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KC-Blätter · 1913-03-01 · Heft 6 (1.3.1913) · p. Seite 124

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Journal
KC-Blätter
Volume
1912-1913
Issue
Heft 6 (1.3.1913)
Date
1913-03-01
Page
Seite 124 (sequence 8)
Language
German
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124! I r .s! f j russischen Provinzen dürfen sich Juden nur anshalten, wenn sie privilegierten Klassen angehören. Der Besitz akademischer Würden verleiht ein solches Privileg. Die in dem Ansiedelungsrapon entstandene llebervölkerung und die dadurch bedingte Erschwerung der LebenSexistenz einerseits, der den Juden aller Staaten innewohnende Drang nach Bildung und wirtschaftlicher Entwicklung andererseits drängt begreiflicherweise die jüdische Jugend heraus auS dem Ghetto. Die Hoffnung, durch den Besitz akademischer Würden die Möglichkeit der freien Niederlassung und Betätigung, die Möglichkeit eines menschenwürdigen Daseins und eilten Anteil all dem kulturellen und wirtschaftlichen Fortschritte zu erlangen, bildet den Anreiz, weShalb die jüdische Jugend in Rußland in großer Zahl das akademische Studium ergreift. Doch die innere Politik der russischen Regierullg, die der Aufklärung ltnd geistigen Hebung des Volkes und insbesondere der jüdischen Untertanen durchaus feindlich gegenübersteht, hat durch VermaltungSvorschristen für die jüdische Jugend in Rußland die Erlangung akademischer Würden und dadurch die Oeffnung des Weges ins Freie außerordentlich erschwert. Schon zum Studium auf dem Gnmunsillm werden Juden nur in beschränkter Weise zugelassen. Die Psvrteil der russischen Hochschltleu sind für alle verschlossen, die nicht eine hervorragende Note (Medaille) erringen; außerdem besteht die bekannte „Prozentnorm", nach welcher Inden an den Universitäten nur in einer Zahl von 3—10% Zulassung finden. Durch diese Maßnahmen ist das Gros der jüdischen Iugelld in Rußland direkt darauf angewiesen, seine akademische Ausbildung im Auslande zu erwerben, um dadurch die mit dem Besitze akademischer Würden zusammenhängenden Vorteile iln Inlande erreichen zu können. Sv ist die grosse Zahl von Russen auf deutschen Universitäten und insbesondere von russischen Jndell leicht erklärlich. Dafür, wie hoch sich der Anteil der russischen Studenten jüdischen Glaubens an der Gesamtzahl der russischen Studenten stellt, fehlt zuverlässiges Material. Wenn es auch sicher übertrieben ist, wie die Staatsbürgerzeitung vom 20. Dezember 1912 angab, das; mindestens 80% der Russen Juden seien, und noch mehr übertrieben, wenn die jüdische Rundschau vom 10. Januar 1913 behauptet, das; mindestens 95% der in Betracht kommenden Ausländer Juden seien, so dürfte immerhin die in dem Artikel von Mehrings: Die Unzuträglichkeiten zwischen deutschen und slavischen Studierenden an den deutschen Hochschulen (München-Augsburger- Abendzeitung vom 15. Januar 1913 Nr. 14) angenommene Zahl von 65—70% das Richtige treffen. — Im engen Zusammenhang mit der Gliederung der ausländischen Studenten nach Staatsangehörigkeit und mit der überwiegenden Beteiligungsziffer der russischen Studenten und unter ihnen der jüdischen steht die Gliederung der ausländischen Studenten nach Fakultäten. Es ist naturgemäs;, das; die Frequenz der Ausländer sich in den Disziplinen am höchsten stellt, bereit Gegenstand sozusagen am meisten international und deren AusübungSweise im praktischen Leben am wenigsten von territorialen Schranken abhängig ist. Es ist daher — ganz abgesehen von der in aller, Staaten zu kon statierenden großen Zunahme der Medizinstudierenden — ohne weiteres erklärlich, das; das Hallptkontingent der ausländischen Studenten der medizinischen Fakultät angehört. Nach einer Zusammenstellung der Frankfurter Zeitung vom 15. Januar 1913 verteilen sich im gegenwärtigen Semester die Ausländer aus die einzelnen Fakultäten wie folgt: Medizin.. . 2276 Philosophie, Philologie und Geschichte . 980 Mathematik und Naturwifsenschasten. Kameralia und Landwirtschaft . . . Rechtswissenschaft . .. Theologie. Forstwissenschaft. Pharmazie.. Zahnheilkunde. Den 2276 ausländischen Medizinern stehen nach einer statistischen Zusammenstellung der Münchener medizinischen Wochenschrift Nr.4 vom 23. Januar 1913 11636 Neichsangehörige Mediziner gegenüber. Bon der Gesamtzahl zu 13912 treffen aus ausländische Mediziner sohin 16,24%, also ungefähr das Doppelte, als der Prozentsatz ausländischer Stlldeuten überhaupt gegenüber der Gesamtzahl der Studenten beträgt. An der Zahl der ausländischen Mediziner »vürden nun die Ruffen und unter ihnen die Juden schon einen großen Anteil einnehmen, wenn sich die medizinstudierenden Ausländer nur verhältnismässig gleichheitlich aus die verschiedenen Auslandsstaaten verteilen würden. Durch die besonderen Verhältnisse in Rußland wird aber dieser Anteil noch bedeutend vergrößert. Zunächst bildet der allgemeine Aerztemangel in dem großen russischen Reich einen Anreiz zur Wahl des medizinischen Studiums. Sodann ist besonders der große Teil der jüdischen Jugend, um die aus den oben geschilderten «Gründen vielbegehrten akademischen Würden zu erlangen, auf die Ergreifung des medizinischen Studiums angewiesen. Für die jüdische Jugend ist, da ihr die Beamtenstellen gänzlich, die Anwaltschaft soviel als verschlossen ist, der Eriverb der medizinischen Doktor, würde im Auslande der einzige Weg, um das 566 645 488 187 22 17 15

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