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KC-Blätter · 1918-05-01 · Heft 22 (Mai 1918) · p. Seite 1059

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1918
Issue
Heft 22 (Mai 1918)
Date
1918-05-01
Page
Seite 1059 (sequence 9)
Language
German
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1059 hierbei mmrcher Wische Kolonist HibW auSeZOaffed, da oben beim Genezareth-See, der vor 7 Jahren die Handelsschule in Zürich besuchte, vr. Strauß und G. Ortlieb gut kennt, schon in Gailingen war und auch Wangen kennt, was mich zum ersten Mal wieder so recht in unser Dörfchen versetzte, wo es vielleicht schon geschneit hat, dieweil uns hier: noch die Sonne auf den Buckel brennt. Da er gut arabisch spricht, so konnte ich alles erfragen und sehr vieles erfahren. Auf einer kurzen Steintreppe gelangt man in einen kleinen Hof, wo uns gleich vier junge, schmalbrüstige Gestalten entgegenkommen, von denen man nicht recht weiß, ob es Mädchen oder Buben-sind, da sie alle einen Zopf tragen, der aufgebunden ist. Sie lassen sich ihr Haar nie scheren, weil sie sich als Kohanier, Priester, betrachten. Der Vater dieser Burschen ist körperlich ebenso degeneriert, trägt einen langen, schwarzen Bart, hat tiefe, dunkle Augen und tritt mit einer gewiffen Würde an uns heran, um uns in einen kleinen kahlen Raum zu führen, wo wir auf einem langen, schmalen Kanapee, wie man sie vielfach im Orient trifft, Platz nehmen. Ein paar alte Holzkästchen, wie sie früher in Wüngen als Gebetsständer benützt wurden und alte Gebetbücher, die er uns zum Kauf anbieten will, liegen herum. Diese verschmitzten, auf die Fremden geaichten und doch fanatischen Samaritaner machen ein Geschäft aus ihrer -Religion,' sie fühlen sich angeblich den übrigen Juden verwandt, betrachten sich selber aber als die allein Seligmachenden und weichen in recht vielen Dingen stark von uns ab, wie ich das gleich zeigen werde. Borausschicken will ich noch, daß sie im Falle der Kinderlosigkeit zwei Frauenheiraten dürfen, was ehedem, soviel ich weiß, auch im Judentum gestattet war, jetzt aber doch nur mehr bei den Arabern, mit denen sie auch die Sprache gemeinsam haben. Sie verstehen freilich auch recht gut hebräisch, das sie so aussprechen, wie die Sephardin eS in Aleppo tum Ich ließ mir vom Cohen — der cohen godol war nicht da — das Schma Jisröcl vorsageu, ließ mir erklären, warum sie keine Lestllin legen; nämlich deshalb, weil sie das „leaus ad jcdchem" so aussassen, daß man sich die. Hand geben solle, was denn auch mit einem kräftigen Händedruck jedesmal geschieht. Das Arbekanfos kennen sie nicht und die Mesuffaus bestehen bei ihnen nicht aus Metallkästchen mit Pergamentrollen, sondern aus Steintafeln, die in die Wand eingelassen sind und die 10 Gebote tragen. Die Beschneidung wird bei ihnen am 8. Tage ausgeführt — von einer Holegrasch konnte ich nichts erfahren — die Barmizmoh war ihm unbekannt. Ihre Feiertage feiern sie 4 Wochen nach uns; und nun staunet — sie bringen jedes Peflachfest auf dem Berge Garizim heute wie vor 2000 Jahren einen Widder zum Opfer dar, an der Stelle, wo ihr Tempel stand. Ihre Mazzos backen sie von einem auf den anderen Tag, dagegen schien ihm der Mazzenkugel ein unbekanntes Gericht zu sein, während meinem Begleiter das Wasser im Munde zusammenlief. Chomez verrichten sie in einer ähnlichen Weise wie wir, überhaupt halten sie sich in allem streng an das, was sie als die Lehren des mosche rabenu, den er immer wieder anführte, anerkennen; außer ihm gibt es für sie keinen Propheten, keinen Talmud und keine Mischna, im Gegenteil, sie hassen alles das, was nach Moses noch hinzukam und schauen mit Verachtung auf die Epigonen von ihm herab, wie auf die Juden im allgemeinen. Sie fühlen sich gewiß den Arabern näher, nur ist mir aufgefallen, dass sie gar nicht die großen BcgrüßungSformeln der Orientalen haben, noch weniger kennen sie deren Gastfreundschaft, dagegen sehr wohl den Backschisch, den ich