Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1913-01-01 · Heft 4 (1.1.1913) · p. Seite 92

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1912-1913
Issue
Heft 4 (1.1.1913)
Date
1913-01-01
Page
Seite 92 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2268830-2268832-2268837--0709-2269921
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

92 wahres Verständnis in der Auffassung - und Wiedergabe der Rolle dokumentierte, wird hier zur grotesken Uebertreibuug und Unwahrheit. Denn der Zweck derartiger Darbietungen ist oft nicht die Förderung der Kunst, sondern ausschiiestlich die Füllung der Theaterkasse! Die .Folge ist, das; gerade diese kleineren Bühnen Stücken, denen an sich gar keine antisemitische Tendenz zukommt, dadurch einen antifcniitifdjcu Charakter geben, das; sie. die dargestellten Personell zn Karikaturen madf)cn. Zum Beweise darf ich vielleicht das Röstlersche Lustspiel „Die fünf Frankfurter" ansühreu. Man findet, das; eben in diesem Stücke an jenen kleinen Theatern aus den grasten, selbstbewllstten jüdischen Kaufleutell, »vie sie der Dichter vor Augen hatte, armselige, niedrige Schacherjudeir lverden, eine Absicht, die dem Verfasser des Lustspiels vollständig fern gelegen hat und die dem Stück jeden künstlerischen Wert raubt. Aber das Publikum soll sich unterhalten, und deshalb wird ihm in möglichst drastischer Weise und dementsprechender Aufmachung ein karikiertes jüdisches Milieu vorgefübrt. Zlir Erreichung diesem Zieles schellt umn kein Mittel. An diesen „Stätten der Slunft" wird daher oft an Verdrehung, an Uebertreibung, an direkt mnvahren und erfundenen Dingen Unglaubliches geleistet. Einen gelvissen Zllg zur Uebertreibung ist man ja schliestlich an jeder Bühne lliehr oder weniger gewohnt, aber wenn diese Sllcht sich zum Unmöglichen auSwnchst, dann rvendet mall sich voller Ekel ab. In noch höherem Maste gilt das besagte von jener andereli Art des Theaters, die in gewisser Beziehung schon lliehr den Uebergang zmn Bariütö bilden. T^aS sind die Bergnügungslokale — dereil Grundtppus dasHerrnseldtheater in^lerlin bildetin denen Abend für Abend ausschliestlich „jüdische" Pvssell llnd Schlvällke zllr Allssührlmg gelangen. Die Minderwertigkeit des Personals an diesen Bühnen bringt eS naturgemäst mit sich, das; hier die Darstellung noch viel weniger der Wahrheit entspricht. Alles ist nlir auf den änsteren Effekt zugeschnitterl. Rach Veranschaulichung der jüdischen Gebräuche und Eigerlschasten nach innerer Tiefe und Wahrbeit sucht nran hier vergebens! Das Publikum soll sich amüsierenob das auf Kosten des Ansehens der Iudenheit geschieht, ist den Direktoren recht gleichgiiltig. Welches Publikuni füllt nun diese „jüdischen" Theater? Recht häufig gerade Juden! beider! — denn sie sollten sich doch bewusst sein, wie lächerlich sie selbst .und das ganze Judentum durch solche Darbietungen gemacht werden. Und unsere nichtjüdischen Mitbürger? — Sie lachen über daS, lvas ihnen geboten wird, ohne vielleicht im Augenblick den' Grund dieser Fröhlichkeit zu wissen und zu begreifen, wohl auch in dem erhebellden Gefühl der Ucberlegenheit, in dem Beivllsttsein, so viel bessere Menschen zll sein als jene Karikaturen ans der Bühne. Doch neben dieser Freude nelpnen sie auch Verachtung, zum mindesten eine Abneigung in sich auf gegen die, deren Wesen ihnen uns „den Brettern, die die Welt bedeuten" vor Angen geführt wird, die sie auf die Allgemeinheit der Juden übertragen. Manches alte, fast überwundene Vorurteil gegen die Juden rvird dadrrrch wieder von neuern angefacht, und das ist das Verhängnisvolle rrrrd Verderbliche dieser Theater und Etablissements. Deshalb erscheint die Bekämpfung derartiger „Pslegestätterr der Krrnst" so überaus wichtig und bedeutungsvoll. DaS nichtjüdische Publikum von dem Widersinn nrrd der Urrechtheit des in diesen „jüdischen" Theatern Gebotenen zrr überzeugen, dürfte nur schrver gelingen. Doch der jüdische Zuhörer sollte sich klar nrachen, das; er hier ein Unternehmen begünstigt, das jedenr jüdischerr Interesse zuwiderlanft rrnd nrrr geeignet ist, den AntisemnismuS auch von der Bühne herab zu fördern. Und deshalb sollte gerade von jüdischer Seite gegen derartige entstellende Ausführungen energisch Front gernacht werden und ihr Besuch unterbleiben. Auch könnte man sich einen Erfolg versprechen, tvenn es gelänge — vor allem in den Theatern, in denen Stücke jüdischen Milieus und durchaus seriösen Inhalts aufgesührt werden, »vo aber das Bestreben herrscht,' zur Erzielung einer Komik die betreffenden Personen zu Karikattlren zu machen —, die darstellenden Künstler und die Leiter über die falsche Auffassung ihrer st!ollen und über den Schaden, den sie dem Judentnnt zllsügen, aufzuklärelt. Man sollte annehmen, das; dies erreichbar sein müsste, da eine sehr groste Zahl der Akteure Inden sind. Man müsste ferner durch die Presse nufflnrenb zu wirken suchen, einerseits um die Theaterleiter zu einer Aenderung ihrer Darstellungen zu veranlassen, anderseits unk die Wirkung auf das Publikum abzuschwächen,' gerade hiervon wäre sicher manch gutes Resultat zu erivarten. Der Erreichung des von uns angestrebtelk Zieles werden sich allerdings sowohl in dem Verhalten der Schauspieler als auch in dem deS Publikums, und vor allem des jüdischen, manche Schwierigkeiten in den Weg stellen. Einer anSdauernden Arbeit rvird aber auch hier der Erfolg nicht versagt bleiben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.