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KC-Blätter · 1913-06-01 · Heft 9 (1.6.1913) · p. Seite 182

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Journal
KC-Blätter
Volume
1912-1913
Issue
Heft 9 (1.6.1913)
Date
1913-06-01
Page
Seite 182 (sequence 2)
Language
German
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sehen, wieweit die preußischen Juden sich wirklich an ihm beteiligt haben. Nur achtzig Inden Preußens sind im Frühjahre 18K» ansgehoben, also durch behördlichen Zwang dem Heere einverleibt wordenvon den 444 jüdischen Kriegern jenes Jahres — so viele haben wir ermitteln können, aber ihre Zahl war zweifellos viel größer — waren also 1464 schon vorher iu den Fahnen geeilt: 1,16 Prozent von den 31,000 Israeliten des damaligen preußischen Staates. Gewiß an Freilvilligen eine sehr anerkennenswerte Beteiligung eines seit so vielen Jahrhunderten des Kriegsdienstes entwöhnten und dabei vielfach körperlich ganz verkommenen Volkselementes. Ja, noch mehr. Wir dürfen die Zahl der Freiwilligen für 1813 überhaupt auf etwa 15),000 schätzen, das heißt 0,3 Prozent der Gesamtbevülkernng des damaligen Staates (etwa fünf Millionen) — da sehen wir, daß verhältnismäßig die Juden mindestens viermal so viele Freiwillige gestellt haben wie die christliche Bevölkerung. Und diese Juden, die in so hochherziger Weise daS Geschenk der Freiheit erwiderten, das ihnen erst vor Jahresfrist geworden nun*, wagt man des Mangels an Vaterlandsliebe zu zeihen — anstatt ihre Opserfreudigkeit, Begeisterungssühigkeit und Treue gebührend anzuerkennen! Freilich, es gibt eine Ausnahme. Als der eigentliche Befreiuugsjubel schon verrauscht lvar, im Jahre 1815, haben jüdische Gemeindevorstände Westpreußeus gegen die Heranziehung ihrer Gemeindemitglieder 511 der allgemeinen Wehrpflicht Vorstellungen erhoben; man hat daraus selbstverständlich Vorwürse gegen alle preußischen Juden abgeleitet. Aber diese unter den preußischen Israeliten ganz vereinzelte Tatsache erklärt sich aus dem trostlosen wirtschaftlichen Elend der westpreußischen jüdischen Bevölkerung und zumal aus ihrem kläglichen physischen Zustande: die meisten Männer litten an Leistenbrüchen.*) 1813 waren mindestens fünfzig jüdische Freiwillige ans Westpreußen dennoch in das Heer eingetreten. Man will auch vergessen, daß selbst in dem kriegsbegeisterten Königsberg, dann in Berlin, Potsdam, Breslau, in Westpreußen und Oberschlesien, im Hirschberger Kreise und später in Westfalen sich seitens der christlichen Bevölkerung zahlreicher Widerspruch gegen die allgemeine Dienstpflicht geltend gemacht hat, weil inan deren Lasten für allzu drückend hielt. Die jüdischen Freilvilligen von 1813 und 1814 haben sich alS Soldaten unerschrocken und tapfer gezeigt. Soweit die höchst mangelhaften, noch nicht' die Hülste der richtigen Zahlen gebenden *1 Nachgewiesen von dem verewigten Sanitätsrat vr. Neumann in der „Nation", 1892, Nr. 23. Namenslisten es sestzustellen gestatten, wurden von jenen verwundet 28, getötet 29. Nicht weniger als 71 Juden, also 16 Prozent der jüdischen Krieger, haben das Eiserne Kreuz für Kombattanten, 4 den russischen Georgenorden, 4 das militärische Ehrenzeichen erhalten. Das Eiserne Kreuz ant weißen Bande, also für Nichtkolnbattanten, lvllrde fünf Aerzten, einem Gutsbesitzer und einem Kaufmann jüdischen Glaubens verliehen. Es avaneierten nachweisbar 22 Juden zu Unteroffizieren, einer zum Fähnrich, 20 zu Sekondeleutnants und 4 zu Premierleutnants — alles junge Soldaten, die soeben erst in das Heer eingetreten waren. Ein jüdischer Arzt wurde Negimentsarzt. Wir glalrben, diese Zahlen sprechen für sich selbst, obschon sie weit unter der Wahrheit bleiben. Sie genügen, um zu beweisen, daß die Juderr im vaterländischen Heere mit ihrem Blute nicht geizten, sondern es mutig für die Befreiung Deutschlands darbrachten. Das tapfere Verhalten einzelner Juden wurde vielfach von ihren Vorgesetzten anerkannt und bescheinigt: so dem Ulanen Deutschmann im 1. brandenburgischen Ulanenregiment; dem David Salvmon im 1. Bataillon des 10. schlesischen Landwehrregiments, dem wegen seines ausgezeichneten Mutes bei der Erstürmung von Probstheida am 18. Oktober 1813 Prinz August von Preußen das Eiserne Kreuz verschaffte, und der auch 1815 sich auf das wackerste hielt. Sekondeleutnant Hilsbach aus Breslau fand in der Schlacht bei Großgörschen (Lützen) den Heldentod, als er bereits zweimal verwundet war und seinen Zug zu erneutem Anstürme gegen den Feind führte. Und doch gehörte ein ungewöhnlicher Opfermut dazu, als Jude, den man doch nie unter den Waffen gesehen hatte, unter den vorurteilsvollen und oft recht rohen Kriegsgeführten auszuharre» und in der Pflichterfüllung nicht zu ermüden. So erzählt ein christlicher Mitkärnpfer, Franz Neumann: „Unter der.Kompagnie freiwilliger Jäger, der ich angehörte, waren zwei Juden. Der eine, vielfach geneckt, warf sich bei dem ersten Kampfe mit dem größten.Heldenmute auf den Feind und forderte seine Quälgeister auf, ihm dorthin zu folgen. Bon mehreren Kugeln getroffen, lag er bald auf offener Straße. Er wurde gerettet, mußte aber dann sein ganzes Leben lang aus zwei Krücken gehen. Der andere, von feinem und einnehmendem Wesen, fiel bei Ligny." — Biele freiwillige Jägerdetachements wiesen überhaupt die Annahme von Juden zurück.*) Unparteiische Männer erkannten damals die Hingebung und Vaterlandsliebe der preußischen *) W. Zelle, Preußens Bölkersrühling (1813) <3.46.

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