KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1912-1913
- Issue
- Heft 4 (1.1.1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 10)
- Language
- German
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86 Nicht aus die Einzelheiten deS Unwerts nationaler Auffassung können wir hier eingehen, nicht auch nnf die praktische.Ausprägung des nationalen Gedankens, den Zionismus. Nur in den großen Zügen seien die Argumente angeführt, lüdcije errveisen, das; das Wesen des Judentums nicht ans nrttiottrtlem Gebiete liegt. Der größte Fehler offenbart sich bereits in der Problemstellung, denn die nationale Betrachtungsweise der Jndenfrage geht praktisch und theoretisch von der Judennot ans. Man braucht nun kein Optimist zu sein und irgendwie an ein Anbrechen besserer Zeiten in absehbarer Frist zu glauben, um doch allzuerkennen, das; das Judenelend nichts darstellt, waS notwendigerlveife mit dem Wesen des Judentums verbunden ist, und so keinen Anspruch daraus hat, aus feine Grundlagen bestimmend einznwirken. Diese Problemstellung ist kleinlich und aus engem Geiste heraus geboren, und sie wie auch die im Nationalismus liegende Lösung silld darum bei objektiver Betrachtung falsch und wertloS, weil sie Binder der Zeit sind und zwar einer anerkannt ethisch schlechten Zeit. DerBersuch zur nationalen Losung der Judenfrage konnte eben nur gedeihen auf dem chauvinistisch durch und durch verseuchten Boden des neunzehnten Jahrhunderts, das ja anscheinend verlernt hat, aus persönliche Tüchtigkeit und ethische Eigenschaften des einzelnen einen Wert zu legen, das den Willen zur Sittlichkeit tlnd zur Tat nicht mehr achtet, sondern Wert und Unwert nur nach der Klassenzugehörigkeit bemißt. Die nationaljüdischen Kreise, die noch so sehr gegen die wahnwivige Ueberhebung eines Chamberlain eifern, spöttelt ihrer selbst, denn sie sind Kinder seines Geistes. Insofern ist auch der jüdische Nationalismus nur bedingt positiv, als die chauvinistischen Anschaltungell der Umgebung, der starke Bvdeil, ans dem er feine Kraft saugt, zugrunde gehen werden und müssen. Und lvenn eö bis zu dem Augenblicke, da die unsinnige nationale Verhetzung wieder schivindet, gelungen fein sollte, einen erheblichen Teil der Judenheit dem religiösen Ideal zu entfremden und mit dem nationalen zu erfüllen, so ist dann die Katastrophe da. Denn wahren Wesen desJudentums ist keine Rechnung getragen worden, und das nationale Ideal muß in sich' zusammenbrechen, da ihln der allgemeine Resonanzboden fehlt! Historische Kurzsichtigkeit, Mangel an Berautwortlmgsgefühl der Gemeinschaft und der Menschheit gegenüber zeichllet jene Richtung aus, die um der mlbestreitbar vorhandenen physischen und pßichischell Judeunot tvillen den Nationalismus für etwas wirklich Wertvolles hält und das Judentum damit beglücken will, die den Maßstab für seilten Wert daher nimlnt, daß er die Meinung der Menge ist! Die Tatsache, daß die Masse einer Anschauung huldigt, ist noch nie ein Berveis für ihre sittliche Richtigkeit gewesen, eher für oas Gegenteil! Sind es solllit auf der einen Seite nur vergä«gliche Zeitverhältnisse, die des Nationalismus Entsteh,nlg und Ausbreitung begünstigt haben, so ist er auch ans der anderen in der Entwicklung der jüdischen Geschichte durch nichts begründet. Wobt bildete einst.im grauen Altertum Israel eine Ration, die nach damaligen staatsrechtlichen Begrifseir mit der Religion identisch lvar. Aber das Verdienst der jüdischen Religion war es ja gerade, daß sie die engen Fesseln der Nation gesprengt hat, und als diese ihren endgültigen Untergaag gefunden hatte vermochte Israel nur darnm zu bestehen, weil es eben als Religion Ewigkeitscharakter besaß. Die gesamte spätere Zeit steht unter diesem Zeichen) nie ist an der Richtigkeit dieser Borgänge ein Zlveisel nnfgetancht, nie war etwas anderes als das Bckellmnis zum Glauben an den einig einzigen Gott ein Merkmal für die Zugehörigkeit znm Jndentmn! Mit der Tanse rvar jegliches Band zerrissen, und erst unserer nationalen Periode ist cs Vorbehalten geblieben, von christlicher rvie auch leider von jüdischer Seite her ben Täufling noch inaner in gewissem Sinne als Mitglied unserer Gemeinschaft zu betrachten. Am schädlichsten erweist sich der Nationalismus in seiner Stellung zur Religion! Sofern sich unter feiner Herrschaft die Religion überhaupt erhaltell kann, wird sie ihres kostbaren Diadenrs, des Universalismus, beraubt und zu der Sonderkonsession eines kleinen Bolkes herabgedrückt. Der Nationalismus kann keinen Weltengott anerkemlen, solldern n,lr den Nativnalgott eines engen Bezirks, dessen ethische Vorschriften llicht allgemeine Geltung haben, sondern die nationalen Fehler llnd Schwächen verdecken oder gar zn Tilgenden nnrivandeln müssen. Der Ra tionalisnins nimmt den, Judentum alles Zukunfts hoffen, jeden echten Messianismus, er vernichtet künstlich alles, was die Propheten und Religionsphilvsvphen des Mittelalters geleistet haben, um das Judentum als universalistische Weltreligion zu erhalten. Es sei gewiß nochmals zugegeben, daß unsere heutige Zeit praktische jüdische Arbeit auf dem Boden der Wirklichkeit verlangt, und lltopistischeu Träumereien nicht gerade günstig ist. Wer ,vill aber leugnen, daß die Grundlagen unserer judenfeindlichen Zeit schlecht und unsittlich silld, und daß großzügige und idealdenkende Menschen praktische, segensreiche Tätigkeit errtloickelll köllnen, ohne darum die Waffen zu strecken rrud ihre Ideale um der Not des Tages willen z,l verlellgnen. Wollten wir, weil die Welt uns nicht Gehör schenken und folgen will, weil das Glück unser Streber, nicht sichtbar begleitet, unser altes Panier des religiösen Universatisrmrs