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KC-Blätter · 1913-01-01 · Heft 4 (1.1.1913) · p. Seite 87

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Journal
KC-Blätter
Volume
1912-1913
Issue
Heft 4 (1.1.1913)
Date
1913-01-01
Page
Seite 87 (sequence 11)
Language
German
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Ijcnintcrijolen, so würden wir eine Tat grenzenloser Feigheit begehen! Vom Standpunkte des geschichtlichen Judentums ans ist der Nationalismus nichts wie ein schnlähliches Strecken alter siegerprobter Waffen vor einem Popanz, vor den Mächten der Dummheit und Bosheit, ein schwächliches Kompromiß. Die Anhänger der nationalen Anschauung nennen deren Gegner Assimilanten. In Wahrheit aber bedeutet gerade der Nationalismus nicht nur die völlige Resignation, sondern eine wirkliche, tiefgehende Assimilation an die Anschauungen der Zeit, eine Assimilation, die dannn besonders verlverslich ist, »veil sie den lvahren eivigen Inhalt des Judentums ausgibt und auf der anderen Seite sich einer ethisch durchaus verwerflichen Lehre widerstandslos an den Hals wirft. Ist schon dieser Eiuflust auf den Inhalt und die Energie der Religion gefährlich genug, so wird er noch lveit übertroffen durch die Einnnrknngen des Nationalismus auf die einzelnen Mitglieder unserer Gemeinschaft. Sobald das nationale Prinzip als Wesen des Judentums erschien, trat das religiöse Moment zurück, und so konnte der Grundsatz entstehen, das; Religion Privatsache sei. Der Nationalismus lässt es theoretisch zu, das; man als Mitglied der jüdischen Ration auch Atheist, Christ öder Mohammedaner sei», könne, imd das; die nationalen Anschanungen destruktiv auf die Beurteilung der Taufe gewirkt haben, daS geben selbst zionistische Blätter für die russische Jugend zu und beklagen es ungemein, ivenn sie auch natürlich eine direkte Schuld dieser Denkweise nicht wahr haben wollen. Praktisch konnnt für uns deutsche Juden begreiflicherweise weniger das „christliche" Judentum als etlvas anderes in Betracht. Der Nationalismus sanktioniert nämlich den durch den Mvllislnns geförderte»! Atheismus, inden, er die Möglichkeit eröffnet, ein guter Jude, dabei aber ungläubig zu sein. Diese.Konzession an den grob materialistischen Zeitgeist macht den Nationalismus, den wir ja auch sonst in unserer Umgebung als ein deutliches Zeichen der Reaktion zu verurteilen gewohnt sind, auch in, Jndentunl zu einem Hort und Bereinigungspunkte aller rückschrittlichen Bestrebungen, und die theoretische Indifferenz gegen die Religion »virkt in der Praxis direkt religionsfeindlich. Noch eine gefährliche praktische Folge bedarf einer kurzen Betrachtung. Der Nationalismus wirkt nämlich nngenlein verivirrend auf unser Verhältnis zum Deutschtum und zum deutschen Vaterlande, sticht als ob es recht märe, den verbreiteren Stal,dpl,nkt zu teilen und in den Nativnaljuden ohne weiteres deutschfeindliche Elemente zu sehen. Wenn unS die Führer der Bewegung die Versicherung geben, daß sie gute deutsche Bürger sind, dann nlüssen und werden lvir ihnen glauben und ihr Streben anerkennen. Beachten mutz man aber, das; wohl die geistig hochstehenden und differenziert deutenden Führer diese Vereinigung in sich zu vollziehen vermögen, das; aber bei den Massen die Wirkung eine ganz alldere ist u,ld das; dort ein merklicher Spalt klafft zwischerr dem Bekenntnis zum.jüdischen Nationalismus und der Begeisterung für das Vaterland. Nüchterne Erfüllung der vorgeschriebenen Bürgerpflichten genügt wahrlich nicht. So sehr »vir Juden un§ a»lch — schon durch die traurigen Erfahrungen unserer Geschichte gewitzigt — von jeden, übertriebenen Hurrapatriotismus fern halten, so sehr lvissen »vir, das; den» Gebote unserer Religion zufolge uns echte und warm empfltndene Liebe mit unserem deutschen Vaterlande verbinden nrntz, das; wir nicht aus kühlem, berechnenden, Pflichtgefühl, sondern aus den, aufrichtigen Wollen unserer Herzen für seine Kultur arbeiten inüssen, die auch die unsere ist. Der Nationalismus vernichtet aber -- ganz gewif; wider seinen Willen — in der Masse diese Begeisterung für deutsche Kultur, inden, er das Zauberbild einer nicht existierenden jüdischen Kultur entwirft, dem die Liebe und die Arbeit gelten sollen, und darin liegt das Geheimnis, lvarunl sich die dentsch-„völkischen" Chauvinisten, die grasten unbewussten Vorbilder unserer Nationalen, so sehr für den jüdischen Nationalismus begeistern. Man lässt die Juden ruhig den Spalt zivischen deutschem und nationaljüdischem Bewusttsein tagtäglich vergröstern, lässt sie ungestört immer weiter in die Falle gehen, um diese daun eines Tages zuzuschlagen, um aus den gesammelten Erfahrungen, die keine Redensarten mehr sein werden, die Dentschfeindlichkeit des Judentums nachzuweisen und dann — aus Tatsachen gestützt — die Aufhebung der Emanzipation zu verlangen. Während das Judentum speziell in Deutschland für seine Freiheit und sein Recht streitet, untergräbt der Nationalismus trotz seiner besten gegenteiligen Absichten in der Praxis den Boden, auf dem dieser.Kampf geführt wird: Die Anerkennung, dast der Jude an Liebe zu seinem Vaterlands hinter keinem anderen Bürger zurücksteht. Alle diese Erwägungen zwingen uns, ebenso wie das soziale und das Trotzjudentum, auch das nationale abzulehnen. Wir erblicken darin ein Zeitgebilde ohne ewigen Wert, einen Verlegenheitsweg vieler, die zwar aller Religion längst entfreindet sind, die aber doch durch den Hatz der Welt an ihre jüdische Abstammung erinnert werden und zll vornehm und ehrlich denken, um in der Zeit der Not ihre Brüder zu verlassen. Nationale Ideale und Strömungen sind nun vergänglich, und wenn die Welt, was sehr wohl

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