Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1913-06-01 · Heft 9 (1.6.1913) · p. Seite 192

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1912-1913
Issue
Heft 9 (1.6.1913)
Date
1913-06-01
Page
Seite 192 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2268830-2268832-2268842--0839-2270056
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

192 sohn spricht Wagner zwar mit der größten Hochachtung aiS einem „Juden von reichster spezifischer Talentfülle" und bewundert an ihm die „seinste und mannigfaltigste Bildung, das gesteigertste zartestempsindende Ehrgefühl"- aber er konstatiert daneben? „Die tiefe, Herz und Seele ergreifende Wirkung, wie ein Heros unserer Kunst, bringt er nirgends hervorer führt die feinsten, glättesten und kunstfertigsten Figuren vor, und dadurch fesselt er unSnicht aber tut er daS, wenn er tiefe und markige Empfindungen schildern willdarum wählt er in diesem Falle große Vorgänger, wie namentlich Seb. Bach, alS Slilmuster." Das ist nicht eine Spur mehr oder weniger, als was die Musikgeschichte heute über Mendelssohn urteilt. Auch ist eS natürlich, daß diese „Mittelgut^Musik — die natürlich auch ihre künstlerische Berechtigung hat — diesem „Heros", dessen gewöhnlicher Zustand die Ekstase war, nicht züsagen konnte. Ebenso ist nicht abzustreiten, daß Wagner für seine Zeit (!) recht hatte, wenn er den Juden die Fähigkeit zur bildnerisch-künstlerischen Produktion absprach, wogegen diese Behauptung für die Dichtkunst — ausgenommen die Dramatik — schon damals unhaltbar wardie Beispiele Heine und Auerbach sprechen namentlich dagegen. Damit fällt auch die unbedingt übertriebene Annahme der allgemeineil und ursprünglichen Sterilität der Inden in künstlerischen Dingen: „Der Jude hat keine wahre Leidenschaft, am allerwenigsten eine Leidenschaft, welche ihn zum Kunstschassen aus sich drängte. Was so der Vornahme der Juden, Kunst zu machen (!), entspricht, muß daher notwendigerweise die Eigenschaft der Kälte, der Gleichgültigkeit, bis zur Trivialität und Lächerlichkeit an sich haben . . . Der Jude hat nie eine eigene Kunst gehabt, daher nie ein Leben von knnstfähigem Gehalte. . . Es sind gar keine edlen Keime vorhanden. . . ." Derartigen Stellen sieht man es beim ersten Lesen an, daß Wagller sie im llebereiser der Erregung niedergeschrieben hat. Hätte er selbst seine Sätze so scharf aufgesaßt, wie sie klingen, so wäre die notwendige Folge ein Verdammungsurteil gewesen, eine Aufforderung, alles, was Jude heißt, au>Mem Lande zu jagen oder zu unterdrücken, — eine Hetzrede im Stile des modernen Antisemitismus. Dem ist jedoch nicht so, sondern Wagner meint, die Jllden nur erziehen zu wollenseine Schrift klingt in die Mahnung ans, sich völlig zu emanzipieren, „gemeinsam mit uns Mensch zu werden", wie dies Börne bereits erreicht habe, (lieber diesen Schluß wird unten noch einiges zu bemerken sein.) So weit der Inhalt der Schrift in seinen Einzelheiten. Sie rief bei ihrem ersten — pseudonymen — Erscheinen einen Sturm im Wasserglase hervor, eine kleine Aufregung im Kreise der Nächstinteressierten l); dann wurde sie vergessen. Wagner aber seinerseits — das war das Schlimme — konnte nicht vergessenja, es bohrte sich jetzt in ihm der neue Gedanke ein, daß sein Artikel absichtlich totgeschwiegen, worden sei und die Juden sich nur durch um so heftigere Gegnerschaft dafür rächten. So verfiel er 1869 auf den Gedanken, um diese Manöver aufzudecken, die ganze Geschichte durch eine besondere Broschüre, nunmehr auch unter eigenem Namen, an die große Glocke zu bringen. Aufschluß über Wagners Beweggründe zur nochmaligen Beröfientlichung der Schrift gibt vor allem ein Brief an seinen Freund, den Juden CarlTausig (1869): „ . . . Natürlich hätte ich alles über mich ergehen (lassen) und stets schweigen müssen, wenn ich den Grulld jener Verfolgung nicht aufdeckte. Dies war durch keinerlei Umschreibung zu tun, mit welcher ich . . meine Gesinnungen über das Judentum . . auszusprechen gehabt hätte . . . Ich mußte also einfach daS (für mich so verjährte) eorpu» delicti abdruken lassen, um die ganze unerhörte Geschichte darstellen und erklären zu können. Dieses alte Stück noch einmal zu sehen, mag für viele — und namentlich gänzlich Unschuldige — sehr schmerzlich gewesen seines hätte mir erspart und diesen erspart werden können, wenn der latente Erfolg jenes Artikels (nämlich von 185)0) endlich auch auf jener Seite sich verloren hättes!). Ich erwartete dies lange Zeit, aber die unerhörten Unverschämtheiten der Wiener Presse bei Gelegenheit der „Meistersinger", die fortgesetzte freche Lügenschneiderei über mich und die wahrhaft zerstörenden Erfolge hiervon, haben mich endlich, da ich durch eine Frage hierüber veranlaßt war, zu meinem rücksichtslosen Schritte bestimmt . . ." Und an Julius Lang schreibt der Meister: „ . . . Ich bin jetzt entschlossen, auch für meine Person den Niederträchtigkeiten entgegenzutreten, denen ich so lange Zeit und neuerdings immer wieder ausgesetzt bin. In kurzer Zeit erscheint von mir bei I. I. Weber eine Broschüre: „Das Judentum und die Musik", durch welche auch Sie neue und sehr sonderbare Aufklärungen erhalten werden ..." Der Schrift selbst endlich hat Wagner einen offenen Brief an Frau Marie M u ch a n v f f (die in dem Schreiben an Tausig erwähnte Fragestellerin) vorausgeschickt, der die angekündigten ausführlichen „Aufklärungen über das Judentum in der Musik enthält (Schriften, Bd. 8). Die „Aufklärungen" sind dadurch gekenn* *) David, Joachim, Moscheles u. a. verlangten damals die Entlassung Brendels, des Herausgebers der Zeitschrift, aus dem Lehrerverband des Leipziger Konservatoriums.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.