Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1913-06-01 · Heft 9 (1.6.1913) · p. Seite 189

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1912-1913
Issue
Heft 9 (1.6.1913)
Date
1913-06-01
Page
Seite 189 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2268830-2268832-2268842--0836-2270053
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dieser Bruderkrieg, welcher jetzt in besonders häßlicher Form von zionistischer Seite gegen uns geführt wird, ist in erster Linie schuld, das; so viele der Besten von einer Mitarbeit mit unS sich fernhalten, daß gerade die Mehrzahl der jüdische» Intelligenz sich damit begnügt, ihre Beiträge zu zahlen, allenfalls auch einmal in eine Versammlung zu gehen, im übrigen aber abseits von unserem Ringen und Kämpfen steht. Und wenn wir gerecht sein wollen, so müssen wir sagen, daß das wohl zu verstehen ist, wenn auch nicht zu billigen. Ein Vergnügen war es ja nie, sich im Zentralverein zu betätigengroße Opfer, viele Arbeit und Mühe — das wäre nicht schlimm, auch Tadel und Angriffe mancherlei Art muß man sich gerne oder ungerne gefallen lassen, so lange sie sachlich bleiben. Was aber jetzt geschieht, das überschreitet jedeS Maß und ist geeignet, viele gute Juden dauernd von einer Tätigkeit abzuschrecken, die solche Vorwürfe von den eigenen Glaubensbrttdern einbrillgt. Man lese die Auszählung von Beschimpfungen, die Dr. Holländer am Schlüsse seines Aufsatzes: ,,Zur Klarstellung" in der letzten Nummer 5/6 der Vereinszeitschrift „Im Deutschen Reich" gibt. Wer etwa meint, das seien Ausschreitnngen von einzelnen Zionisten, der prüfe die Erklärungen maßgeblicher zionistischer Organe und Personen auS der letzten Zeit, und er wird finden, daß man uns „Demlnzianten" nennt, die „doppelte Moral" hätten, daß man versichert, für aufrechte Juden sei kein Platz mehr im Zentralverein, daß man nur von einzelnen Führern dieses Vereins „als sittlich hochstehenden" und „jüdisch tief empfindenden Personell" spricht usw. Wäre nur ein kleiner Teil von dem wahr, was uns blinder Eifer und Unüberlegtheit vorwirft, es wäre nicht zu verstehen, wie 35000 Juden sich unter die Führung solcher „minderwertigen Streber" begeben können. Man weiß in der Tat nicht, wen man mehr bedauern soll, diejenigen, die für alle Mühe solche Früchte ernten, oder jene, welche den traurigen Mut haben, wehrlose — denn waS können lvir gegen derartige Beleidigungen tun? — jüdische Brüder öffentlich so zu beschimpfen. Und warum das alles? Weil wir uns von der kleinen Gruppe derjenigen Zionisten trennen wollen, trennen müssen, die erklären, daß sie nicht Deutsche, daß sie nur Gäste in Deutschland seien,' denn klein kann ja jene Gruppe nur seinsagt doch Herr Oppenheimer, gewiß eine anerkannte Autorität unter den Zionisten, selbst, indem er von denjenigen spricht, die „sich mit Stolz nationale Juden nennen": „einige mögen es wirklich sein", und er erklärt es für berechtigt, wenn außer den Juden vieler anderer Länder „selbst die preußischen Juden" entrüstet denjenigen Zionisten die Tür weisen würden, - die ihnen zllmuteten, Nationalbewußtsein im Sinne des Ostjudentums zu haben. Oder haben sie wirklich triftige Gründe, besonders unzufrieden mit unserer Arbeit zu sein? In sachlicher Hinsicht werfen sie uns hauptsächlich vor, daß der Verein seiner Aufgabe nicht gewachsen sei, daß wir nichts erreichten, daß wir unzulängliche Drittel und keinen Einfluß auf unsere Mitglieder hätten. Manches davon ist gewiß richtig. Wir haben leider viel zu wenig Geld, und unsere Anhänger folgen nicht immer bereitwillig genug den Anregungen, die ihre Vereinsleitung im Interesse unseres Kampfes geben muß. Ist das aber die Schuld des Vorstandes? Läßt sich denn überhaupt die Zahlung größerer Beiträge und bessere Disziplin so ohne weiteres dekretieren? Wir haben es doch — anders als die zionistische Organisation — fast nur mit gefestigten, älteren, selbständigen Männern zu tun und nicht mit der so leicht begeisterungssähigen, schnell beweglichen Jugend! Und haben die das Recht, uns das vorzuwerfen, die selbst mit wenigen Ausnahmen außerhalb des Vereins stehen, die jedenfalls ganz untätig zusehen, wie wir ultsern schweren Kampf führen, die ihre so sehr viel reicher fließenden Mittel so viele Jahre schon aufgespeichert, aber erst vor kurzerZeit angefangen haben, einen kleinen Teil davon praktischen Zwecken, der Ansiedelung von Juden in Palästina, zuzuführen? Was können tvir dafür, daß den deutschen Juden — nicht bloß den Zionisten — das Hemd nicht näher ist als der Rock, daß sie immer bereit sind, für alle möglichen anderen — sicherlich guten — Zwecke große Geldspenden herzugeben, nur nicht für beit Kamps, der doch so ganz besonders ihre eigenste und wichtigste Angelegenheit ist. Wir hätten nichts erreicht, so sagen jene. Daß wir durch unser rastloses Mühen zum wenigsten viel Unheil verhütet haben, kann man bestimmt sagen — wer weiß, ob wir sonst nicht schon unter Fremdenrecht ständen? — Daß wir aber noch viel zu wenig erreicht haben, mutz leider wieder zugegeben werden. Indessen auch hier ist es leicht zu tadeln, wenn man nicht sagt, wie es denn besser gemacht werden konnte. Warum haben denn jene ihre Weisheit für sich behalten, warum haben sie selbst nichts getan, um schneller zum Ziele zu gelangen? Sie haben doch immer betont, daß auch sie die Gleichberechtigung der Juden durchaus erstrebten. Jetzt freilich haben sie beschlossen, einen Konkurrenzverein zu gründen. Sollten sie in der Tat ihre brudermörderische Absicht ausführen, dann wird es sich ja zeigen, ob sie wirklich „auch diesen Kampf in ganz anderer und weit erfolg-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.