KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1912-1913
- Issue
- Heft 3 (1.12.1912)
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 70 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/2268830-2268832-2268836--0680-2269891- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
70 Intellektsopfer hinaus kommen. Gott ist einzig, einig und unzertrennbar, die Vorstellung einer Drei einig keil ist darum für das Judentum ebenso undenkbar, wie sie es für das kritische Denken ist. Der eine einzige Gott legt zwar in die menschliche Seele das Gottesbewußtseiu und den Drang zur GotteSebenbildlichkeit, gibt aber von seiner unteilbaren Allmacht naturgemäß feinem geschaffenen Wesen irgend etwas ab. Darum kennt das Judentum keine vermittelnden Heiligeil. die des Gläubigen Gebet vor Gottes Thron bringen, es kennt keine Engel ilnd keinen Teufel, es kenilt feine P r i e st e r in eihe lind keine Priestergewalt mit der.straft zn verdammen luld freizusprechen, es kennt keine Mysterien unerklärlicher Natur, welcher Art sie auch inuncc sein mögen, ganz davon zn schweigen, das; es keins der Dogmen besitzt, die ivegen iljrcr Dnrchbrechlmg der Naturgesetze dem Verstände nie einleuchten können. DaS Judentum kennt einen Wilnderglanben als dogmatische Forderung lind Miitcrium der Nechtglüubigkeit überhaupt nicht. IHml) die m essianis ch e ir V o r st e l l u n g e ll sind klar lind einleilchtend. Wir vermeinen nicht, das; trotz alles sichtbaren Unglücks nlld aller Greuel der Welt der Messias schon gekommen sei, und uns ist das messianische Zeitalter, das ja auch natfj christlicher Ansrhaliullg ein solches des Glücks nnb des Friedens sein soll, fest und unauflöslich verknüpft mit bem Gedanken an den Sieg der wahren i'iebe und des Utechts. Ilnd gerade in diesem Punkte, im messianischen Gedanken und den Verhältnissen der Welt, hat das Judentum einen Wertmesser für die Bedeutung seiner Ans sassungen, bereit Nichtigkeit voit den Erfahrliugstatsachen der Geschichte bestätigt tvird. Bon gleicher .Klarheit und Vernünftigkeit ist auch die Ethik des Judentums, was sich aus der Einfachheit des Gottesbegriffs von selber ergibt, da nach unserer Auffassung sich das ethische Wollen rmr im Streben nach Gottesähulichkeit betätigt, Ullser Erlösungsgedaute ist klar und überzeugend, kein Mittler schiebt sich ein zwischen Gott und seine Menschenkinder, kein äußerliches Gnaden mittel kann tmsere Schuld lösen, keins ist auch notwendig, um uns rein und frei 311 machen. Der Mensch erlöst sich selber durch Nelle nnb Buße, durch die Erkenntnis seiner Sürldhaftigkeit. dllrch ben Willen zur Besserung nnb die Besiegelung dieses Strebens durch die gute Tat. Jeder kann sich selber durch feine sittliche Arbeit die Seligkeit errillgen. Das Judentum lehrt, das; die Seele rein aus Gottes Schöpferhmld hervorgegaugeil ist, incht dllrch Erbsüllde belastet, nnb der Opsertod eines Gottes zur Sühne für Mellschenfehl hat im jüdischen Glaubellsshstem keinen Platz. Das Judentum kennt fernerhin kein Sakrament wie das der Taufe, das dell Anspruch darailf lnacht, imbedingte 'und eiilzige Voraussetzung für die Erlanglmg der Gnade Gottes 31t sein; das Judentum achtet darunt andere Glallbeilsivege und vermeint llicht a l l ei n s e l i g m a ch e u d 311 sein. Es stellt keine ethischell Forderungen auf, deren Einhaltung einfach unmöglich i>k. die kaum .je auch voll religiösen Menschen l>eachtet worden sirrd. >vie die der F e i ll d e s t i e b e. Es achtet das Setbstbewußtseill des Vlcuschen und verlang! ilicht, daß er die linke Wange Hinhalten solle, lvenn die rechte geschlagen sei, und daß er so ein Unrecht bnlbe und fördere. Wie alles andere ist auch schließlich der ll nsterblich keitsge dalike des Judentums klar und einleuchtend. Das Bewlißtseill der Ewigkeit Gottes und das Gottesbewußtseill in ulls lassen uns wissen, daß llusere Seele als ein Teil Gottes unsterblich in. Unsei irdi scherBerstaiid jedaäl.deruns nicht gestattet über die Sphäre des Diesseitigen hillüberzngreifen, hilldert lllls darall, llus in Allsmalungen und Phautasieen über den künftigen Zustand oder gar ein Feuseitsleben zu ergehen. So blieb auch Uliser Judentum — von wenigen Ausnahmen abgesehen. wie z. B. der des pantheistischen Ehassidislilus, in dem christlicher Eillftuß unverkellllbar vorhanden ist — verschont von dem Eindringen abergläubischer Vorstellungen, lvelche sich mit Vorliebe an die Jenseitsvorstelluugen kllüpfell, llnd anf diesem wie auf! jedem anderen hier nicht erwähnten Gebiete beweist bei eineul kritischen Blick auf die Glaubensuild Sittenlehre des Fudentums der Vergleich mit deil religiöseil Achchlmungen unserer Ulllgebuug llllS am allerben ul. ivarum wir immer fester zu unserenl Glanben stehen müssen. Die ehristlühe Ethik basiert dltrchans auf der jüdischen. Wo sie weite! gegangen ist. so neben den allgeführten Eiuzelau schaumigen in der ganzell Bewertung des irdischen Lebens als eilles Janllllertats, deal die eigentliche Herrlichkeit erst llvch solgeu luird, lehnen wir sie entschiedell ab. Fn der Ethik wie im .Kultus ist es eben augenscheinlich, daß das Ehristelltnm sich von den Völkern, unter die es getragen wurde, hat beeiilfUlssen lassen, daß es.Komprolllisse geschlosseil ulld dadurch ^Anschauungen auf gellonulten hat, die das Judentum nie und nimmer als berechtigt anerkennen kann. Unser Stolz auch in der Gegenwart bleibt es, daß lvir ohne lwch rechts inrd nach links zu blicken uns sittlich auf dein Boden prophetischer Ethik in uns selber und aus uns selber gänzlich unbe einflußt fvrtentwickelt haben. Das bleibt allch das Wichtigste, wenn wir uns den Zukunfts gründen für unser Be-