KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1912-1913
- Issue
- Heft 9 (1.6.1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 185 (sequence 5)
- Language
- German
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185 DaS zeigt sich in allen Fällen, in denen »vir den Begriff der Nation verwenden. Ziveisellvs ist der Friese mit den» Niederländer der Abstammung nach viel enger verlvandt, als mit dem Ostelbier slavischen Ursprungs, und doch rechlret man ihn z»»r deutschen Äkativn, verbindet ihn Nationalgemeinschaft nicht mit den» stammverwandten Niederländer, sondern mit den» stammesfremden Slaven. Kein Mensch ziveifelt an der deutschen Nationalität der Nachkommen der Nefngivs, trotz ihrer französischen Abstammung. Auch i»» den» Nationalitätenwirrwarr Oesterreichs entscheidet keineslvegs die Abstannnung über die nationale Zugehörigkeit. Akan fragt nicht nach Nasse, »»icht nach Abstammung und nicht nach Religion: »ver deutsch sein tuill und deutsch spricht, ist Deutscher, »nag sein Name und sein Aussehen noch so sehr a»»f tschechische oder polnische Abkunft himveisen. Nicht irgendrvelche angeborene Eigenschaften, sondern der Wille zur Nation und der gesa»nte Komplex der Lebensverhältnisse, unter denen ein Mensch aufwüchst, bedingen die nationale Zugehörigkeit. * * # Grundlagen des Nationalgeflihls. Dieser Ko,nplex der LebenSverhältniffe, das Milieu, setzt sich anS den verschiedensten Elernenten z»»sa»nmen. Zu»»ächst seien hier erwähnt die Gesetze und Einrichtungen deS Staates, der durch Schllle und Heeresdienst, durch politische Eiurichtlulgen und d»»rch den Perwaltungsapparat auf die Entwicklung der Bürger in der intensivsten Weise eimvirkt. Indern der Staat den zu ihn» gehörenden Bürgern zahlreiche »»»aterielle und geistige Existenzbedingungen gewährt und sie als eine geschloffene Gr»»ppe den Angehörigen anderer Staaten gegenüberstellt, schafft er ein Gemeinschaftsgefühl, das »vir noch in eine»n ganz besonderen Sinne (im Gegensatz zu „international") als „national" bezeichnen und das, »vie die Beispiele der Schlveiz und in Belgien be- »veisen, große kulturelle Gegensätze z»» überbriicken vermag. Das Streben nach staatlicher Selbstständigkeit, sei es nun völlige Unabhängigkeit, »vie bei den Polen »»nd auf de»n Balkai», oder aber »venigstens nach einer gervissen Autonomie, »vie in Irland »»nd in Oesterreich, ist daher die Grundlage »»nd das Kriterium jeder nationalen Betätigllng. Ka»m» »veniger intensiv, als das Staatsrvesen »virkt die Muttersprache »md der durch sie ver- »»»ittelte Eintritt in einen bestünmten Kultnrkrei S auf die LebenSverhältniffe deS C'i»»zelncn ein. Hinzu ko»»»»»»t das enge Zusa»n»nenleben aller BolkSkreise, die eina»»oer gegenseitig beeinflussen, so»vie die gemeinsame Erziehung. Durch alles dies überträgt sich das Geistesleben der Volksgemeinschaft aus den einzelnen »md verkettet ihn mit der Gesamtheit. Dort, »vo verschiedene Nationen sich ineinanderschiebe»», insbesondere in Oesterreich, ist daher die Sprache das einzige .Kennzeichen der Zugehörigkeit zu einer Nation. Wohl noch wichtiger als alles dies si»»d die »virtschnstlichen Tatsache»», die in der modernen Zeit die Volksglieder zu einer unlöslichen Einheit verschmelzenfester und enger vielleicht, als die ideellen und staatlichen Faktoren. Die deutschen Juden können sich aus der Gesa»»»theit des detltschen Wirtschaftslebens nicht loslösen, ohne ihre »virtschaftliche Existenz zu verlieren. Ebenso »vüre aber auch die Eliminierung der Juden aus der deutschen Volkswirtschaft für diese das größte Unglück. Andere Elemente treten noch hi»»zu, u»n ein einheitliches Volksleben zu »vecken. Einen überaus wichtigen, nach Kirchhofs den »vichtigsten Faktor bilden die geographischen Verhältnisse des Landes, die die Lebensbedingungen der Bewohner in einheitlicher Weise regeln und vielleicht inehr als alles andere das Gemütsleben beeinflussen. Wie sehr das Heimatsgesühl die Nationen verkettet, beweist das Beispiel der Schweiz. Diese Faktoren, nicht aber die Abstaininung oder gar eine beftimmte Rassenzugehörigkeit entscheiden über die Nationalität des ei»»zelnen. Die Anschauung, die Rasse verleihe jeden» Menschen eine beftimmte ps»)chische Disposition und ste»nple ihn bei der Geburt unabänderlich z»»»n Angehörigen irgendeiner Station, ist ein lär»gst »viderlegtes Märchen. Die Abstan»»nung ist zivar nicht gänzlich einflußlosihre Bedeutung liegt aber lediglich darin, daß sie regelmäßig das Milieu bestiinmt, in de»n ei»» Mensch a»lf»vächst. Wer von de»»tschen Eltern abftammt, »vird in der Regel die de»»tsche Sprache erlernen, deutsche Erziel-ung erhalten »u»d deutsche Kultur in sich a»»sneh»nen, also in engster Fühlung mit dem deutschen Volksleben aufwachsen »md ii»folgedessen z»» eine»»» deutschen Volksbeivllßtsein gelangen. Nur zu oft fomtnt es aber vor, daß im Aus lande Nachkon»»»»en deutscher Eltern in der Sprache und Kultur des fremden Landes erzogen rverden, ohne je ein deutsches Bolksbewußtsein zu erlangen. Sie sind ^oeifellos nicht national-deutsch, trotz ihrerdeutschen Nationaljuden oder jüdische Deutsche? Die Frage, ob die I»»den De»»tschlands in nationaler Hinsicht Deutsche sind oder ob sie mit ihren nichtdeutschen Glaube»»sgenossen eine besondere Station bilden, »vird daher leicht zu entscheiden sein, wenn »vir die Faktoren prüfen, welche das nationale Leben der deutschen Juden beeinsiuffen.