KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1912-1913
- Issue
- Heft 7 (1.4.1913)
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 156 (sequence 8)
- Language
- German
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156 dienen, soviel er könne, schon der alte Römer Cato meinte: „Ein Mann ntuft sein Vermögen mehren, und derjenige ist rnhmwnrdig und göttlichen Geistes voll, dessen Rechnungsbücher bei seinen, Tode Nachweisen, das, er mehr hinznerworben, als er ererbt hat" (Zitiert bei Schmoller: Antike Großindustrie). — Eine theologische Besprechung der Weberschen Ansicht ist an dieser Stelle nicht beabsichtigt. Auch die neuere Svmbartsche Theorie ist durchaus einseitig. Genuß, das Zusammentreffen von Juden und Rordenropäern hat zur Entstehung des nrodernen KapitaliSunls enorm nutgewirkt. Aber es waren eben nicht nur die Juden, mit denen Nordeuropa in Berührung trat. Die Berührung der gesmnten uralten Welt der Südlandsvölker hat das Wunder der modernen Wirtschaftskulkur geschaffen. Einige Worte über die wissenschaftliche Persönlichkeit Sombarts «lögen zum Verständnis seiner Theorie hier folgen. Dieser Gelehrte ist kein Historiker. Seine Geschichtsanschanurlg wird zu stark beherrscht von bestimmten Eindrücken ans bestimmten Geschichtsperioden. Diese Ansicht drängt sich beinl Studium des Buches über die Juden zwingend aus. Wie wenig er historisch denkt, zeigt,' daß er sich verpflichtet fühlt die „genetische" Methode seines Buches 511 rechtfertigen. Diese sogenannte genetische Methode ist eine alte Methode der Historiker, und sie ist in ihrer Bedeutung sür die Nationalökonomie auch von Adolf Wagner als „nicht exakte Massenbetrachtlmg (Historik)" dcuchails anerkannt worden (Grundlegung 1,1). Sombart tritt an die Geschichte heran mit festen Gesichtspunkten, die er nun mit großen Materialien zu beweisen ßlcht. Dabei unterlaufen in der Auswahl des Materials natürlich Einseitigkeiten, Schiefheiten, Verzerrungen. Es sei hingewiesen auf das dorrende Bild des antiken jüdischen Wirtschaftslebens. Es sei hingerviesen auf die gänzliche Verkennung der Natur der jüdischen Religionsschriften. Daß Svmbart die alte MoseS-Religion und die Religion der Propheten fast gar nicht beachtet, daß er also die jüdischen Religiousschrifteu aus den, Zeitalter der "Naturalu»ld der Lokalwirtschaft nicht berücksichtigt, sei vorweg bemerkt. Statt dessen zitiert er fast nur die im Talmud gesammelte theoiogisch-jllristische Epoche des jüdischen Schrifttums, die Lehren der Rabbiner, also ein Schristlverk aus einen, Zeitalter ausgesprochener Geldwirtfchaft (200 v. Ehr. bis 600 n. Ehr. ist die Enstehungszeit des Talmud). Und nun hat Sombart daS'Wesen dieses Talmud gänzlich verkannt. Der Talmud ist bekanntlich nicht ein einheitliches religiöses Gesetz, sondern eine Sammlung unendlich vieler Betrachtungen über religiöse Gebote, sittliche Forderungen, soziale Pflichten, Recht, Schicklkcheit und Klugheit ein riesiger Komplex der gesamten theologischjuristischen, sozial- und moralphilosophischen Denkarbeit des jüdischen Volkes während langer Jahrhunderte. Männer der verschiedensten Gemütsart, Neigung, Anschaltung, Interessensphäre haben hier ihre Ansicht über Gott und Weltvrdnung, Menschheit und Gesellschaft niedergelegt. Und da ein erheblicher Teil der Entstehungszeit des Talmud in die Jahrhunderte des spätantiken Kommerzialismus fällt (man denke, daß der Talmud zu einem bedeutenden Teile in den Hellenistischelk, gerverbesrendigen Babylon der ersten nachchristlichen Jahrhunderte entstanden ist), so ist es nicht verrvunderlich, daß sich im Tnlnllld nmnchcs aus konnnerzielten Situationen aufgebaute juristische Weistum findet. Der Talmud ist in diesen Partien das judäische Gegenstück zun, corpus iuris der Römer. Er ist eben nicht nur Religionskodex, sondern zugleich ein umfassendes Rechtsbilch. Die Weisen, Heren Weisti'nuer in dieses Blrch ausgenommen sind, lvaren Männer des praktischen Lebens, zumeist Handlverker. Die Blüte dieses theologisch-juristischen Denkens fällt in die Glanzzeit der römischen Rechtswissenschaft. Sollten die jüdischen Weisen nun gar nichts von dem Stron, der Rechtskultur gespürt haben, der von den Tagen Hamnmrabis bis zu denen Justinians (besetz und Rechtspraxis der antiken Völker erfüllt, dem feinsten Aederchen des wirtschaftlichen Lebens nachspürt und im engsten Konnex mit dem kommerziellen Getriebe Recht gibt'? Daß spätere Zeiten den Talmud in seiner Totalität zum religiösen Gesell erhoben haben, ändert nichts an seinen, ursprünglichen Charakter. Und ändert nichts an der Tatsache, daß Sombart hier wie in so vielen anderen Punkten in höchst schiefer Weise Schlüsse gezogen hat. Sombarts unhistorisches Denken zeigt sich ganz allgemein gegenüber der Erscheinung des Kapitalismus in der Weltgeschichte. Er blickt sals Nachfahre von Kar! Marxzu ausschließlich auf den uwderuen geiverblichen Kapitalismus. Weniger klar als selbst Karl Marx steht ihm z. B. das Handels- und Bankkapital früherer Zeiten vvr Augen, von älterem gewerblichen Kapital ganz zu schweigen. Sombart ist eben kein historischer Geist. Er selbst sagt einmal im „Modernen Kapitalismus", von der historischen Schule der Nationalökonomie scheide ihn das Konstruktive der Geschichtsbehnndlung. Leider sind diese Konstruktionen nur zu oft dem Kopfe des Autors entsprungen, ohne daß sie den wirklichen Ereigniffen der Weltgeschichte entsprechen.