Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1913-06-01 · Heft 9 (1.6.1913) · p. Seite 193

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1912-1913
Issue
Heft 9 (1.6.1913)
Date
1913-06-01
Page
Seite 193 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2268830-2268832-2268842--0840-2270057
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

193 zeichnet, daß der sich schwer'gekränkt fühlende Meister bet seinen Aeußerungen jedes Maß und Ziel und damit auch die Klarheit verliert. Ein Zitat möge dafür genügen: Wagner spricht bald im Anfang, sich gleichsam entschuldigend, von seiner „besorglichen Rücksicht auf hingebende, wahrhaft sympathische Freunde, welche das Schicksal mir aus der Stammverwandtschaft desfelbeu national,religiösen Elements der neueren europäischen Gesellschaft znsührte, dessen unversöhnlichen Haß ich mir durch die Besprechung seiner so schwer vertilgbaren, unserer Kultur nachteiligen Eigentümlichkeiten zugezogen habe." Wie viele verschiedene Begriffe und Gedanken sind nicht in dieses Satzmonstrum, dessen Form schon kennzeichnend ist, eingeschachtelt! Da haben wir den angeblichen „Haß" der Juden gegen Wagner, mif Grund jenes in Wahrheit kaum in die Oeffentlichkeit gedrungenen und gänzlich vergessenen Artikels,' da haben wir statt deS immerhin doch an sich klaren Begriffes „Judentum" (besser wäre noch: Juden heit!) das mystische „national-religiöse Element der neueren europäischen (nicht nur deutschen, wie eS ursprünglich hieß!) Gesellschaft" und auf der anderen Seite wieder die ihm (dem „Element") „stammesverwandten, hingebenden, wahrhaft sympathischen Freunde" — kurz: Unklarheit, Unbestimmtheit in jedem Nebensatze, deren einer den andern immer gleichsam verleugnen möchte! In diesem Stile geht es weiter: Wagners gesamte Gegnerschaft wird hergenommenwaS schon durchaus nicht selber als Jude zu qualifizieren ist (bei HanSlick wird es noch versucht), gilt als von den Juden beherrscht oder angesteckt (Bischofs, Schumann, Bischer)- ganz Europa außer Rußland j!) sei von ihnen verseucht. Der gesamte Brief ist nichts als eine Registrierung der Wagner widerfahrenen Ungerechtigkeiten, die alle jenem „national-religiösen Element" in die Schuhe geschoben werdener ist höchst unerquicklich zu lesen, selbst für Verehrer des Meisters, und eines Richard Wagner wenig würdig. (Schluß folgt). * * * Ltuf nach Breslau! Dr. E. Löwisohn (Thuringia-Breslau). W Breslau hat seinen Dornröschenschlaf nusgeträumt. Ein blonder Prinz und eine liebreizende Prinzessin haben im wundervollen Monat Mai den Märchenbann gebrochen und die altehrwürdige Stadt aus dem Dunkel der Vergangenheit in das Helle Licht einer strahlenden Gegenwart versetzt. JnS Profane übersetzt tvill das sagen, daß die im fernen Osten gelegene, verkehrsferne Oderresidenz BreSlau durch die kronprinzliche Eröffltung der Jahrhundertausstellung in den Strom des Fremdenzuflusses genickt ist. Und alle, die bisher gekommen sind und noch kommen werden, sollen freudig iiberrascht sein ob der Fülle der Sehenswürdigkeiten. Liegt doch draußen im Scheitniger Parke, dessen alte Eichen noch rauschend erzählen von den Tagen einer großen - Vergangenheit, das Wunderwerk der neuen Zeit, jene Jahrhunderthalle, die in ihren Dimensionen gemahnt an die Riesenbauten klassischer Zeiten, und die selbst die gewaltigsten Bauten an Kühnheit der Konstruktion übertrifft. Faßt doch der riesige Kuppelbau, dessen 67 m weite Spannung die der Peterskirche bei weitem überragt, lOOOO Personen, so daß das Gerhard Hauptmannsche Festspiel in der Regie von Max Reinhard mit 2000 Mitwirkenden hier eine machtvolle und geräumige Bühne finden dürste. Unter dem Klange der größten Orgel der Welt wird sich der berückende, farbenprächtige Siegeszug der Kultur in den in die Halle eingebauten gotischen Dom bewegen, und die unzählbaren Zuschauer werden tief erbeben und erschauern vor der Gewalt der bezwingenden Größe. Und diese Halle, die den Ruhm unserer Stadt ins Deutsche Reich tragen und weit über seine Grenzen hinaus künden soll, daß Breslaus Bürger, wie sie einst vor l00 Jahren opferwillig ihr Hab und Wirt an den Altar des Vaterlandes brachten, in dankbarer Erinnerung ein unvergängliches Monument' errichtet haben, diese Halle aus kaltem Stein erbaut, fliegt umrahmt von sonnig-heiteren (Bärten voll blühender Tulpen und duftender Rosen, im Zauber einer blütenvollen Mürchenstadt. So sind Kunst und Natur in lieblichem Verein bestrebt, die Sinne m betören, das Herz zu erfüllen mit Bewunderung des Menschengeistes und der Schöpsergröße. Hunderte von Kongressen werden ihre Tagungen hier halten und an der Gewalt des Gegenwartseindruckes die Größe der Vergangenheit spüren. tu diesem Gefühl hat die gesamte deutsche tudentenschast aller deutschen und österreichischen Universitäten und Hochschulen beschlossen, im Juni dieses Jahres eine Jahrhundertgedenkfeier in Breslau zu veranstalten. In geschlossener Einheit werden Füchse, Burschen und alte Herren die Stätten suchen, an denen ein Jahn und Friesen, ein Stein und Hardenberg und vor allem Lützow die akademische Jugend um sich scharte zum Kampf gegen Tyrannei, zum Kampf für Freiheit und Recht. Und wie damals die Straßen sich füllten mit Hoch und Niedrig, mit Arm und Reich ohne Unterschied der Konfessionen, so soll auch dieses Jahr ganz Deutschlands akademische Jugend vergessen, was sie sonst trennen mag und sich eins si'lylen in dem großen Gedanken einer allen gemeinsamen Vergangenheit. Darum soll die deutsche Feier nicht getrübt sein durch Absonde-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.