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KC-Blätter · 1918-05-01 · Heft 22 (Mai 1918) · p. Seite 1064

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 22 (Mai 1918)
Date
1918-05-01
Page
Seite 1064 (sequence 14)
Language
German
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1064 BckgägAvagen. Lange aber erfreuten Wir uns.nicht dieses .Erfolgesdenn plötzlich brachen unzählige Mafien von Russen aus. .dem Walde heraus, entwickelten - sich schnell und stürmten, während wir nun.auch vom Rücken mächtiges Maschinengewehrfeuer bekamen, unser schwaches und stark zusammengeschrumpftes Häufchen. An ein Entkommen war gar nicht mehr bei der Umzingelung zu denken, andererseits konnten wir auch dem Vaterlande durch Widerstand bis zum Tode nicht mehr nützen und so haben wir unS, als die Bajonettspitzen schon auf unsere Brust gesetzt wurden, ergÄen. — Das erste war nun, daß wir noch auf dem Kampfplätze beraubt wurden. Uhr, Ringe, Geld und alles, was die Rufien gebrauchen konnten, nahm man uns ab. Was aber hier noch einer (dadurch, daß er es schnell verschwinden lassen konnte) behielt, das wurde totsicher auf dem Wege durch die Etappe gestohlen. II. Der Gefangenentransport. Die ersteZeit konnte ich meine Gedanken , gar nicht sammeln. Ganz apathisch, war ich mir meiner Lage gar nicht bewußt. Ich hatte wohl vorher mit -er Möglichkeit einer Verwundung oder gar des TodeS gerechnet, aber nie an eine eventuelle Gefangennahme auch nur gedacht. Die ersten Tage vergingen bis zum Wege an der Sammelftelle, wo außer den 125 Mann meines Regiments bald, weitere 600 Kameraden aller Truppengattungen sich einfanden. Und nun begann die schwerste Leidenszeit meiner ganzen Gefangenschaft. Geführt von halbwilden russischen Landstürmern, marschierten wir jeden Tag in aller Frühe ab und gelangten spät abends in unser Quartier, d. h. alte verfallene Scheunen, in denen wohl 500 Mann gerade stehen, aber 750 nicht liegen konnten. Dazu kam,'daß ich außer Waffenrock und Hose, sowie der Wäsche auf dem Körper nichts mehr hatte, um mich vor der schon gang empfindlichen Kälte der Septembernächte zu schützen. Ganz schwer setzte uns der Hunger zu. Verpflegt wurden wir überhaupt nicht. Dagegen erhiÄten wir pro Tag 25 Kopeken (50 Pfg.) Verpflegungsgeld. Da wir aber keine Gelegenheit hatten, uns etwas, zu kaufen, so waren wir auf die Posten angewiesen, die Brot kauften und zum dreifachen Preis an uns Weitergaben. Unterwegs lasen wir die Konservenbüchsen und sonstige Geräte vom Erdboden auf, die wir als Trinkgefäße benutzen konnten. So ging es ca. sechs Wachen langjeden Tag dieselbe Frage auf den Lippen: ..Wie lange noch so, und wohin mit uns? Die Posten schrieen mit uns und brüllten uns an, ungefähr wie der Biehtreiber eine Ochsenherde antreibt. Am meisten aber quälte mich der Gedanke an meine Ettern und Verwandten zu Hause, und meine Gedanken an die Heimat und vergangene Zeiten verließen mich weder am Tage noch in den schlaflosen Nächten. Gar mancher von! den .Kameraden hat diese unmenschlichen Qualen nicht ausgehatten und ist durch Hunger und 5krankheit unterwegs liegengeblieben und, wie ich später hörte, umgekommen. Etwas besser erst wurde es, als wir Smolensk erreicht hatten, denn hier wurden wir endlich verpflegt und von hier aus mtt der Bahn weitertransportiert. Zuerst nach Moskau, wo Polen, Elsässer und Juden von den anderen Kriegsgefangenen getrennt wurden. Hierbei mußte ich leider. die Ueberzeugung gewinnen, daß auK nach dem Kriege der K. C. ein großes Feld der Betätigung haben wird, daß auch nachher der Kampf gegen den Antisemitismus wird fortgesetzt werden muffen, vielleicht in noch intensiveren Maße als je. Erst später, als mir ein Oesterreicher die schreckliche Lage der jüdischen Kriegsgefangenen - inr Juden. lager Sibiriens schiUrerte, trat ich auf Bitten - meiyer Freunde zu diesen zurück. - Bon Moskau aus gings dann weiter nach Norden in das Lager Sel BogorodSko im Gouvernement Nifchni-Nowgorod. III. Im Lager und auf der Arbeitsstelle. Gefangenenlager gab es im Inneren Rußlands damals überhaupt nicht. Ich kam in ein altes Fabrikgebäude. Hier lagen wir auf Holzpritschen ohne irgendwelche Unterlage und ohne Decken, trotzdem der Schnee schon sehr hoch lag. Durch die unglaublichen Anstrengungen und durch Hunger arg heruntergekommen, empfand ich auch schon das als Wohltat, daß ich mich ausruhen konnte und Gelegenheit hatte, den ganzen Tag über an der Vernichtung des unzähligen Ungeziefers zu arbeiten. — Aber leider mertten wir auch bald, daß wir in ein sogenanntes Hungerlager geraten waren. Außer Wassersuppen und sehr wenig saurem und nassem Schwarzbrot erhielten wir nichts. Lange hätte kein Mensch bei dieser Nahrung aushalten können. Ein großes GWck war es oaher, daß wir schon nach acht Tagen von hier fortkamen Und zwar nach dem Süden Rußlands (Woltschansk, Gouvernement Charkow). Nun begann eine weit bessere Zeit für mich. Ich kam schon am dritten Tag meiner Anwesenheit in W. in die dorttge staatliche Apotheke. Die Verpflegung war durchaus ausreichend — wenn auch nur Gefangenenkost — und außerdem konnte ich mich (abgesehen von zeitweiligen Ausnahmen) frei in der Stadt bewegen und mir alles kaufen, was ich wollte. Ich wohnte in der Apotheke, d.h. mein NachÜager befand sich in dem im Keller befindlichen Laboratorium auf den Steinfliesen.! Lange Zeit, nachher besorgte ich mir eine zusammenklappbare Bettstelle, Mantel und Decke und schlug dann abends mein konfortables Bett auf, das morgens natürlich verschwand. Ich hatte aber doch wenigstens eine Beschäftigung, geistige Anregung uno Abwechflung. Ideal war es zwar auch hier nicht. Wenn auch die körperlichen Leiden verschwunden waren, so haben doch die seelischen mich immer noch stark niedergedrückt. Die Behandlung seitens der Russen war so, daß ich keine Minute vergessen konnte, eben „nur" Kriegsgefangener, (d. h. Mensch dritter Klasse) zu sein. Dazu mm die beständige berechtigte Furcht vor dem Abtransport in Kohlengruben und ähnliche Arbeitsstätten. Wenn ich bis zu meiner Heimkehr aber dort geblieben bin, war es nicht aus Sympathie der Russen zu mir, sondern nur, um sich das deutsche Wissen und deutschen Fleiß möglichst lange nutzbar machen zu können. Die verschiedenen Revoluttonen aber hatten das Gute, daß den Kriegsgefangenen etwas mehr Freihett eingeräumt wurde. Tobende Bruderkämpfe und andere Unruhen gelangten nicht bis in unser Städtchen. IV. T»ie Heimkehr. Es verging wohl kaum ein Tag, an dem wir nicht über eine eventuelle Flucht gesprochen hätten, namentlich in der letzten Zeit der allgemeinen Unruhen. Als die Friedensverhandlungen begannen, stand unser Entschluß fest, sofort nach Friedensschluß abzureisen und nicht erst den Austausch abzuwarten. Wir waren schon vorbereitet, hatten schon damals unsere „echten" selbstverfertigten Papiere und russische Uniformen und warteten mit Spannung auf die Friedensverkündung. — Wie enttäuscht aber waren wir, als Trotzki meldete: Der Krieg ist zu Ende, aber Friede wird nicht geschlossen. Bald darauf reisten wir ab (zwei Kameraden und:-ich) wir wollten nach Dünaburg und von dort aus durch die 15 km entfernte Front. Am 15. Februar begaben wir uns, als russische 'Soldaten verkleidet, zur nächsten Bahnstation, weil uns in Woltschansk jedes Kind kannte und Abfahrt von hier aus unmöglich gewesen wäre. Im russischen Militärzug fuhren wir so drei Tage und drei Nächte. Einen Strich aber mutzten wir durch unseren Plan machen, als wir

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