KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 17 (Mai 1917)
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 887 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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887 Was ist die leitende Idee bei der Ausgestaltung dermessianischen Hoffnung? Daß alle Zukunft auf der Arbeit der Menschen beruht. Daß sie nicht ein Geschenk ist, das mühelos uns in den Schoß fällt, daß sie eine Aufgabe, ein Ziel ist, das den Menschen, uns, gesetzt ist. Es ist nicht so, daß das Reich der Zukunft die Menschen umschaffen soll, daß eS eines Tages, ein Fertiges, kommt, daß man aufwacht, und über Nacht ist das Herrschaftsreich von Recht und Gerechtigkeit angebrochen und über die Welt ausgedehnt und in allen Tiefen der Seelen verwurzelt, wir müssen gleichsam die Seele des Messias schaffen. Im Midrasch heißt es: „Der Sohn Davids wird erst dann kommen, wenn alle Dünkelhaften aus Israel verschwunden sein werden." sSanhedrin 9?d-) Nicht er schafft die Sünde hinweg, sondern ehe die Menschen nicht die Fülle der Guttat aushäufen, daß sie gleich einem sonnenbeschienenen Berg in die Bläue des Himmels aufragt, ist seine Seele nicht vollendet. Aus unserer Guttat wird er geboren, seine Seele wird gewoben aus jeder mitleidsvollen Tat, aus jedem Seufzer, der über ein Unrecht in der Welt zum Himmel emporsteigt, aus jedem Körnchen Edelsinn und Hoheit, auS jedem gläubigen Hoffenjeder Widerstand gegen Tyrannei und Unterdrückung, jeder Wille zur Gerechtigkeit und Verständigung, jede Regung neidlosen Gönnens, jedes Bemühen, in jedem Menschen und jedem Volk das Edle seines Charakters und seiner Art zu wecken und zu pflegen, hilft die Seele des Messias schaffen, und erst wenn wir alle eine- Sinnes und eines Willens an diesem Werk arbeiten, ist seine Seele, ist seine Zeit vollendet. Das ist ein Stück jüdischer Weltanschauung, das man als so bedeutsam angesehen hat, daß man mit dem Ausblick auf diese Zeit des Messias jeden Gottesdienst beschließt. Die Menschen allesamt müssen an sich arbeiten, ihre Triebe bändigen, ihre Instinkte, die auf Gewalt und Eroberung und Aneignung gehen, Niederhalten, sie müssen in mühseliger Arbeit RechtSgesühl und strenge Gerechtigkeit gepaart mit erbarmender Liebe zum selbstverständlichen Eigentum der Seele machen. Dazu muß aber eine Voraussetzung sein, nämlich die, daß der Mensch begabt ist mit der Kraft, auS Eigenem, aus sich, das Gute zu finden, den Weg zum Heil. Und das ist ja die Grundlehre des Judentums, damit hat eS sich jahrtausendelang einer ganzen Welt anderen Denkens entgegengestemmt, daß im Menschen nicht ein wurzelhaft Schlechtes, ein selbständiges Böses wirksam ist, sodaß Geschlecht auf Geschlecht immer, wie mit einem Fluch ererbter Sünde belastet, mit denselben auf Streit und Gewalt hinzielenden Neigungen erstehen muß, sondern daß des Menschen Seele rein ist und rein erhalten werden kann und von Geschlecht zu Geschlecht immer strahlender und reiner werden kann, sodaß ein künftiges Geschlecht dank der Fülle der sittlichen Arbeit der Ahnen schon mit einem stärkeren Besitz an sittlicher Kraft und Anlage geboren werden müßte, so wie Kinder aus einer Reihe von geistig regsamen Ahnen schon mit einer über den Durchschnitt hinausragenden Begabung zu allem Geistigen zur Welt kommen mögen. Die Kraft des Menschen zur sittlichen Tat ans Eigenstem und darum die Möglichkeit steigender sittlicher Vervollkommnung, das ist der innere Sinn, die Voraussetzung der messianischen Hoffnung. Damit ist auf uns alle eine furchtbare Verantwortung gewälzt, damit ist das Schicksal zukünftiger Geschlechter und die Höhe ihres sittlichen Standes in unsere Hand gegeben, damit ist jenes Verantwortungsgefühl geweckt, das die Nährmutter allen fruchtbaren Strebens ist, das Kräfte weckt und aus dem Traum von heute die Wirklichkeit von morgen schafft. Lebensgefühl und schwellende Tatkraft gibt diese Denkweise, sie stärkt und stählt unsere Widerstandskraft, spannt sie bis zum äußersten und gibt ihr den sittlichen Inhalt, sie macht, daß man nicht das Gewordene als selbstverständlich annimmt, sich abfindet und verzichtet und den eigenen Willen zum Erlöschen bringt. Sie weckt die Kräfte, die das Leben formen und gestalten und das Unmögliche möglich machen. Ihr innerer Sinn ist die ewige Bewegung, die Verkörperung der Ueberzeugung, daß jede Lösung neue Aufgaben in sich birgt, so fegt die jüdische Messiasidee alle Müdigkeit ans der Seele hinweg, sie bedeutet ewige Jugend, den Willen, jedes Hemmnis zu besiegen durch neue Anspannung. Was aber dem jüdischen Messiasgedanken seine stärkste Spannung gibt, das ist der soziale Zug, der durch ihn hindurchgeht. Er zielt nicht auf das einzelne Individuum hin, er will nicht dem Einzelnen Erlösung von seiner Sündhaftigkeit, Ruhe und das Schweigen aller Seelenstürme bringen, nicht das einzelne Individuum steht im Mittelpunkt, das von seinen Lebensnöten mm ausruhen dürfen solle, sondern das Zusammenleben aller, das Recht als der verbindende Geist, der aus den Bausteinen der Völker und Menschen den Bau der Menschheit aufführt. Mit diesem starken sozialen Zug reißt er den Einzelmenschen aus seiner Isolierung heraus und hebt ihn über die Enge seines Denkens und seine zeitliche Begrenztheit hinaus, dank ihm erweist sich der jüdische messianische Gedanke als ein Führer der Welt, der über Jahrhunderte hinaus den Weg weist. Aus der von Gerechtigkeit und Liebe getragenen Verbindung des Menschen mit dem Menschen wird die Seele deS Messias gewoben.