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KC-Blätter · 1912-12-01 · Heft 3 (1.12.1912) · p. Seite 65

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Journal
KC-Blätter
Volume
1912-1913
Issue
Heft 3 (1.12.1912)
Date
1912-12-01
Page
Seite 65 (sequence 13)
Language
German
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65 seine lebendige, schaffende Kraft sich bewahrt hat. das; es darum Misere Aufgabe sein muß. diesem Wesen unserer Gemeinschaft wieder zu seinem Rechte im modernen Leben zu verhelfen, so zerfällt ihre Aufgabe in zwei Teile. Zuerst muß untersucht werden, welche des modernen Menschen Stellung zur Religion überhaupt ist. und es ist zu zeigen, daß der religiöse Glaube einen unentbehrlichen Faktor für die harmonische Ausgestaltung der Kultur bedeutet. Erst auf dieser Grundlage ist cs möglich darzutun, warum wir Faden unserer Art dem Glauben mit aller Kraft anhängcn müssen, warum gerade wir auch nicht den geringsten Anlaß haben können, daran zu zweifeln, das; einerseits die Religion in der Menschheit Geschichte ihre Rolle noch lange nicht ausgespielt hat und ihr die Zukunft gehört, daß anderseits in dem Streite der vielen verschiedenen Glanbensanschaumigen den Grundsüßen des Judentums der Sieg beschieden sein wird. Zwar ist es in den letzten Fahren bedeutend besser geworden. aber immerhin lvird mall vieler nroderner Durchschnittsmenschen Stellung zur Religion dabin präeisieren können, daß für sie zwischen Glauben und der modernen Bildung eil, nnendlicher Zwiespalt klafft, und da der Zeitgenosse in der letzteren das Ende aller Wahrheit mld Weisheii ficht, bleibt für die Religion zilllt mindesten Gleichgiltigkeit, meist aber Verachtung und Spott, für ihre Anhänger Mitleid übrig, und es verbindet sich häufig damit ein offen ausgesprochenes Mißtrauen gegen die Ehrlichkeit mit» die Absichten der Geistlichen aller Konfessionen. Es genügt nun ivirklich nicht, daß man von religiöser Seite gegen diese bedauerliche Tatsache nüt wuchtigen Scheltworten zu Felde zieht; denlt wie jede enldere hat auch diese Krankheitserscheinung eine Ursache, an der die praktischeli Umformungen der Religion, die verschiedenen Konfessionen durch ihre Haltung nicht so ganz unschuldig sind. Ihrem Gebühren ist es zu verdanken, daß man beständig Konfession und Religion verwechselt, daß man stets an das Aenßere und Aeußerliche denkt, und selten nur an das wahrhaft Religiöse, das allen Richtungen monotheistischer Religionen gemeinsant sein mitß. Kants Ansspruch, daß es zwar vielerlei Arten des Glaubens gebe, aber nur eine wahre Religion, hat sich noch keine Anerkennung erringen können. Die Konfessionen selber schieben nicht das Ewige und Unvergängliche in den Vordergrund, nicht ihre Grundlehren, sondern die vergänglichen Dogmen der Geschich te, die vorübergehenden Formen der Zeit, die lediglich Ansdrucksformeu der großen Jdeelt sind. Welche Rolle spielen nicht im Katholicismus die Stellung des Papstes, seilte Unfehlbarkeit, die Kämpfe um politische Macht, die Disciplinlnittel der Kirche! Beim Protestantismus denkt man atlch zuerst an bcn streitbaren Luther und den Gegensatz zum altert Glauben, den er schuf, ttttd das große Publikum weis; nur zu sagen, von den Stürmern ttttd Streitern, von Namen wie Harnack tmd Iatho. Auch im Judentum spielen für die große Masse die Meinungsverschiedenheiten über die Speisegesehe, über Sonn* tagsgottesdienst und Orgel, also über Tinge, die, von höherer Warte ans betrachtet, immerhin unbedeutender sind, die allergrößte Rolle. Und da gerade diese trennender! Momente gegeneinander ausgespielt rverden. da sie Scheidewände im Innern schaffen und Parteien entstehen lassen, die sich scharf befehden, bleibt gewöhnlich für das Gemeinsame und Einigende an .ueaft und Zeit recht wenig übrig, und abgesehen davon, daß die Vergeudung der besten Nüttel die Konfessionen an der Erfüllung wichtiger positiver Arbeiter! hindern, wird der üble Einsrink. den diese ccclesine militantes bieten, oft zu einem geradezu lächerlichen, rvenn die merkwürdigsten Kleinigkeiten und die seltsarnsten Aeußerlichteiten mit dem Höchsten und Erhabensten ans eine Stufe gestellt und mit bem ganzen Rüstzeug«: der Dogmatik und einem verbissenen Eifer verfochten rverden, der rvahrlich größerer und vernünftigerer Aufgaben würdig rväre. Greift inan aber ans das Positive und Große in der Religion zurück, so merft man bald, wenn man nur die Hauptsachen hervor',ebt, daß sie in zwei Dingen der menschlichen Deele unentbehrlich ist. Sie ist es alleiit, die auch dem rnodernen Menschen in der Frage der Welträtsel den rechten Weg zu weisen vermag, irlderrr sie ihn zum Verständnis des Wesens und Wirkens eiries Gottes führt: sie nt es ferner, die ihrn das ethische Bewußtsein gibt, das der wahren rrrrd zwingenden Ethik des Gemüts und nicht des klügelnden Verstandes. Jene Werte lehrt sie, die in dem täglichen Abendgebet des Inden zu einem schlichlen aber klaren Ausdruck kommen, die sich auch im legten Gründe in jenem bekannten Worte des großen Philosophen deutlich ausgesprochen finden: Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mir inuner zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der gestirnte Himmel über mir, und das sittliche Gesetz in mir. Nur die Religivu kann rrus zunächst, wenn Verstand und Seele nach einer Lösung der Weltrütsel suchen, auf den rechten Pfad führen. Das Wort „Weltrütsel" ist mit Absicht gewählt worden, weil an dem gleichnamigen Buche des großen Naturforschers sich noch heute ganze Generationen berauschen, weil sie aus ihm ihre philosophischen Anschauungen herausziehen, die

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