KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 17 (Mai 1917)
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 886 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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886 aus der Hoch-Zeit der eigenen Vergangenheit aufnimmt. Zwar, die Propheten wußten noch nichts zu sagen von Schiedsgericht und Völkerrecht und Sicherung des Friedens durch überstaatliche Organisation, aber es war ja auch gar nicht ihre Aufgabe, die Form für die Verwirklichung der Idee zu finden, das ist die Ausgabe jedes Geschlechtes in der Geschlechterfolge der Menschheit, den ewigen Ideen die paffende und gerade gebotene Form zu gießen; sie, die Propheten, haben die Idee geschaffen, und mehr als das noch, sie haben sie geschaffen nicht um deS Nutzens der Menschheit willen, nicht um Katastrophen zu verhüten, nicht aus Staatsräson, sie haben in diese Idee zugleich die religiöse Inbrunst, den inneren Schwung, das Zwingende, das Quellhafte, Ursprüngliche hineingetragen. Sie haben die Gesinnung, die Seelenstimmung schaffen wollen, aus der heraus die Menschen an die Verwirklichung des Friedens Herangehen sollten. So geht alle Friedensarbeit im letzten Grunde auf sie zu ruck, und in jedem heut Lebenden, der mit Ernst und Ueberzeugung um der Einheit der Menschheit willen die Friedensidee fördert, lebt ein Funke von der Seele eines Jesaja, eines Micha. Es hat Jahrtausende gedauert, bis die Menschen die Größe dieses Gedankens begriffen, und sie haben ihn noch nicht einmal völlig begriffen, das lindert nichts an der Tatsache, daß der Gedanke auf diese Getstesriesen vergangener Tage zurückgeht, und es sind immer die ganz großen umstürzenden Ideen, die sich am schwersten und langsamsten Bahn brechen, denn alles Beharrende setzt sich grad ihnen mit verzehnfachter Gewalt entgegen. Man kann nun aber diesen gewaltigen Gedanken in seiner Großartigkeit nicht für sich allein als selbständige Forderung würdigen, man kann ihn nur begreifen in seinem Zusammenhang mit dem großen messianischen Gedanken des Judentums, er ist nur zu verstehen und in seiner Tiefe nachzuempfinden, wenn man ihn ersaßt als das, was er ist, als einen Teil der messianischen Hoffnung. Worin gipfelt der messianische Gedanke Israels? Ob man ihn nun wörtlich faßt als die Hoffnung auf die Zeit, die mit dem Erscheinen eines alS gottgesandt gedachten MessiaS eingeleitet wird und an die Persönlichkeit des Messias gebunden ist, ob man den Gedanken sortentwickelt und, ohne auf den Glauben an einen persönlichen MessiaS Gewicht zu legen, den Schwerpunkt auf die zukünftige Zeit eines befferen Denkens legt, er zielt auf die Herstellung eines Zustandes, in dem Recht und Gerechtigkeit und Treue unter den Menschen herrsche, in dem alle Menschen sich als Kinder des einen Gottes empfinden und um dieser -gemeinsamen Gotteskindschast willen keiner dem anderen ein Unrecht tue, in dem aller Wettbewerb nicht wider den Menschen und sein Eigenes gehe, sondern in der Erarbeitung der Kulturwerte sich betätige. Eine solche Lehre, eine solche Hoffnung, die auf weiteste Zeitspannen gehen muß, die so sehr im Widerspruch zu stehen scheint zu allen Mächten des Beharrens in der Menschenseele, zu allem Gegenwärtigen und Gewesenen, ja zu der ganzen menschlichen Natur, wie wir sie nach dem Gang der Weltgeschichte und unseren eigenen Erlebniffen ansehen, ist natürlich nur möglich aus Grund ganz bestimmter, dem Denken der Masse entgegengesetzter seelischer Voraussetzungen im Denken der Juden. Statt sie nun einfach und trocken zu nennen, wollen wir sie aus einem Bilde hervorwachsen lassen, das der hebräische Dichter Frischmann nach Motiven der jüdischen Sage in seiner Legende von der Seele des Messias geschaffen hat, und in dem er die Ideenwelt, die dem Messiasgedanken zugrunde liegt, und die Denkweise, die mit ihm verbunden ist, symbolisch zum Ausdruck bringt. Er schaut, irgendwo, einen Hufschmied an der Esse stehen und aus dem Ambos ein Eisen schmieden, und als er fragt, was er da schmiedet, erhält er die Antwort: „Ich schmiede daS Eisen für das Roß deS Messias, daß alles fertig und bereit sei, wenn er kommt in Majestät." Er schaut einen Weber, wie er am Webstuhl geschäftig das Webschiff hin- und hersiiegen läßt, und ein köstlicher Seidenstoff ersteht unter seinen Händen; für wen, wozu? „Zu dem Kleide des Messias, daß es fertig und bereit sei, wenn er in Pracht und Herrlichkeit erscheint." Er schaut, wie ein Meister kundigen Geistes und sicherer Hand mit seirter Nadel wundersamen Zierrat in einen purpurnen Stoff stickt; für wen, wozu? „Die Fahne, die einst dem Messias voranziehen soll, daß sie fertig und bereit sei, wenn er kommt in Majestät." Aber am Himmel sind sieben Engel, still wie ein Traum, geschäftig am Werk. Alles Hohe, alles Große, alles Schöne und Erhabene, alles Gute, Edle, Reine nehmen sie, jedes Mitleid mit dem Armen, jede Regung des Erbarmens, alles tragen sie zu Haus. Was macht Ihr da, ihr Cherubim? Alles dies tragen wir zusammen und weben daraus die Seele des Messias. Aber ach, alle die ringsum am Werke sind, sind längst mit ihrer Arbeit fertig, wir sind noch nicht fertig, sehen noch kein Zeichen der Vollendung; nichts fehlt mehr, nur das Eine, die Seele deS Messias." Ein Bild nur, aber mit welch wunderbarer Plastik kommt in den Strichen dieses Bildes zum Ausdruck, wie sich der Jude die Entstehung der einigen Menschheit denkt, von welcher seelischen Voraussetzung sein Hoffen und sein Arbeiten getragen ist, welche Färbung der messianische Gedanke im Judentum von Anfang an hat.