KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1912-1913
- Issue
- Heft 9 (1.6.1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 191 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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/ 191 . bindung zu bringen, nicht widerstehen. Die „Umdaiierung" hat aber zur Folge, das; man die Gesinnung Wagners nicht unbefangen ansieht. Auf den ersten Blick ist der polemische Charakter deS „Pamphletes" erkennbar. Wie darf man über irgendeine Polemik, zumal eine der Vergangenheit angehörige, ohne Kenntnis ihrer Ursachen wie ihrer Wirkungen urteilen? Nichts ist so von Voraussetzungen abhängig wie eine Streitschrift. Im besonderen reichen aber die Wurzeln Wagnerscher Polemik oft in völlig andere Gebiete hinein, und namentlich ist es die Kunst, die musikalische Intention, in der auch die scheinbar entferntesten theoretisierenden Ex« kurse des Meisters ihren Grund haben. So auch hier. Wagners Opern, besonders der eben in Weimar herausgekommene „Lohengrin", wurden durch Meyerbeers zur selben Zeit erscheinenden „Prophet" in den Hintergrund gedrängt. „Dies mußte", bemerkt Guido Adlers, „in der Tat Wagner bitter kränken/ indessen, . hätte er in dem „Prophet" ein wahres Kunstwerk gesehen, so würde er auch diese Kränkung willig hingenommen haben". Nun hatte Wagner aber bereits in „Oper und Drama" (Schriften, Bd. 3) mit MeyerbeerS Musik, deren „Hohlheit, Seichtigkeit und künstlerische Nichtigkeit" er im Kampfe um seine Kunst abweisen mußte, gründlich abgerechnet, und so mußte ihn der neue Erfolg des Gegners, zumal auf seine (Wagners) Kosten, schwer treffen. Es war nur natürlich, daß er ans den Gedanken kam, „der große Erfolg der Meyerbeerschen Oper habe tiefer liegende Gründe in dem Verderb des Kunstgeschmackes, in der Vorherrschaft einer kritischen Gesellschaft, welche das Wesen der Kunst durch Vorurteile verkenne und dem Deutschtum schade" (Adler). In Wagners Anschauung wuchsen allmählich gegnerische Produktion, Reproduktion, Kritik und Publikum zu einem Schreckgespenst zusammen, das die Züge eines vermeintlichen, durch Meyerbeer f und seine Anhängerschaft gekennzeichneten äußerlich, aber nicht wirklich emanzipierten „Judentums" trug*). Gegen dieses Phantom wendet er sich in dem oben erwähnten pseudonymen Artikel in der „Neuen Zeitschrift für Musik" (Schriften, Bd. 5). ’) G. Adler, Vorlesungen über Richard Wagner. Leipzig 1904. y Als Probe dieses MeyerbeerkultS zitiert uliuS Lang (vgl. unten) die Biographie eines Herrn tendet; dieser nennt die ^Hugenotten" „ein Evangelium der Religion und Viebe worin es Meyerbeer gelungen ist, deutsche Wahrheit deö Ausdrucks (!!) mit deritalienischen sinnlichen Schönheit des Gesanges und der französischen Grazie und dem Pathos dramatischer Dekla,nation vereinigt zur Erscheinung zu bringen". Freilich, da kann keiner mit, und darum ist auch der vierte „Hugenotten"-Akt „das Größte, was ein Sterblicher im Drama geschaffen" (!). Er geht voll der Wahrnehmung aus, die stäche, seichte Kunstrichtung der damaligen Zeit sei ein spezielles Zeichen dieser Epoche, und er macht die zur „Herrschaft" gelangten Juden dafür verantwortlich. Sie greisteralS die angeblichen Unterdrücker wahrer deutscherKunst in allen ihrenEigenschasten an. So kritisiert er das Aeußere deS Juden: „Wir wünschen unwillkürlich mit einem so aussehenden Menschen nichts gemein zu haben." Wagner verwechselt dabei wahrscheinlich Ursache und Folge; nicht mißfällt ihm der Jude wegen seines Aussehens, sondern das Aussehen, weil der Matm Jude ist, — ähnlich wie den Indianern das „Blaßgesicht". Wagner sagt, „wenn die bildende Kunst Juden darstellen will, so nimmt sie ihre Modelle meist aus der Phantasie mit weislicher Veredelung oder gänzlicher Hinweglassung alles dessen, was uns im gemeinen Leben die jüdische Erscheinung charakterisiert." Der erste Teil dieses Satzes ist unwabr, und die „Veredelung" der darzustellenden Person in der Kunst dürste wohl auch bei nichtjüdischen Modellen die Regel bilden. Wagner behauptet weiter, auf Grund dieses abstoßenden Aeußern „können wir uns auf der Bühne keinen antiken oder modernen Charakter, sei eS ein Held oder ein Liebender, von einem Juden dargestellt denken, ohne unwillkürlich daS bis zur Lächerlichkeit ungeeignete einer solchen Darstellung zu empfinden". Er vergißt dabei, wenn er schon Dawison (der ihn übrigens einmal persönlich angegriffen hatte!) nicht gelten lassen will, Ludwig Devrient,Dessoir, Lewinsky, Döring, die Rachel! Im Zusammenhang mit der angeblichen körperlichen Unmöglichkeit des Juden auf dem seriösen Theater kommt Wagner auf die Sprache: „Der Jude spricht die modernen europäischen Sprachen nur wie erlernte, nicht als angeborene Sprachen, und dieser Umstand muß ihn von aller Fähigkeit, in ihnen sich seinem Wesen entsprechend, eigentümlich und selbständig kundzugeben, ausschließen." Dagegen stehen einesteils die vereinten Zeugenaussagen derer, die damals die zitierten Schauspieler zu hören Gelegenheit hatten — auch der junge Sonnenthal kam gerade hinzu! —, andernteils möchte ich einem unbefangenen Leser Schriften von Börne, Heine oder Auerbach neben denen von Wagner vorlegen, und ich bin fest überzeugt, daß er dann ersteren den Vorzug gibt, trotzdem ihre Sprache „erlernt" und nicht wie bei Wagner „angeboren" ist. Von der Sprache der Juden kommt Wagner über den Gesang hinweg auf die allgemeine künstlerische Produklionsunfähigkeit zu sprechen, und er erwähnt als Beleg für seine Ansicht die Musiker Mendelssohn und Meyerbeer, letzteren in dieser Schrift nicht mit Namen, obwohl ein ganzer Abschnitt gegen seine Tätigkeit gerichtet ist. Bon MendelS-