep-Rufe!) hat mit dem latenten und dem rein gesellschaftlichen Antisemitismus die Rolle getauscht. Jetzt biegt man die Spitze um. Der mächtige oder der einflußreiche Mann füttert die Juden mit höflichen Redensarten, nutzt, mit Versprechungen lockend, all ihre reichen Fähigkeiten aus, gewährt das Versprochene dann« nur halb, zeigt dem Emporstrebenden neue Bilder von Macht, gibt ihm an. der Tafel der Ehren und des Einflusses wiederum nur einen schlechten Platz und so fetzt sich daS unwürdige Spiel, dieser strafrechtlich nicht faßbare seelische Betrug fort, bis der Jude erkennt, daß es auf dem graben Wege mit einer guten Leistung oder der Ehrlichkeit heut eben doch nicht mehr geht. Die Zeit ist anders: man mutz auch seine starken persönlichen. Beziehungen haben, man mutz halt „schiebm". Diese Empfehlung. bei dem einflußreichen Mann hat aber der' gesellschaftlich bedeutungslose Jude fast nie, ihm hastet eher noch: ein Makel an, sodast er von einem sonst genau gleichwertigen christlichen Mitbewerber durch, den Keulenschlag des Wortes „Jude" niedergeschlagen wird. Und es geht noch weiter: ohnmächtig und gereizt, aber seiner Fähigkeiten bewußt, wendet er wymöglich das chm