KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1912-1913
- Issue
- Heft 10-11 (1.7.1913)
- Date
- 1913-07-01
- Page
- Seite 206 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein- und Ausfuhr, des Heeres uud der Flotte. Bald war dnS vordem ruhig-träumerisch dahinledeude deutsche Land eine menschenwinnnelude Störte c\ciualtii\cr Arbeit geworden, geschützt von riesenhafter Wehr. Und diese gewaltige ökvuomischmiiitörische Einheit preist in allen Teilen der bewohnten Welt in die internationale Politik ein, itm das wechselseitige Importrmd Exportbediirfnis ihrer über den ^tahrungsspielraum der heimatlichen Erde hinausgewachsenen Bevölkerung zur Geltung zu bringen. Ein rätselhafter, mystischer Zusammenhang besteht Mischen Wilhelm II. und seiner Zeit. Seitdem dieser Herrscher temperamentvoll an die Spitze seines Reiches trat, begann der gewaltige materielle Aufschwung. Und mit fast seherhaftem Blick erfaßte der Herrscher in glückhasten Augenblicken seine Zeitdann entsprangen seinem beweglichen, allen geistigen und intelektuellen Strömungen wechselnd sich nähernden Geiste Worte von blendender Prägnanz („Unsere Zukunft liegt ans dem Wasser" „Unsere Zeit steht im Zeichen des Verkehrs"). Glänzende Pläne auf dem Gebiete der See- und Binnenschiffahrt, des Schulrvesens, der Sozialreform, und ans vielen anderen Gebieten sind in solchen Zeiten entstanden. Weit zuriickgelreten aber sind die tiefsten Ideale dessen, der vor fünfundzwanzig Jahren dahinsank. Die neuen Zeiten haben wenig Raum mehr für die Träume derer, die ihm zugejubelt. Und die Schmach des 19. Jahrhunderts ward dem 2t». Jahrhundert als Patengeschenk in die Wiege gelegt. Nelle Zeiten erfordern neue Ideen. Die Hoffnnng auf den sterblichen Menschen bleibt trügerischtückisches Schicksal raffte beit hinweg, auf den so viele hofften. Der Einzelne geht hinfort, und sei er noch so gut und weisenur daS Gesamte bleibt. Nur ein Gesamtes währt über den Wandel der Zeiten. Und so lautet des Schicksals Lehre: Nicht in die Hände eines sterblichen Menschen leget euer Geschick. Sondern die ihrer selbst bewußte Gesamtheit, die den Wechsel der Individuen überdauernde Gesamtheit nehme die Sorge für ihr Geschick in eigene Hand und führe es fort über die Zeiten. P * * Betrachtungen eines Verkehrsphilisters. Wer in den achtziger Jahren, als die Hochflut der antisemitischen Bewegung mit der Begründung der „Vereine deutscher Studenten" die Universitäten überschwemmte, ahnungslos und frohgemut mit seinen christlichen Schulfreunden die Alma mater bezog, dem wurde bald zum Bewußtsein gebracht, daß er als jüdischer Student eine wenig beneidenswerte Rolle zu spielen habe. Mil seinen Kameraden von Korporationen zunächst, um keinen Anstoß zu erivecken, aufs freundlichste behandelt, wurde er bald als ernstlich überhaupt nicht in Betracht kommender Keilsuchs kaltgestellt und von seinen Freunden getrennt. Die christlichen Kommilitonen, die für den Verkehr übrig blieben, waren Elemente, die anderen nicht gut genug waren. Es bedurfte einiger Zeit, bis sich diese Erkenntnis Eingang verschaffte und die jüdischen Studenten ans Gründen der Selbstachtung veranlaßte, unter sich zu bleiben. An eine Organisation in jüdischen Korporationen dachte damals noch niemand. Aus einer Gnlgenhnmorstimmung heraus suchten wir Bonner uns durch die Begründnng einer losen Bereinigung, die im wesentlichen eine Persiflage auf das Evrpswesen darstellte, notdürftigen Ersatz zu schaffen, um an gemeinsamer Kneiptafel heitere Stunden zu verbringen. Es ist ein nie verwelkendes Ruhmesblatt in der Geschichte der jüdischen Studenten, daß in diese unwürdigen Verhältnisse durch die Begründung der „Viadrina" Bresche gelegt wurde. Machtvoll hat sich seit jener Zeit der tut. (£.* Gedanke Bahn gebrochen und zahlreiche Anhänger seiner Fahne zugesührt. Die vielen ideellen Werte, die der Bund seinen Getreuen für das ganze Leben mit auf den Weg gibt, macht die bis ins späte Philisterium nachwirkende Begeisterung, wie sie aus diesen Blättern dem Leser immer wieder entgegenklingt, begreiflich. Aber auch wer als ferner stehender Verkehrsphilister Gelegenheit hat, dem ernst-frohen Treiben der aktiven Burschen und Füchse mit offenen Augen zuznsehen, wird volles Verständnis für die große Bedeutung haben, die der K. E.-Gedanke nicht nur für den engeren Kreis seiner Vundesbrüder, sondern weit darüber hinaus im Endeffekt für das deutsche Judentum hat. Geht doch aus den Reihen dieser Korporationen heute schon eine beträchtliche Zahl von Männern hervor, die später über das ganze Vaterland zerstreut, auf Grund ihrer Stellung im bürgerlichen Leben zu Leitern ihrer Glaubensgemeinschaft nicht nur berufen erscheinen, sondern auch wirklich erzogen und vorgebildet sind. Denn was sie in den Jahren ihrer Aktivitas gelernt haben, ist unentbehrliches Rüstzeug nicht nur für den persönlichen Kampf ums Dasein, sondern ebensosehr für die Behauptung der uns deutschen Jaden im Vaterlande zukommenden Stellung: Tadellose Lebensführung und Pflichterfüllung, aufrechtes mannhaftes Auftreten, verbunden mit guten gesellschaftlichen Formen und richtigem Takt, berechtigtes Selbst-