KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1912-1913
- Issue
- Heft 6 (1.3.1913)
- Date
- 1913-03-01
- Page
- Seite 130 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2268830-2268832-2268839--0758-2269972- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
akademischen Kreisen, zum Teil auch bei den CvrpS und Burschenschaften, vorhandenen antisemitischen Gesinnung die Erscheinung, daß eine relativ grafte Anzahl russischer Juden Deutschlands Hochschulen besucht, eine große Mißstimmung erzeugte, ist begreiflich. Ihnen konnten die Mißstände, welche sich tatsächlich herauSgebildet halten und die oben in ihren Hauptpunkten gekennzeichnet wurden, nur willkommenes Material für ihre Zwecke sein. Die berechtigten Forderungen zur Beseitigung dieser Miß. stände wußten sich naturgemäß zum Teile mit den Forderungen, welche aus antisemitischer Tendenz entprimgen waren, decken. Sv konnte antisemitische Politik mit zum Teile berechtigten Forderungen verfolgt werden. Gerade die Berechtigung einzelner Forderungen brachte Verwirrung und Unklarheit in die Studentenschaft, von der auch jüdische Studenten und — es sei hier gar kein Hehl daraus gemacht — auch einzelne Angehörige des K. C. nicht verschont blieben. Es ist sicherlich ein großer Teil der Studentenschaft, der lediglich aus den oben erwähnten objektiven Gründen, vielleicht auch mitbestimmt von der Abneigung gegen Slawen, jedoch frei von Antisemitismus die Bewegung gegen die Ausländer mitmacht. Diesem Teile der Studentenschaft gehören auch — denn es liegt kein Grund vor, att ihren Erklärtingen zu zweifeln — die Leiter und Redner verschiedener Studenten-, versantmlungen an, tvelche immer wieder betont haben, daß es sich bei der Bewegung gegen die Ausländer nicht um konfessionelle oder antisemitische Tendenzen handelt. Hätten die Angehörigen des deutsch-völkischen Studentcnverbandes und des Vereins deutscher Studenten o er andere ihnen gleichgesinnte Studenten von Anfang an in Versammlungen das klar zum Ausdruck gebracht, was sie in ihren, von der großen Masse der Studentenschaft nicht beständig verfolgten Zeitschriften niedergelegt haben, so wäre alsbald Klarheit in der Studentenschaft in der AuSländcrfrage gewonnen worden und es hätten die berechtigten Forderungen von den lediglich oder in der Hauptsache aus antisemitischen Gründen verfolgten Forderung geschieden werden können. Sv aber sind die derzeit der Entscheidung unterstehenden Forderung ein Gemenge von berechtigten und solchen, die letzten Endes antisemitischer Gesinnung entsprungen sind. Bei gerechter Beurteilung der Bewegung gerade nach ihrer antisemitischen Seite hin, darf jedoch nicht verkannt werden, daß ein Teil der Russen unseren Begriffen über äußere Kultur — zur Erkennung der inneren Werte wird den deutschen L Studenten ja nicht oder nur selten Gelegenheit gegeben sein — nicht entspricht. Auf der anderen Seite darf aber auch nicht vergessen werden, daß auch die südrussischen Juden in ihrer.Kultur nicht zurtickstehen hinter der.Kultur der sie umgebenden andersgläubigen Bevölkerung. Es darf weiter nicht außer Acht gelassen werden, daß die russische kulturwidrige Verwaltung für den.Kulturzustand dieser Untertanen verantwortlich zu machen ist. Der Gedanke, daß die mit unserer Anschauung nicht im Einklang stehende Kultur dieser Ausländer die einheimische Kultur schädlich beeinstufsen könnte, ist schlechtweg von der Hand zu weisen. Es hieße gering denken von deutscher Kultur, wollte man annehmen, daß ein so kleines Häuslein Ausländer sie irgendwie beeinflussen könnte. Nur wenn eine solche Gefahr vorläge, würde sich aber eine Maßregel rechtfertigen lassen, die diese Ausländer sernhalten sollte. So aber muß unsere eigene Kultur und Humanität eher dahin führen, die zum Lichte Strebenden zu unterstützen. Wir haben soviel Glauben an der Menschheit und Vertrauen auf die deutsche Studentenschaft, daß sie bei voller Kenntnis der Verhältnisse diese tinglttcklichen Fremden nicht wieder in das Reich der Finsternis zurückstößt. Diesen Glauben haben wir von allen, die die Fremden nicht schon deshalb hassen, weil sie Juden sind. Ein solcher Haß besteht aber in dem Kreise der antisemitisch gesinnten Studenten und er erhellt ganz deutlich aus der Art und Weise, wie von diesem Teile der Studentenschaft die Ausländerfrage betrachtet und sowohl in ihrer eigenen Presse als auch in de», dieser Richtung nahestehenden Tageszeitungen besprochen wurde. Es wurde nicht nur der bekannte Hetzartikel der Rossija, der konstatierte, daß inan in Rußland ganz genau wisse, daß die Bewegung nicht antirussisch, sondern antisemitisch sei, und der von den russischen Juden als von „einer unkulturellen, zügellosen Horde, die im Auslände unter dem Namen Russen geht", spricht, mit einer freudigen Genugtuung ausgenommen und verbreitet, es wurde auch die Sprache dieses Artikels weitergeführt. Es entstand so die Bezeichnung der „minderwertigen Elemente" und der „sog. Russen" für russische Juden überhaupt. In der Staarsbürgerzeitung wurde offen ausgesprochen, daß die ganze studentische Bewegung sich nur gegen „bestimmte" Ausländer, die in „Rußland geborenen Leute", gegen die „russischen Staatsbürger jüdischen (Glaubens" richtet. Ebenso ließen die Leipziger Neuesten Nachrichten, welche sich in einem gehässigen Artikel über den „prinzipiellen Kamps" gegen „nünderwertige Elemente des Auslands" ausließen und dabei die Namen „Mandelstamm und Silberfarb" mehrmals zu nennen sich nicht versagen konnten.