KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1912-1913
- Issue
- Heft 7 (1.4.1913)
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 155 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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155 Prozent der jüdischen Erwerbstätigen im Waren- - Handel beschäftigt und IM (darunter 291 Selbstständige) — 0,56 Prozent der jüdischen Erwerbstätigen im Bankier- und Versicherlmgs-Geschäft, 232917 dagegen gehören dem Handwerk an. x)n 9ius;land (Russisch-Polen eingeschlossen) gab es um 1900 zirka 500000 jüdische Handwerker (eingeschlvssen Lehrlinge mib Gesellen). Das ist mit Angehörigen der vierte Teil der russischen Juden. (Bericht des Jewish Colonisation Assoziation von 1898/99). Dazu {amen zirka 70000 gelernte und 120000 ungelernte Arbeiter. In Bukarest überivug 1887 die Zahl der jüdischen Handwerker die der christlichen bedeutend (8209 gegen 1183). Im Jahre 1901 fand eine Berufszählung der russischen Juden in London statt. Von 29882 männlichen und rveiblichen Berufstätigen waren Arbeiter im Bekleidungsgewerbe 18300, darunter 12073 Schneider, 2502 Tischler, Schreiner usw. (Halpern). In 9iew-^)»rk ist die Zahl der eingewanderten jüdischen Handwerker eminent groß. Zahlreiche jüdische Handarbeiter finden sich in der Türkei, z. B. Hafenarbeiter, Lastträger, Bootsleute, Handwerker. In Arabien sind die Juden Waffenschmiede lind vor allem Landarbeiter idie Jemeniten). Das; übrigens auch Deutschland viele jüdische Handwerker besitzt, beweist die Volkszählung von 1907. Es gibt in Deutschland im Gewerbe zirka 40000 Jllden, von denen etwa 17000 selbständig, 53l)0 Beamte und 15.500 Gehilfen und Arbeiter sind. Mit Angehörigen gehören deru dcritfchen Gewerbe etwa 100000 Personen an. Landwirtschaftlich tätig sind Jllden namentlich in Oesterreich-Ungarn, Palästina und Argentinien. In Oesterreich-Ungarn ist etwa ein Viertel der Jllden in der Landwirtschaft. In Galizien speziell sind es 17 Prozent der jüdischen Bevölkerung, ihnen gehört etlva 10 Prozent des "Bodens. In Rusitand sind trotz der ungüllstigen rechtlichen Bestimmungen 3,8 Prvzellt der Jllden irr der Landwirtschaft. In Palästina gibt es etrva 7000 jüdische Bauern, mit Familie 20(XX) Personen, in Argentinien 15 7iX) Personen. Auch in hochkapitalistischen Ländern rvenden sich die Juden, wenn der Handel übersetzt ist, überall rojeder der Handarbeit zll. Soz. B. in Amsterdanl. Hier sind die Juden zum größten Teile Dialnantschleifer, darin Drvschken- Ultscher, Dienstlnänner usrv. sombarts Behailglllttg, die Juden hätten eigentlich nie körperliche Arbeit verrichtet, ist falsch. Die angeführten Beispiele genügen: Altes Palästilla, mittelalterliches Spanien, Sizilien, Polen, ill der Neuzeit Rußland, Amsterdaut, London, Ätelv-^)ork, Palästina. Die modernen Ghetti von Kiew, Lodz, Warschau, Alnsterdam, London und Nerv-Aork sind eine eigentttulliche Beleuchtung für Svlllbarts Behauptung deS svrtlaufeilden Reichtums der Juden „von Salomo bis Bleichröder und Barnato". Belorv meint, nach Sombarts Hypothese müßte Warschau der Gipfelpunkt des modernen Kapitalisrnus sein. Bromberg, Posen, Gleiwitz lmd Belithen, irr denen die Jllden bis zu einem Viertel des Gesamtsteuerertrages beteiligt sind, müßten in der Entwicklung des Handels die Städte Barmen, Düsseldorf, Krefeld, Gelsenkirchen llnd Kiel bei weiteltt übertreffell, wo sich verschivindende RUnderheiten von Juden mit entsprechend geringen Verlttögenstnengen befinden. Ueberhallpt müßte der Osten Deutschlands dem Westen und Süden vorarrgeeilt fein. Diesem Einlvurf Belows kann allerdings nicht ganz zugestinullt werden. Denn auch Sourbart sagt nirgends, daß die Juden trotz aller widrigen Umstände, die in der geographischen Lage eines Landes oder in der Natur der lnllgebenden Völker liegen, das Wirtschaftsleben durchaus zur Blüte bringen, daß sie also die einzige und dabei ttllbedingt ivirksame Vvrallssetzllng der wirtschaftlichen Blüte feien. IV. Kritik der bisherigen Theorien. Zinn Schluß seien die bisherigen Theorien über die Entstehung des kapitalistischen Wirtschastsgeistes einer kurzell Kritik uuterlvvrsen, die sich allerdings aus dem Borgehenden zumeist von selbst ergibt. Die Ausführungen Sombarts im „Modernen Kapitalismus" dürften im großen und gauzcn als richtig auzllsehen sein. Die Rolle des mittelalterlichen Großhandels ist zwar, entsprechend der svllstigen Svmbartschen Theorie über die Anfänge des lnodernen Kapitalismus, nicht genügend geivttrdigt ,vordem Doch silld die Ansichten Sombarts als Gnindlage zur Lösung des Problems zll betrachten. Die Ansicht Max Webers, daß die kapitalistische Gesinliung in den kalvinistischen Sekten entstanden sei, kann dagegen nicht als durchschlagend erachtet lverdcn, lvenu auch eine Förderung der kapitalistischen Disposition der Angelsachserl durch die kalvinistischen Sekten liicht zu bestreiten sind. Aber die Berussidee und der kapitalistische Geist sind viel älter. Die Berufsidee finden wir beim jüdischen Handlverk im Altertum, beim deutschen, (und svllstigen nordalpinen) Handwerk im Mittelaller. Die kapitalistische Gesinnung finden lvir seit Urzeiten bei vorderasiatischen und nlediterrailell Völkern (im Attertuul Babylonier, Phönizier, Griechen,Römer, Syrer; im Mittelalter Araber, Italiener, Südfranzosen). Nicht erst Jakob Fugger lvvllte ver-