aber erst entrichten wollte, nachdem, ich den Hgentlicheu Tempel selbst gesehen hatte. Dieser ist ebenfalls ein kleiner Raum mit Steinfliesen, die an Feiertagen mit Teppichen bedeckt sind. Hier hotte er nun, wie jemand, der Museumsgegenstände zeigt, hinter einem Plüschvorhang, der mit Goldbuchstaden bestickt war, die Thvra hervor. Diese liegt in einer reichziselierten, zweiteiligen, cylinderischen Metallhülse, die 7* m hoch und 10 cm dick, also ziemlich klein ist, unten zwei Zapfen zum Anfassen und oben drei feste glockenförmige Metallstücke trägt, wo wir die Glocken haben zum Abnehmen. Die Rolle selbst ist aus Pergament, die Schrift weder hebräisch noch arabisch, nach ihrer Auffassung aber die Urschrift. Und zwar behaupten sie, daß diese Thora von dem Enkel Arons selbst niedergeschrieben sei im Tor der Stiftshütte auf dem Berg Garizim. Zum Schluffe sang uns der Cohen noch eine Melodie vor, die ähnlich klingt wie die der Priester, die Mittags und Abends von ihren hohen Minarets aus die trillernden und bis zur Fistelstimme sich steigernden Gebetsformeln Hinausrufen, wie mir es von Beirut her besonders stark im Gedächtnis geblieben ist. Nach dieser Erbauung und einem reichen Backschisch verabschiedeten wir uns von diesen letzten Nachkommen einer streitbaren Sekte, die heute nur noch 60 Köpfe stark ist — in Damaskus gibt es heute keine Samaritaner mehr, wie ich erfahren habe — und also auf dem Aussterbeetat steht. Für mich war dieser Besuch außerordentlich interessant und mein geistiges Auge sank in die Zeiten des Propheten Nehemia zurück, der sie wohl nicht mit Unrecht so sehr bekämpft hat. Wenn ich mir bei der Kürze meines Aufenthalts hier in Syrien und Palästina ein Urteil erlauben darf über die Juden, so fällt es ebenso ungünstig aus, wie über die Völker semitischer Raffe im Orient überhaupt, zu denen ich die Armenier, deren semitischer Typ viel ausgeprägter ist als derber Juden selbst, die Araber, aber besonders die christlichen Araber rechne, deren Charakter uns Deutschen besonders mißfällt. Dagegen machen die älteren jüdischen Kolonisten einen ordentlichen und fleißigen und auch ehrlichen Eindruck, während die jüngeren, die alle Nationaljuden sein wollen, und meist aus Rußland kamen, Phantasten, Nihilisten sind, die mit ihrem Ideal Schindluder treiben, aber auch mit denen, die sich in Deutschland und Oester, reich als das schimpfen. Hier unten kann jeder Zionist, der das Hirngespinst Nationljudentum in sich tragt, geheilt werden, denn ihre Vertreter hier denken nicht daran, kümmern sich vor allen Dingen nicht um die jüdische Religion, ohne die das ganze doch ein totgeborenes Kind ist. Die jungen Russen werden hier unten Goldmacher oder Banditen, während die früher ausgewanderten brave fleißige Leute find. Jedenfalls ist es das Dümmste, einen Pfennig nach Palästina zu geben, der nicht deutschen Juden oder deutschen Christen zufließt, das sollten auch die Christen in Deutschland sich sagen. Ich sprach davon, daß ich wir nicht einbilde, in alles Einblick getan zu haben, aber es ist uns in diesem Kriege hier unten vergönnt, ganz anders zu schauen, als es Friedensreisende jemals tun konnten; ich kann in die entlegensten Nester der Wüste kommen, ohne von Beduinen überfallen zu werden, ich komme mit Leuten zusännnen, die man sonst gar nicht erreichen kann, und ich habe vor allen Dingen nicht nur Jerusalem und Jaffa, und dieses nicht nur vom Meere aus her bereist, sondern ich kenne das Land Syrien und Palästina von innen, kenne nicht nur den Juden hier, sondern auch in Aleppo, Damaskus sowie den Orientalen überhaupt, dessen Seele abfärbt auf alle, die herurtterkommen und zwar nur im schlechtesten Sinne. Hier regiert nur der Backschisch und das heute dir, morgen dem andern, und das jedesmal mit dem Finger gegen Allah, Christus oder Jehova. Nein, nein, da sind wir doch wirklich viel bessere Juden und Christen

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