KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1912-1913
- Issue
- Heft 6 (1.3.1913)
- Date
- 1913-03-01
- Page
- Seite 135 (sequence 19)
- Language
- German
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sich aus den wohlhabenderen Schichten rekrutieren, für sich selbst den energievollen Zwang der K'orporationSerziehnng wieder in den Vordergrund zil stellen. Denn es ist nicht zu verkennen, der wirtschaftliche Aufschlvimq, den in den lebten Jahrzehnten unser deutsches Vaterland genommen, hat in der Erziehung der Heranwachsenden Generation seine Schattenseiten gezeitigt. Ein typisches Bild dieser Entwicklung gibt uns besonders ein Bergleich der ökonomischen Sitnation der deutschen Juden von heute mit ihrer Lage vor NO-40 Jahren etwa. Die Knappheit der damaligen Lebenshaltung hat einer unverkennbaren Steigerung der Lebensbedürsnisse und der Möglichkeit ihrer reichen, vielseitigen Befriedigung Platz gemacht. Auf die Lebenshaltung der Heranwachsenden iibertragen, bedeutet das eine bedenkliche Verwöhnung der jungen Generation. Alle Wünsche, sofern sie nicht gar zu unvernünftig sind, werden möglichst rasch in Erfüllung gebracht. Die unausbleibliche Konsequenz dieser Erscheinung must die Erschlaffung deS Willens seiltdenn eilt untrügliches Gesetz besagt: „Die Hemmung ist des Willens bester Freund." Wie das Vorhandensein sehr vieler, sogenannt unverstandener, in Wahrheit innerlich und dann auch äußerlich haltloser Existenzen, leider nicht zum »venigsten in den Kreisen jüdischer Akadetniker beweist, verkümmert eben der Wille, wenn dein Begehrelt kaum eine Schranke gesetzt wird. Darum ist mit vollem Recht von den Bolkserziehern unserer Tage, allen voran von Fr. W. Fverster Willensbildung als erstes Erfordernis mit nachdrücklichster Betonung hingestellt worden. Für die Seibsterziehnng des jungen Studenten — ich denke auch hier vor allein an den Inden — kann es dann» kein besseres Mittel geben, jeite Erschlaffung zu unterdrücken oder ihr vorznbeugen, als der Eintritt in eine straff geleitete Korporation. Dieser freigewählte Zlvang entspringt und entspricht grade de»t Verlangen der eigenen Individualität, ohne diese zur Verstiegenheit des Eigensinns, d. i. zuut Jndividnalitätsdünkel zu führen. Wenn so das Hochschulstudium die Kräfte deS Intellekts, und wenn die Romantik deS deutschen StudentenlebenS, wie cs mit Lied und Lust und forschem Burschentum, mit Freundschaft und jugendsroher Schlvärmerei nur die Zugehörigkeit zur Verbindung gewähren kann, die Werte des Gefühls steigert und 51t diesen beiden im Bunde, sich die Stärkung des Willens hinzugesellt, dann ist in dieser gleichmäßigen Kräftigung aller seelischen Faktoren das Fundament zur harmonischen Ausgestaltung der eigenen Persönlichkeit gegeben. Nun ist nicht zrl leugnen, daß viele Korporationen, deren Existenz sich auf einem System ausbaut, das den geschilderten Forderungen entsprechen ntag, einer Verflachung anheimgefallen sind. Woran das wohl liegen mag? Die Bekämpfung des Jndividnalitätsdünkels, der in der Renommisterei auch gerade manches Korporationsstudenten seine absonderlichen Blüten treibt, muß tiefer greifen. Es muß dem Einzelnen auch dieWirklichkeitötatsache vor Augen geführt werden, daß sein Selbst in wesentlichen Momenten dasProdukt.einer gegebenen historischen Vergangenheit ist, eine Erkenntnis, die an sich geeignet ist, dem auch nur eil! wenig tiefer empfindenden Brenschen innere Bescheidenheit aufzuerlegen. Es ist darum kein Zufall, daß die verschiedenen Korpvrationsverbände, eben »veil sie ihre Mitglieder, bewußt oder unbewußi, mit kraftvoller PersönlichkeitSfnltur auSstatteu wollten, sich in den Strom geschichtlichen Lebens hineinges»llt und sich von dort her diese oder jene oM>s;e Idee geholt haben, die dem Leben undW>eben der Korporation Richtung und Ziel Mben sollte. Manch einer von diesen Verbänden — ich erinnnre nur an die Geschichte der deutschen Burschenschaft und ihr patriotisches Streben nach der Einigung des zerrissenen deutschen Vaterlandeshat es erleben müssen, daß die Idee, für die sie gekämpft, von den Ereignissen überholt worden ist und nicht mehr das Leben in sich birgt, das nur ans einem sehnsüchtigen Verlangen nach Erfüllung hervorquellen kann. Die Besonderheit des K. E. ist es, daß er den Rechtsgedanken auf sein Panier geschrieben hat. Das hat der K. E. getan aus der geschichtlichen Notwendigkeit des Gegenwartskampses heraus, mit dem der jüdische Student besaßt wurde, wie in inniger Uebereinstimmung mit der historischen Vergangenheit seiner Mitglieder. Wenn die Gemeinsamkeit der unendlich bedeutungsvollen jüdischen Geschichte die K. C.er äußerlich miteinander verbindet, so sind sie innerlich zusammengehalten durch ihre allzeit bereite Hingabe an die dieser Geschichte zugrunde liegende hehre Idee des Rechts. Mit diesem großen Elvigkeitsgedanken und seinen Forderungen sind unsere Altvorderen vor mehr als drei Jahrtausenden ans den Plan getreten. Aktiv tätig und passiv duldend ist der Jude innner der energievolle Vertreter der Recbtsidee gewesen und geblieben. Sie hat der K. E. nusgegriffen. Und so hat auch er seine Angehörigen hineingestellt in den mächtig pulsierenden Strom geschichtlichen Lebens. Doch nicht genug damit. Wer sich immer einer Idee dienend widmet, wird herallsgehoben über die Gefahr der Verflachung, und wer sich gar einem Elvigkeitsgedanken hingibt, gewinnt damit zugleich ein kerniges Zentrum feiner gesamten Lebensanschauung. Dieses Glück ward dem 5k. C.er beschieden. Freilich ist es kein Glück im beschaulich-behaglichen Sinne dieses Wortes. Wenn der griechische Tragiker gesagt hat: „Nichts zu denken ist das grüßte Glück des Lebens",