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KC-Blätter · 1913-01-01 · Heft 4 (1.1.1913) · p. Seite 85

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Journal
KC-Blätter
Volume
1912-1913
Issue
Heft 4 (1.1.1913)
Date
1913-01-01
Page
Seite 85 (sequence 9)
Language
German
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fesselte, denn die Welt versah ihre Abstammung nicht. Die Bekämpfung des Antisemitismus auf der.negativen und das Ringen um Gleichberechtigung auf der anderen Seite ivnrden ein Jiel, dem erfreulicherweise »«nendlich viel jüdische Kraft zugeivendet »vurde, und wenn man auch nicht behaupten kann, das; die ans;erlichen Erfolge in diesen Kämpfen besonders grof; imb erhebend waren, innerlich hat die Bewegung auf den Charakter des Inden gewirkt, und besonders der vor etwa zwanzig Jahren entstandene „Zentralverein", die größte und wichtigste politische Organisation der deutschen Jndenheit, hat in treuer lind mühevoller Arbeit Hervorragendes geleistet. Er hat geholfen durch Mahnung llnd Ansenermlg den deutschen Inden mcit stolzer, weit freier imb selbstbeivußter zu machen, er hat ihn wieder das Gefühl für Menschenwürde gewinnen lassen. Wenn aber nun große Scharen von Juden glauben, daß sie durch diesen .Kampf um die Gleichberechtigung allein irgendwie positive Arbeit geleistet haben und so in dieser Rechtserringung das Wesen des Iudentmns erblicken, so sind sie in einem gewaltigen Irrtum. Es wäre traurig, wenn diese Betonung und Propagierung der elementarsten sittlichen Menschenpslicht schon jüdische Arbeit sein sollte. Dem bloßen Trotzjudentum fehlt der Inhalt. Es ist nichts Selbständiges, sondern abhängig von dem Haß der anderen. Nimmt die Feindschaft für eine Zeit an Stärke ab, so schwindet dieses Judentum von des Antisemitismus Gnaden wie Schnee vorder Sonne und läßt nur trübe, graue Reste zurück. Selbstbewußtsein 11 itb Würde sind eine selbstverstärldliche Bcg! eiterscheinung j eder positiven Auffassung vom Judentumsie sind ein natürlicher Ausfluß der Lehre vom gvttesähnlichen Menschen. Jyiir sich allein bedeutet ein Trotzjudentum aber nichts, und es liegt sogar eine gewiss'.' Gefahr darin, wenn es als LLt i'rvior.un-.i; er'.'i'gt verr .i'lncyenr, .«ü an wirklich etlvas 'Bleibendes geschähe, und kann so positive Arbeit hindern! Etwas mehr Wert hat schon das soziale Iudcntunl. Das unendliche Judenelend des nahen und fernen Ostens hat nicht umsonst seine entsetzlichen Bilder unverhüllt dem Westen gezeigt, sie haben das jüdische Herz gepackt und mit allen Kräften hat inan .pl helfen begonnen. Der scharfe wirtschaftliche Antisemitismus erzeugte imb erzeugt auch in den Ländern des Westens wirtschaftliche Rot, und so vergrößerte sich von Tag zu Tag das Gebiet, auf dem die sozialen Instinkte deS Iudentmns sich bewähren können. Es ist überflüssig, hier auf die Größe und Ausdehnung deS Hilfswerks hinzuweisen, auf die Fülle von Aufgaben, an die es sich gemacht hat, auf die unendliche Menge von Leid, die es gelindert und gestillt hat. Aber trotz aller Lobeserhebungen, die dieser Auffassung vom Judenttim selbst von der andersgläubigen Welt zuteil werden, gilt von ihr nichts anderes als vom Trotzjudentum, daß sie nämlich als selbstverständlicher Ausfluß der jüdischen Religion groß lind erhaben ist, als selbständiger Faktor aber nichts!. Wie jenes die psychische Not voraussetzt, ist deS sozialen Judentums Borbedingung das physische Elend. Schwindet dieses einmal, obwohl für die nächsten Jahrhunderte wahrlich wenig Aussicht darauf vorhanden ist, so fehlt ihm der erweckende Antrieb, und das Judentum der Leute, denen es ntir soziale Probleme bot, ist dahin. Es sind dies leider nicht wenige Männer, und recht gewichtige und klangvolle Namen finden sich darunter, für die sich das Illdentmu in Wohltätigkeitsfragen und solchen der Gemeindeverwaltung erschöpft, und deren Iltdentum darum, so anerkennenslvert ihr Wirken im einzelnen sein mag, als Weltanschauung wertlos ist. Das nationale Juden tum, das sich während der letzten Jahre die Anerkennung unter unseren Glaubensgenossen zu erkämpfen versucht, hat vor den beiden besprochenen Erscheinungen das eine voralls, daß es eine positive Auffassung darstellt und nur indirekt von Jeitei.ttlüssen abhängt. Wenn wir nun auch diesen Bersuch, das Wesen des Judentums anders als hu Religiösen zu suchen, ablehtten, so sei von vornherein betont, daß wir nicht gegen das Nationale als Begleiterscheinung religiöser Borstellungen uns wenden. Israel war einst eine Nation, und es ist klar, daß denl historischen Beharrungsvermögen zufolge sich in den religiösen Bräuchen mancher nationale Ueberrest erhalten hat, in den Gebeten sich manche Wendung von nationaler Färbung vorsindet. Welche Stellung mnn .>? diesem .Nntivluriismnt' einnekr'.en roüif- - m Fraae ::ur zT:rr::rr.nn.'.z2v rrr, '.r»rmnr .rrr nein Sranovunr't srenr, vaß .Jwenrurn Reiigrmr ist. Wogegen der religiöse Standpunkt Front macht, ist die Anschauung, die im Judentum auch heute noch in erster Reihe eine Nation erblickt, und die Juden unbeschadet ihrer beliebigen Stellung zum Glauben in erster Reihe durch nationale Bande aneinandergekettet sein läßt, die in der Religion selber höchstens ein Produkt des jüdischen Nationalgeistes erblickt, das man auch ablehnen kann, ohne darum feine Eigenschaft als Jude zu verlieren. Hier klafft eine der wichtigsteil Fragen unserer ganzen In kaust, denn Nation und Religion stehen in dem Berhältnis des Zeitlichen zum Ewigen, und nur dann hat das Judentum eine ewige Zukunft, wenn es von der durch seine Geschichte unzweifelhaft gegebenen religiösen Richtung sich nicht entfernt.

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