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KC-Blätter · 1913-06-01 · Heft 9 (1.6.1913) · p. Seite 186

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Journal
KC-Blätter
Volume
1912-1913
Issue
Heft 9 (1.6.1913)
Date
1913-06-01
Page
Seite 186 (sequence 6)
Language
German
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186 Denn es zeigt sich, das; alle diese Faktoren uns auf das Deutschtum, nicht aber auf das Ostjudentltttt Hinweisen. Deutsch unb nicht jüdisch ist unsere Muttersprache, unsere Bildung und Erziehungdas gesamte Kulturleben und das Milieu das unS umgibt, ist deutsch, ebenso wie die Landschaft, die unser Gemüt beeinflußt. Deutsch ist schließlich das Staatswesen, das uns aus das engste mit den übrigen Teilen des deutschen BölkeS verbindet. Alle Faktoren, die daS nationale Leben beeinflussen, verbinden uns also mit dem deutschen Baterlandees wäre unnatürlich und widerspräche allen Gesehen deS sozialen Lebens, wenn wir trotzdem nicht deutsch-national fühlen würden. Kann man da wirklich noch ernstlich behaupten, die deutschen Juden hätten gleich den Polen nur ein deutsches Staatsbürgergefühl? Gewiß, die Polen leben in einem polnischen Kulturmilieu, sie betrachten das von ihnen bewohnte Gebiet als polnisches Land, und haben infolgedessen polnisches Kulturbewußtseiu, polnisches Heimatsgefühl und haben sich als nationales Endziel das gegen die Existenz Deutschlands gerichtete Streben auf die Wiederherstellung Polens gesetzt. Die Polen verbindet mit Deutschland nur die Staatsgemeinschaft. Ganz anders bei den Juden. Wir haben nicht nur deutsches Staatsbürgergefühl, sondern auch deutsches Kulturbewußtsein und deutsches HeimatSgefühl. Wir sind daher nicht nur deutsche Staatsbürger, sondern auch Kulturdeutsche und wurzeln mit allen Fasern fest im deutschen Boden. Nation und Judentum. Es könnte sich nun die Frage erheben, ob — wenn zwar die natürliche Entwicklung unS zu Deutschen zu machen strebt — wir dem nicht entgegenarbeiten könnten und sollen, um N a t i o n a ljuden zu werden. Zweifellos können wir künstlich unsere Beziehungen zum Deutschtum unterdrücken und durch systematische Erziehung die Anknüpfung an daS ostjüdische Kulturleben finden. Manche Nationaljuden erstreben das, iveil sie von dem nationaleil Zusammenleben mit der nichtjüdischen Umwelt eine Auflösung des Judentums befürchten, und eine Erhaltung des Judentums nur dann für möglich halten, wenn alle unsere Lebensbeziehungen ausschließlich jüdisch sind. Aber diese Anschauung beruht auf eitler irrigen Auffassung deS Wesens deS Judentums, auf einer vollständigen Berkennllng der historischen Tatsachen. Das Wertvolle im Judentum: sein religiöser Gehalt, seine Literatur, insbesondere die heilige Schrift und schließlich seine Ethik stehen mit den nationalen Bewegungen Westeuropas, insbesondere mit dem Deutschtum keineswegs im Gegensatz. Um jüdisch zll sein, braucht man nicht aufzllhören, deutsch zu sein. Steht doch gerade fast die gesamte Orthodoxie, der man jüdische Gesinnung lvohl kaum absprechen kann, dem Nationaljudentum ablehnend gegenüber. Mit Unrecht weisen die Nationaljuden zum Beweise der Gefahr, die aus dem Mangel jttdiscknationalen Lebens entspringe, aus die große Zahl der Taufen hin. Nichtig ist, daß während des Ghettolebens der Juden der Abfall selten war und daß diejenigen, die sich von allen nichtjüdischen Einflüssen absondern, und die in allen Lebensbeziehllngen nur Juden sein wollen, vor dem Abfall mit sicherstell bewahrt bleiben. Aber ist — um dem Abfall entgegenzuwirken — tatsächlich völlige Absonderung, die Errichtung eines neuen, geistigen Ghettos erforderlich? Wäre die Einkapselung — wellll sie tatsächlich möglich wäre — dein Judentum nützlich? Alle oiese Fragen muß man bei klarer Ueberlegung verneinen. Die ganz überwiegende Mehrheit der deutschen Inden, auch der jüngeren Generation, will den Abschluß gegen das Deutschtum nicht, schon deshalb sind die national-jüdischen Ideen praktisch undurchführbar. Der Abschluß ist aber auch zur Erhaltung des Judentums nicht erforderlich, denn nicht die Berührung mit dem Deutschtllm führt zum Abfall, sondern die infolge des Antisenlitismus gewährten materiellen Vorteile des Abfalls. Wo solche Prämien für die Taufe nicht gewährt werden, z. B. in England oder Holland, ist die Taufe eine Seltenheithier ist also die Bekämpfung des Antisemitismus das beste Gegenmittel. Das Judentum hat auch im modernen Leben noch hinreichende .Kraft, um sich selbst zu erhalten, ohne nationales Beiwerk - das beweist am besten die große jüdische Jugendbewegung, die in wenigen Jahren ein intensives jüdisches Leben gezeitigt hat.*) Das Nationaljudentum schädigt aber das wahre Judentum, indem es das Judentum mit nationalistischen Bestrebungen verquickt und diese gar oft an seine Stelle setzt, obschon sie mit dem Wesen des Judentums recht wenig zu tun haben. Äer die Geschichte des Judentums kennt, der weiß, daß seine Bedeutung und Größe nicht im nationalen Leben liegt. Das galt *) Der Fabel vom „Untergang des Judentums" tritt ein Veitartikel einer soeben erschienenen nationaljiidischen Zeitschrift „Die Freistatt" mit erfreulicher Ossenbeit entgegen. ES heitzt dort: „Das meiste wird mihgedeutet, um die These von der allerorts zerfallenden Fndenheit aufrecht zu erhalten." „Man lese die willkürlichen Prognosen, die Nuppin den verschiedenen Ostjudenheiten stellt. So verzerrt legt nur derjenige die Dinge aus, der eine untergehende Judenheit benötigt, um etwas mit ihr zu beweisen."

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