KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1912-1913
- Issue
- Heft 10-11 (1.7.1913)
- Date
- 1913-07-01
- Page
- Seite 216 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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216 schen Artikel und die Stellung des Meisters. zum Judentum urteilen. Tun wir dies nun, so müssen wir zwei Fragen getrennt beantworten: 1. Wie weit war WagnerS Meinung für seine Zeit zutreffend? 2. Inwieweit hat seine Meinung heut noch Geltung? Da ist zum ersten Punkte folgendes zu bemerken: Das; Wagner im einzelnen teils geirrt, teils stark übertrieben hat, ist oben bei der Inhaltsangabe bereits festgestellt und vermerkt worden, ebenso wie das Zutreffende seiner Mcinung über Mendelssohn, Meyerbeer und das Fehlen bedeutender jüdischer bildender Künstler zu seiner Zeit. Die Frage ist, ob die Bezeichnung oer beispielsweise Meyerbeer und Mendelssohn vvrgeworfenen schlechten Eigenschaften und Mängel als typisch jüdisch, als generell gerechtfertigt ist,' man wird sie, glaube ich, nur teilweise bejahen dürfen. Wagner hat recht, wenn erln MeyerbeerS Produktion etwas Jüdisches sieht. Bei diesem Manne haben jüdische Eigenschaften, die an sich gut sind und sich im allgemeinen glänzend bewährt haben, in verhängnisvoller Weise msammengewirkt: seiner jüdischen Assimilationsfähigkeit haben wir MeyerbeerS musikalischen KoSmopolitismuS zu danken, der leider nur stets etwas Aeufferliches, keine innere Einheit — wie etwa bei Mozart — war. Er gibt das beste Bild des wohl hochbegabten musikalischen Produzenten, dem aber, um wahrhaft künstlerisch, d. h. tief-innerlich wirken zu können, das „Bodenständige" fehlt. Das war bei dem eben emanzipierten Jakob Beer gar nicht sonderbarnur muffte der Gefahr, die seine „wurzellose" Theaterei dem deutschen Musikdrama brachte, begegnet werden, und Wagner, der urdentsche Meister — trotz seiner zweifelhaften Abkunft!- - war natürlicherweise derjenige, der die Lage am besten übersah und auch sofort kampfbereit »var. Bei dem Fall Mendelssohn hat Wagrier schon nicht ganz so recht gehabt. Gewiff ist alles über ihn Gesagte zutreffend, wie ich oben auch betonte, — nur hat Wagner eine einzige — nicht einmal unmittelbar ausgesprochene — Folgerung gezogen, die sich in der Praxis nachher als falsch herausgestellt hat: Wagner hat Mendelssohn insofern — nur insofern! — mit Meyerbeer vergleichen wollen, als er auch bei ihm die Mängel, die ihm als spezifisch-jüdisch erschienen, stillschweigend als undeutsch kennzeichnetedie Geschichte hat dem-?gegenüber bewiesen, daß Mendelssohn trotz eines — durch die Taufe nicht erledigten — Judentums tief deutsch empfunden hat, denn viele seiner Lieder sind heute weit über die Grenzen der Kunstmusik hinaus verbreitet als — deutsche Volkslieder*). Wagner ist also — das wollte ich an diesem Beispiel zeigen — in seiner persönlichen Erregung zu schnell bereit gewesen, vom Einzelfall aufs Allgemeine zu schließen, und hat sich dann leider auch nicht gescheut, um seine Behauptungen aufrechtzuerhalten, die Tatsachen oft nur teilweise oder unrichtig wiederzugeben. Den Vorwurf der Unaufrichtigkeit, sei sie beabsichtigt oder unabsichtlich, wird man Wagner nicht ersparen können. . . WaS uns, die weit spätere Generation, aber besonders streng über ihn urteilen, ja, ihm kaum noch gerecht werden lttfft, ist, daff die Verhältnisse sich inzwischen geändert haben und die Geschichte des letzten halben Jahrhunderts viel dazu getan hat, Wagners Urteile zu entkräften. DaS Verhältnis der heutigen Juden zum Deutschtum ist ein wesentlich anderes als das der Juden von 1850. Denen waren zum Teil die Ghettomauern noch persönliche Erinnerung, uns sind sie Geschichte. Auf ben mannigfachsten Gebieten deutscher Kultur, sei es exakte oder Geisteslvissenschaft — ich nenne Moritz Lazarus, Steinthal, Ferdinand Cohn, Hermann Cohen, Ehrlich, Graetz —, sei es bilde»,de Kunst sjawohl, Herr Richard Wagner!) oder Dichtung — Liebermann, Israels, Lilien, Struck, Wassermann, Hofmannsthal, Schnitzler — sei es reproduktive Theaterkunst oderMusik - Kainz,Reinhardt,Fellx Hollaender, Gustav Mahler, Bruno Walter, Bodanzky, Leo Blech, Hermann Ja dlowkcr,Selma Kurz, Therese Behr, Heinemann, Joachim, Flesch, Huberman, Wittenberg, Schnabel und viele andere — sei es Kunstbetrachtung und Aesthetik — Georg Brandes, Moritz Heimann, Oskar Bie, Adolf Weiffmann, Fritz Stahl —, überall können wir Juden erblicken, die so Bedeutendes geleistet haben wie nur irgend ein „Deutscher" unserer Zeit. Ja, wie ungeheuer ist diese — noch weit zu vermehrende - Anzahl bedeutender jüdischer Deutschen im Verhältnis zu den wenigen Juden, die überhaupt in Deutschland leben: Was will es demgegenüber besagen, wenn Wagner vorläufig noch insofern recht behalten hat, als wir unter den groffen deutschen Meistern der musikalischen Komposition bisher keinen Juden sehen')? „Kommt Zeit, kommt Rat", hat ja Wagner selbst in den „Meistersingern" zitiert. Soviel ist sicher, daff wir heute nicht mehr wie vielleicht noch 1850 vor dem Tore stehen, um Einlaff zu begehren in die Welt deutschen Geisteslebens, sondern von der deutschen Kultur in umfassender Weise Besitz ergriffen haben, wahrhaft Deutsche geworden „ES ist bestimmt in Gottes Wut", „O Täler weit, o Höhen", „Wer hat dich, bu schöner Wald, ausgebaut", „Eomitat", u. a. a) Selbst Gustav Mahler wird man wohl kamn en ganz Großen beizählen können.