KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1912-1913
- Issue
- Heft 4 (1.1.1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2268830-2268832-2268837--0707-2269919- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
AIS Beweis für diese ungeheuerliche Behauptung bringt Chamberlain lediglich die Tatsache vor, daß Renan nach 28 Jahren seine Ansicht gewechselt habe, derselbe Chamberlain, der — wie ich oben zeigte — in demselben Buch in einem Abstand von nur zwei Seiten so grurrdverschiedene Urteile über Birchow vorträgt. Das Beste ist dabei, das; Chamberlain Renan, den er doch als einen bestochenen Schuft hinstellt, häufiger zitiert als die «»eisten übrigen Schriftsteller. Wenn seine Anschalumg ihm gelegen kommt, dann sucht er die Bedeutung seiner Autorität noch durch die Worte zu heben: „kein geringerer als Crnest Renan" iS. 380) und auf S. 354, wo er von Werken über die jüdische. Geschichte spricht, zählt er gar NenanS „Histoire du pouple «risraöl“ zu den „bedeutendsten rind zuverlässigsten Büchern, von wahren Gelehrten geschrieben". Mmm es da noch Wunder nehmen, wenn er die Bedeutung der 1847 im vereinigten Landtage gehaltenen Rede des 32jährigen Bismarck gegen die Judenemanzipation durch eine Berdüchtigung des alten Bismarck zu erhöhen sucht? Cs ist ja den Antisenliten sehr unangenehm, dast Bismarck den Antisemitismus, zn dem er sich in seiner Jugend bekannt hatte, im reiferen Alter so gründlich abgestreist hatte. Cha»nberlain zitiert nun nicht etlva eine der zahlreichen judenfre»u»dlichen Aensternngen Bismarcks,sondern gerade nur die antisemitische, und sucht ihre Bedeutung noch durch die Worte zu verstärken: „als er sBismarck) noch offen reden durste", insinuiert also einfach Bismarck, dast er es später nicht »»»ehr gewagt habe, frei seine Meinung knudzutun, ja, dast er seine Juden» sreundlichkeit geheuchelt habe. An derselben Stelle iS. 330) zeigt sich auch die austerordentliche Unzuverlässigkeit seiner ^itierweise. Cr legt ohne die geringste Quellenangabe Mommsen einfach die Worte in den Mund, das Judentum sei eilt „Staat ii»t Staate". Run dürste es ja fast unmöglich seilt, alle Werke Mommsens danach durchzllsllchen, ob sich tatsächlich irgendlvo eine derartige Aellsterullg filldet. Gerade in diesem Falle ist cs aber allgemein bekannt, dast die angeführte Aeusternng nicht von Mommsen, sondern gerade von seine»»» Antipoden Ludwig Stahl-stammt. Hat sich doch Momulsen stets in entgegengesetztem Sinne geäustert, so in seiner Schrift „Auch ein Wort über unser Judentum", S. 6, wo er sagt: „Was heistt das, »venn er jTreitschke) von unfern israelitischen Mitbürgern fordert, sie sollen Deutsche werden? Sie sind es ja, so gut wie er und ich", lllld er bestätigt noch auf S. 9, Aum. 1, dast er seine Meinung irr der Judenfrage seit 30 Jahren nicht geändert habe. Diese Aeusternng Mommsens allzuführen, darall denkt Chamberlain natürlich nicht. Das^nennt^sich^dann „Objektivität"! Attch an einer anderen Stelle zitiert Chamberlain Atonllnsen direkt falsch. Er sucht nachzuweisen, lvelche llngeheurc Gefahr von jeher von den Selliiten der arischen ttultur gedroht hätte. Er schreibt dann S. 137: „Mommsen erzählt (l.tLi) von dem Bündnis zwischen den Babyloniern und den Phöniziern, um Griechenland und Italien zu unterwerfen, nnd meint: „Mit eilten» Lchlagwäre die Freiheit und die Zivilisation von» Angesicht der (SiAe vertilgt geivesen." Schlägt man die Stelle bei Monnnsen nach, dalitl findet man, dast Mommien gar nicht von den „selnitischen" Babytonierlr, sondern von den „arischen" Persern gesprochen hat. Chamberlain vertu lischt das einfach uitb baut auf dieser Fälschung seine schöllen Theorien »ms. Biele andere falsche Zitate lverden Chamberlain solvoh! von H. C. in in seiner Besprechung der „ISUlmdlagen" jerschielicn bei C. Piersons Verlag U>01) als auch von Friedrich Hertz in seinen! vorzüglichen Werk über „Moderne Rassentheorien" nachgewiesen. Ich will hier nur eine Fälschung eines Zitats von Leroy-Beaulien er»vähnen, die so charakteristisch ist, dast ich etioas anssührlither darauf eingehen lvill. Chamberlain schreibt S.4'.»B: ,,^b Vm»t)4U,rtu{ii*ii dies selber ernstlich glaubt, weift ich nicht... Jedenfalls rvurde er viel gelesen und viel zitiert) die meiste»» aber lasen ihn nur bis dahin, wo er dargetan hat.eS gäbe keineJuden; eine lveitere Bemiihltng hielten sie natürlich für überflüssig. Lchade, denn iin folgenden .Uapitel hätten sie eine reizende Vluefbote gesunden, die Oeroij-Nemllien als unlösbares Probten» zum besten gibt: wie närnlich seine Enkelin, eine junge Dame in, vierten Vebensiahr, die also gewist von Rassen und Religion nichts weift, stets und ausnahinölus jämmerlich zu heulen anhebt, sobald irr» .s»rclin «ln t.„x6i»>b»urz; ein Jude oder eine Jüdin in ihre Nähe kommt) urid zrvar sotten die gepflogenen Erhebungen zn der Ueberzeugnng geführt haben, das; dieses an Erfahrung noch so bettelarme kleine 2sesen fuij nie täuscht!" Hierzu bringt Chamberlain die Anmerklmg jS. 408): „In dem a»»S Artikeln der Revue de» deux Monde“ zusammengesetzten Buche ist eS mir nicht gelungen, die Anekdote »> iederzufinden) vielleicht hat sie der Autor inzwischen unterdrückt." H. C. schreibt hierzu: ,,.M ein Wort hiervon ist wahr! Die Unterlage der Chamberlamschen Phantasie bildet augenscheinlich folgende Stelle aus Leroy-Beaulien, die übrigens aus den Artikeln der Uvvuv des deux Mondes rmverändert in das Buch Israel ehe« les nations übergegangen ist: „Pourquoi nejouez vous pas avec cette petite tilleV entendais-je, un jour, au parc Monceau, demander ä des enfants. — Maman, parce qu’clle est juive. De quel röt6, surtout, vient l’exclusivisme aujourd’hai? Dans la plus grande partie de l’Europe il semble raoins venir du juif que du Chretien“. Die Stelle