KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1912-1913
- Issue
- Heft 12 (1.9.1913)
- Date
- 1913-09-01
- Page
- Seite 234 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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234 Charakter und die Weltanschauung deS Inden. Recht vieles, waS man hellte in tiefgründigen Ullterfllchllngen als Kennzeichen der jüdischen Rasse feststellen will, ist nichts lvie eine Folge der Segnungen des Talmuds. DaS andauernde, tief schürfende Studium feiner Gesetze war eine Schute des Geistes, wie das Judentum sie nicht besser »vttnsche»l konnte. Der brenilende Wtlusch, in feilte Feinheiten einzudringen, lies; nicht zu, das; je ein Hindernis von» Lernen abhielt, und so wurde das Talmndstudinm auch eine Schule des Charakters, des energischen und zähen Willens! Da arm und reick, hoch und niedrig iit seine Folianten sich versenkte, gab er jedem Gliede der Gelneinschaft beit Sinn für geistige Interessen, lies; jeden Juden erkennen, welchen Wert die geistigen Güter gegenüber den vorübergehenden Genüssen der Welt hatten. Dein Talmud verdankt der Jude den scharfen, eindringenden Geist, die Fähigkeit der schnellen Erfassung, den wissenschaftlichen Sinn, die Energie, die Mäßigkeit! llitb das; dem so lind nicht umgekehrt der Fall ist, das; llicht diese bereits früher vorhandenen Eigenschaften den Talmud in seiner charakteristischen Eigenart geschaffen habell, beweist die Tatsache, das; alle Vorzüge — imd zwar lneistens recht schnell — dem Geschlechts verloren gehen, das sich vom Talmndstndittlll entfernt. Im dentschell Indentlun ist daS Tnlmndstudiulll fast ganz verschrvllllden. Wir luoüeit kein Klagelied darüber anstimmen, denn selbst, wenn lvir wollten, könnten lvir lllls gegell die Entwicketlulg nicht anslehlien. Wir leben in einer anderen Welt als nllsere Vorfahren, wir stehen vor einer Fülle von Wissen llnd Knltllrerscheinlmgen, die unsere Alten llicht ka»nlten, die lmsere Kräfte vollauf in Anspruch nehnlen, die unserem Dellken lmd Handeln eine ganz andere 2kichtnng gegeben haben. Es ist auch llicht Aufgabe dieser Betrachtung, die Folgen zu beleuchten, die daS Aufgeben des Talmndstndimns für das deutsche Indentnm mit sich gebracht hat, oder die Mittel zu besprechen, die uns den Talmud ersehen können, darnit wir jene soeben gerühmten Eigenschaften auch mtö und kommenden Geschlechtern erhalten. Rur eins lvollen,diese Ansstthrnngen erreichen. Wir sind den Wirklirlgen des Tnlllnlds bis in unsere Zeit liachgegangen. Seine Einflüsse sind nirgends schlechte gewesen) sie lagen stets in der Pichtung der Kliltllr, utib darum ist es nicht lmr die natürliche Ehrfurcht vor dem Werke der Vorfahren, daS unser Urteil bestimmt, sondern die Gewißheit, das; der Talimid als ganzes für den Fortschritt der Menschheit nicht geringe Bedeutung hat. Er wird viel geschmäht und ist wenig gekannt. Zu einem wirklichen tiefgehenden Verständnis seiner Sprache, seiner Anschauungsweise, seines Inhalts, feiner Literatur gehört daS Studium eines Menschenlebens. Aber wer sich mit ihm ohne Vorurteil, wenn auch nlir indirekt, beschäftigt, lvird ein doppeltes Empfinden haben. Staunend »vird er vor einem nwnllmentaien GeisteSlverke stehen, ans bem nicht die Gedanken einzelner Gelehrter sprechen, sondern die geistige Arbeit, die ein ganzes Volk in vielen- Jahrhunderten geleistet! Belvnlldernd wird er den sittlichen Ernst anerkennen, mit dem das.Kleinste und Profanste geheiligt ivurde. Und jeder Jude, «lag er welcher religiösen und politischen Richtung auch ilillner angehören, nlag er mit Einzelheiten dieses einzig dastehenden Erzeugnisses menschlicher Denkarbeit noch so nnzufrieden sein, muß stolz darauf sein, das; jene Heroen des Geistes und der Sittlichkeit seine Vorfahren sind. Ein so wahrhaft imposantes Werk der Geistes geschichte kann weder in seiner Bedeutung noch in seiner Wirkrmg mit ei,rer.Handbewegung abgetan werden, und die natürliche Achtung, die jeder ehrliche und unbefangene Mensch vor den Schöpfungen des Geistes einpsindet, muß beim Inden durch die Erkenntnis vermehrt werden, das; er sich nicht nur des Talmuds keineswegs zu schämen braucht, sondern daß er ihm im Gegenteil sehr viel verdankt. Er hat des Juden Denkfähigkeit, seinen Willen, seinen Charakter und seine Lebensfiihrung in, besten Sinne stark beeinflußt, und ,vas je von einem Juden in der Welt erreicht wurde, ist zu einem guten Teile sein Werk. Verächtlich spricht die Welt vom „Talmndgeist", aber alle Anklagen, die sie erhoben hat und erhebt, verfliegen in den Wind, sobald die Sonne scharferwissenschastlicherKritik sie beleuchtet. Der Haß der Judenfeinde, ihre maßlosen und unbegründeten Angriffe charakterisieren sie selber, aber nicht den Talmud, denn der wahre Talmudgeist ist der Geist des Fortschritts und der Kultur, der Geist der Nächstenliebe, des Vorwärtsstrebens und des Friedens. Die Kauen und der K.C. Von Franziska NZoldschmidt. Vor mir liegt ein Brief aus deni Jahre 1888. Ein Brief an meine Eltern, den sie aufgehoben haben. Ans zehn engbeschriebenen Seiten setzte ich darin meinen Eltern die Tendenz der anderthalb Jahr vorher gegründeten Viadrina auseinander. Ein Vetter von mir, einer der Gründer der Viadrina, hatte mir, die ich damals ein ganz junges Mädchen war, genau alle die politischen, sozialen, wirtschaftlichen Verhältnisse erklärt, die zur Gründung der Viadrina gefüyrt hatten. Er