Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1913-03-01 · Heft 6 (1.3.1913) · p. Seite 127

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1912-1913
Issue
Heft 6 (1.3.1913)
Date
1913-03-01
Page
Seite 127 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2268830-2268832-2268839--0755-2269969
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Hochschulen haben an der Gesamtzahl der Ausländer die Nüssen einen erheblichen Anteil. Darüber, das; wiederum an der Zahl der Russen die Juden erheblich beteiligt sind, fehlen statistische Unterlagen. Es dürste anzunehmen sein, dast an den Technischen Hochschulen die russischen Inden bei weitem nicht in dem Verhältnis vertreten sind wie an den Universitäten in der medizinischen Fakultät, da die Aussicht im Heimatland eine Riederlaffungs- und Existenz- Möglichkeit zu erlangen, für jüdische Techniker in viel geringeremMastebesteht, wie sürMediziner. Die vorstehenden Ausführungen und Zahlenbelege können keine Zweisel darüber lassen, daß die Ans länderfrage an den Universitäten und Technischen Hochschulen, wenn auch nicht ausschließlich, so doch in hervorragendem Maße sich als Rufsensrage darstellt, wie dies in studentischeu Versammlungen, in studentischen Zeitschriften und der Tagespresse auch wiederholt ausgesprochen wnrde. Des Engeren ist sodann, hauptsächlich an den Universitäten, die Russensrage zu einem guten Teil als Jude »frage zu erachten, »nenn auch nicht, wie es in der antisemitischen Presse einerseits und in zionistischen Zeitungen andererseits in übertriebener Weife zu geschehen pflegt, die Rufsensrage nur als In den frage angesehen werden darf. 2. Die Tatsache, daß Ausländer, insbesondere Russen, auf den Universitäten an der medizimschen Fakultät und aus den Technischen Hochschulen, und zwar besonders stark, an bestimmten Hochschulpläpen vertreten sind, würde vielleicht eine Bewegung gegen die Ausländer nicht zur Auslösung gebracht haben, wenn es sich nicht gerade um Disziplinen handeln würde, bet welchen die Ausnahine des Lehrstosses nicht — wie das bei der Jurisprudenz, Philosophie rc. der Fall ist — ui der Hauptsache durch das Hören voll Borlesullgeu erfolgen würde. An den Techlliken und in der Medizin handelt es sich aber um Lehrfächer, bei welchen das Sehen und Ueben am Objekt eine außerordentliche Rolle spielt und bei tvelchen demgemäß die Unterrichtssorm und die Art der Teilnahme des Studellten am Unterricht es n,lt sich bringt, daß die Platzfrage, die Möglichkeit zu sehen und zu üben, in den Vordergrund tritt. Es ist finanziell sowohl vom Standpunkt des Staates, als der Studierenden nicht durchführbar, für jeden Studenten die gleiche Möglichkeit, zu sehen und zu üben, zu. schaffen. Wie die Verhältnisse liegen ist der Student in seiner AusbildungSmöglichkeit im Vorteil, der den besten Platz zu sehen, und die beste Möglichkeit zu üben hat. Hier macht sich nun der starke Anteil der ausländischen Studenten den einheimischen gegenüber empfindlich bemerkbar. Wenn es auch den Ausländern von ihrem Standpunkte aus nicht verübelt iverden kann, für sich die beste Möglichkeit zur Ausbildung, d. h. möglichst gute Plätze zu. erlangen, so liegt doch andererseits eine gewisse Bevorzugung der Ausländer darin, dast denselben die gleiche Möglichkeit überhaupt offen steht. Denn der Aufwand speziell in den hier in Frage stehenden Disziplinen wird bei weitem nicht durch die Kolleggelder gedeckt, vielmehr haben die Bundesstaaten für ihre Universitäten einen bedeutenden -Zuschuß zu leisten und Hiewegen die Steuerkrast ihrer Staatsangehörigen in Anspruch zu nehmen. (In Preußen soll der Zuschuß für jeden Universitätsstudenten über 700 Mk., sür den Studenten an der Technischelt Hochschule noch mehr, itt Bagern ungefähr 2000 Mk. betragen.) DaS Ausland, dessen Angehörige dein, Besuch der Hochschule« nur die geringe» Kolleggelder und höchstens die bisher sehr niedrig bemessenen Ausländergebühren (an den Techirischen Hochschulen 50 Mk.) zu bezahlen haben, ist auch nicht amrähernd an der Kostelwusbringung beteiligt. — Die Platzfrage wird dadurch noch empfindlicher, dast der Einheimische einen mehr oder minder fest vorgeschriebenen Studienplan hat, dast er bestimmte Vorbedingungen für staatliche Prüfungen (Vorexamen. Prakükantenscheine) zu erfüllen hat und dast die Konkurrenz der Ausländer die Erfüllung dieser Bedingungen und damit die Ausbildung der Inländer in ihrem Studiengange erschwert. 3. Eine weitere objektive Ursache für das Entstehen der Ausländerfrage ist darin zu suchen, dast die Hochschulen die Teilnahme an gewissen höheren Unterrichtskursen und llebungen bei den deutschen Studenten von der Erfüllung gewisser Vorbedingungen abhängig machen, Ausländer aber ohne Erfüllung dieser Bedingungen teilnehmen konnten. Hier steht im Vordergrund des Interesses die Frage des Physikums. Die von der Hallenser Klinikerschnst aufgestellte Forderung, dast die Vorschrift, wonach das Praktizierelt von bestandener ärztlicher Vorprüfung abhängig ist, auch für Ausländer angewend'et iverden soll, berührt eine zweifellos bisher zu Gunsten der Ausländer bestandenen Bevorzugung. Die Vorbedingung der Ablegung des Physikums oder eines gleichwertigen Examens zum Besuche von Kliniken hat ihre Berechtigung nicht nur darin, dast die klinische Tätigkeit gewisse Vorkenntniffe vorausfetzt, sondern insbesondere auch darin, dast den klinischen Studenten die Plätze nicht weggenommen werden. Der deutsche junge Mediziner must sich dieser Vorschrift fügen, der Ausländer genoß eia Vorrecht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.