KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 17 (Mai 1917)
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 888 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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888 ..Me.« Von Justizrat Salinger-Oppeln. Es war einmal — so fangen ja wohl die Märchen an, aber es ist kein Märchen, das ich erzählen will; es sind vielmehr geschichtlich beglaubigte Tatsachen, und wenn hier etwas zweifelhaft ist, so ist es höchstens das, ob man wirklich sagen kann, daß es sich um überwundene, schon der Vergangenheit angehörende Erscheinungen handelt. Also es war einmal eine Zeit, da galt die Bezeichnung „Jude" als Beschimpfung, und zwar nicht bloß in den Augen der Christenauch die Juden selbst hatten eine Scheu vor diesem Wort und suchten es möglichst zu umschreiben. Ist es doch dem Versasier selbst passiert, daß ihm noch vor "etwa 20 Jahren ein älterer Kollege nahelegte, er möchte in Gegenwart von Christen möglichst vermeiden, von „Juden" zu sprechen. Weil nun die Wertschätzung, welche eine Volksschicht auch äußerlich in ihrer Umgebung genießt, keineswegs unerheblich ist für ihre soziale und rechtliche Stellung tut Staatsleben, deshalb hat die Bezeichnung „Jude" in früheren Zeiten, als es sich darum handelte, die bürgerliche Lage der Juden zu heben und zu verbessern, bei den betreffenden gesetzgeberischen Verhandlungen und Versuchen eine große Rolle gespielt. Sie näher zu prüfen, dürfte nicht zwecklos sein, zeigt uns doch der Spiegel der Geschichte keineswegs immer nur das Bild der Vergangenheit. Viele Jahre sind verflossen, und mancherlei Geschicke haben wir erleben muffen, ehe wir Juden so weit gekommen sind, daß wir vor christlichen Ohren nicht mehr nur mit stockender Zunge erklären können: „Ich bin Jude." Friedrich der Große hatte seine Augen, die alles im Staate sehen und prüfen wollten, geschloffen. Er hatte die Lage der Juden in seinen Ländern zu der denkbar traurigsten gestaltet, nicht, weil er, wie antisemitische Geschichtsfälschung erzählt, die Juden um ihrer Religion willen haßte, sondern weil er, wie sie damals waren, in ihnen schädliche Bürger deS Staates zu sehen glaubte, deren Befferung zwar stets erstrebt werden müßte, aber in absehbarer Zeit schwerlich zu erreichen wäre. Solange er lebte, war daher an eine Milderung des harten Loses der Juden nicht zu denken. Und in der Tat muß das Sklavendasein, welches den Juden seit Jahrhunderten auserlegt worden war, einen erschreckenden Tiefstand der Kultur zu jener Zeit bei ihnen hervorgerufen haben. Das geht nicht nur aus den übereinstimmenden Berichten der Behörden, besonders des preußischen Justizministers Kircheisen hervor, sondern auch aus manchen Aeußerungen angesehener Inden. Allerdings ist gerade bei den letzteren der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, daß sie unter dem Einflüsse der damaligen Zeilströmung ihren armen, ungebildeten Glaubensgenossen gegenüber die nötige Unbefangenheit verloren hatten. Es gibt jedenfalls zu denken, daß in der Liste der Berliner Taufjuden, welche David Friedländer, der Vorkämpfer der Emanzipation, mit seinem Schreiben vom 18. Januar 1811 dem Staatskanzler Hardenberg überreichte, sich unter Nr. 48 die betrübende Bemerkung pndet: „mehrere Kinder des Weltweisen Mendelssohn." Tatsache ist, daß die Juden selbst mit wenigen Ausnahmen in ihren späteren Bemühungen um ihre staatsbürgerlichen Rechte stets aufrechten Hauptes ihre Menschenwürde und ihre moralische Gleichwertigkeit betont haben. Das zeigt sich schon in dem ersten, schüchternen Versuche, der wenige Monate nach dem Ableben Friedrichs des Großen unternommen wurde. Im Namen aller Juden Preußens reichten die Oberlandee-Aeltesten und Aeltesten der Berliner Judenschaft am 6. Februar 1787 dem neuen Könige Friedrich Wilhelm II. eine Bittschrift ein, in welcher sie um Besserung ihrer Lage baten. Sie führten darin aus, daß sie schon lange unter der Last unaufdringlicher Abgaben und unter nicht weniger hartem Drucke der Verachtung seufzten. Beides hätte die jüdische Nation herabgewürdigt und sie gehindert, auf dem Wege der Geistesbilduttg, der größeren Industrie und jeder Art Glückseligkeit Fortschritte zu machen. Es liege auch im Interesse des Staates, wenn sie, „eine ansehnliche Kolonie", die bis jetzt in Mutlosigkeit versunken sei, durch beffere Behandlung zu nützlicheren Untertanen umgebildet würden usw.*) Sehr viel mannhafter klingt die Eingabe der 34 jüdischen Hausväter aus Königsberg, welche sie am 17. Januar 1793 an den König richteten. Sie betonen gleich zu Anfang, daß die Verachtung, „die aus dem Namen „Jude" ruht", sie unaufhörlich zu Boden drückesie weisen im Lause ihrer Ausführungen daraus hin, daß sie ohne Rücksicht auf ihre „reelle Nützlichkeit, Betriebsamkeit und Handelskenntnis" schon deswegen überall zurückgewiesen werden sollen, weil sie Juden sindsie machen darauf aufmerksam, daß „die erhabene Gesinnung der preußischen Regierung, der allgemein verbreitete Geist der Duldung" ihnen Veranlassung gegeben, ihren Kindern „im allgemeinen eine solche Erziehung zu geben, daß Selbstschätzung in ihnen erweckt *) Die Zitate in dieser Abhandlung sind dem verdienstvollen Werke von Dr. Freund: „Die Emanzipation der Juden in Preußen" entnommen.